Überraschung bei der IG Metall Rückschlag für Hofmann

Demonstrative Freude: IG-Metall-Vize Christiane Benner gratuliert dem Vorsitzenden Jörg Hofmann zur Wiederwahl – Hauptkassierer Jürgen Kerner (von links) applaudiert. Foto: dpa

Nach dem dürftigen Wahlergebnis von Nürnberg muss der Vorsitzende der IG Metall, Jörg Hofmann, auf die Kritiker zugehen und rasch für Stabilität sorgen. Eine Führungskrise der Gewerkschaft wäre fatal, meint Matthias Schiermeyer.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Nürnberg - Die Einheitsdemonstration von Nürnberg zeigt deutliche Risse. So groß ist die Geschlossenheit der IG Metall nicht, wie es ihre Führung so gerne versichert. Ausgerechnet der Vorsitzende wurde von jedem dritten Delegierten des Gewerkschaftstags mit Missachtung gestraft. Für Jörg Hofmann ist das Wahlergebnis ein unerwarteter Rückschlag im Bemühen, die Gewerkschaft fit zu machen für den Wandel der Wirtschaft.

 

Die Gründe sind vielfältig: So spiegelt das Resultat eine große Verunsicherung an der Basis. Hofmann redet einer Neuausrichtung der IG Metall vor allem in der Klimapolitik das Wort. Von dieser Verschärfung sehen sich aber viele Beschäftigte in der Automobilproduktion bedroht – sie würden gerne noch etliche Jahre konventionelle Antriebe bauen. Hofmann prescht ihnen zu schnell voran.

Unter ihnen ärgern sich auch einige über seine kategorische Kampfansage an die Sympathisanten der AfD. Wer das Agitieren der Rechtspopulisten gegen einen ernsthafteren Umweltschutz und gegen Überfremdung für richtig hält, will mit sachlichen Argumenten vom Gegenteil überzeugt, aber nicht vom Gewerkschaftschef mit dem Rauswurf bedroht werden.

Stets auf der Sonnenseite regiert

Dazu passt, dass sich viele Ostdeutsche generell benachteiligt fühlen. Aus ihrer Sicht müsste Hofmann mehr Elan zeigen, um in den neuen Ländern die 35-Stunden-Woche gegen die Arbeitgeber durchzusetzen. Vielleicht wollte mancher Kongressteilnehmer auch in Erinnerung an den 2003 gescheiterten Kampf um die Arbeitszeit Ost nochmals alte Schlachten schlagen – gegen die Pragmatiker aus dem mächtigen Bezirk Baden-Württemberg.

Überraschend ist die gefühlte Wahlschlappe insbesondere, weil Hofmann in den vergangenen Jahren stets auf der Sonnenseite regiert hat – in Zeiten der Hochkonjunktur und der vollen Unternehmenskassen. Die Tarifergebnisse fielen demzufolge über alle Maßen gut aus. Und auch auf der politischen Bühne agiert der IG-Metall-Chef so erfolgreich wie praktisch keiner seiner Vorgänger. Die Gewerkschaften profitieren spürbar von der großen Koalition.

Wie viel internen Gegenwind mag es erst geben, wenn sich die Zeiten radikal verschlechtern? Der oberste Metaller steht vor Schwierigkeiten, die die Probleme der Finanz- und Wirtschaftskrise noch überragen. Der Stellenabbau hat längst eingesetzt. Sowohl unter dem Druck zu hoher Herstellungskosten in Deutschland als auch aufgrund eines kühlen Renditestrebens großer Unternehmen werden verstärkt Werke nach Osteuropa verlagert.

Wachsende Angst um die Jobs

Die Beschäftigten haben zunehmend Furcht um ihre Jobs und werden dabei von einem diffusen Gefühlsgemisch geleitet. Der Konjunkturabschwung und die Verlagerungen ängstigen sie ebenso wie das Aufkommen Künstlicher Intelligenz und der Wandel von der Verbrennertechnologie zu emissionsfreien Antrieben. Hofmann will ihnen mehr Sicherheit geben, dringt damit aber noch nicht durch.

Auf die Arbeitgeberverbände kann er – anders als in der Finanz- und Wirtschaftskrise – nicht zählen. Die haben bisher kein Interesse am Grundkonsens, die Jobs zu bewahren. Nicht einmal ihre eigenen Reihen wollen sie geschlossen halten. Es ist ihre Art, sich für den dauerhaften Hochlohnkurs der IG Metall zu revanchieren.

Ein Wahlergebnis von 71 Prozent für den Vorsitzenden führt die IG Metall beileibe nicht in die Krise. Doch muss Hofmann selbstkritisch analysieren, wie er die internen Widerstände abbauen und die wankende Sozialpartnerschaft mit den Arbeitgebern stabilisieren kann. Eine Führungsschwäche kann sich die Gewerkschaft in dieser Umbruchphase nicht leisten. Sie würde womöglich viele Beschäftigte in Mitleidenschaft ziehen.

Weitere Themen