Überraschung bei Regierungsbildung Merz holt DB-Finanzchef als Chefberater

Levin Holle – geht er als Berater ins Kanzleramt? Foto: Carsten Koall/dpa

Im Bahnkonzern wird ein rascher Wechsel von Levin Holle ins Kanzleramt erwartet – und angesichts der Gehaltseinbußen als starke Entscheidung fürs Gemeinwohl gewürdigt.

Korrespondenten: Thomas Wüpper (wüp)

Noch gibt es keine offiziellen Bestätigungen. Doch in Unionskreisen und auch bei der Deutschen Bahn AG heißt es, dass der designierte neue Regierungschef Friedrich Merz den bisherigen DB-Finanzvorstand Levin Holle als ökonomischen Chefberater verpflichtet hat. Im größten Staatskonzern geht man davon aus, dass der frühere Unternehmensberater und Abteilungsleiter im Bundesfinanzministerium bald nach der beabsichtigten Wahl von Merz, die für den 6. Mai geplant ist, ins Kanzleramt wechselt. Einen Tag später wird Holle 58 Jahre alt.

 

Im DB-Konzern wird der Wechsel als starke Entscheidung für das Gemeinwohl gewürdigt. Beim Konzern verdiene Holle rund sechs Mal so viel wie künftig als Leiter der Abteilung 4 im Kanzleramt, sagt ein Insider. Voriges Jahr erhielt der gebürtige Düsseldorfer für seine Arbeit als Finanzvorstand rund 1,25 Millionen Euro, DB-Chef Richard Lutz bekam fast eine Million mehr. Im Kanzleramt soll Holle die Wirtschafts-, Finanz- und Klimapolitik organisieren, die Nachrichtenagentur Reuter hatte als erste über die Personalie berichtet.

Holle gilt als Zahlenexperte

Im DB-Konzern gilt Holle als Zahlenexperte, nicht immer entscheidungsfreudig, aber mit klaren Leitlinien. Unter seiner Aufsicht wurde der größte Staatskonzern stark verschlankt und musste sich gemäß den politischen Vorgaben von großen Auslandsgeschäften trennen. Mit dem inzwischen vollzogenen Verkauf der britischen Bus- und Bahntochter Arriva und der Trennung vom Logistikunternehmen Schenker, die derzeit läuft, verliert der Konzern rund 40 Prozent seines Umsatzes, den größten Gewinnbringer und rund 100 000 der vormals mehr als 330 000 Beschäftigten.

Der wahrscheinliche neue Kanzler Friedrich Merz Foto: Michael Kappeler/dpa

Der promovierte Jurist startete seine Karriere nach dem Studium in Freiburg und Göttingen bei der Unternehmensberatung Boston Consulting, wo er sich als Experte für Finanzmärkte in 15 Jahren bis zum Partner und Leiter des Berliner Büros hocharbeitete. Überraschend wechselte Holle 2012 ins Bundesfinanzministerium, übernahm dort unter Minister Wolfgang Schäuble (CDU) die wichtige Abteilung Finanzmarktpolitik. Schon damals akzeptierte Holle mit dem Wechsel in die Politik deutliche Einkommenseinbußen, was nicht so häufig vorkommt und auch von Schäuble gewürdigt wurde. 2018 wurde er in den DB-Aufsichtsrat berufen, zwei Jahre später Vorstand für Finanzen und Logistik und unter anderem zuständig für die jährliche DB-Bilanz, die er zuletzt Ende März mit DB-Chef Richard Lutz den Medien präsentierte.

Im Kanzleramt übernimmt der Finanzexperte künftig eine gewichtige Rolle. Der Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung bereitet für den Regierungschef wichtige Entscheidungen und internationale Gipfeltreffen vor, ist Ansprechpartner für Wirtschaftsverbände und Unternehmen. Der Posten gilt auch als Karrieresprungbrett. Für den bisherigen Kanzler Olaf Scholz (SPD) übernahm Jörg Kukies diese Aufgaben, er ist inzwischen Finanzminister. Angela Merkel vertraute Jens Weidmann, der dann Präsident der Bundesbank wurde.

In der Bahnbranche wird die Entscheidung für Holle teils als geschickter Schachzug von Merz gesehen. Der größte Staatskonzern gilt als schwerer Sanierungsfall, steckt tief in den roten Zahlen und hat seit der Corona-Krise rund zehn Milliarden Euro Verluste eingefahren. In diesem Jahr werden zwar zumindest operative Gewinne vor Steuern und Zinsen angepeilt, doch die DB bleibt hoch verschuldet und braucht weitere milliardenschwere Finanzspritzen aus öffentlichen Kassen. Für die Modernisierung der lange vernachlässigten Infrastruktur soll der Konzern zudem weitere hohe Milliardensummen vom Staat erhalten.

Der neue Chefberatersoll Reformideen liefern

Als Nachfolger des bisherigen Bundesverkehrsministers Volker Wissing (parteilos) wird zwar federführend bald der bisherige Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Bundestagsfraktion, Patrick Schnieder, für die Bahn zuständig sein. Mit Holle sitzt künftig jedoch künftig zudem ein DB-Insider direkt in der Regierungszentrale, der die Probleme und Schwachstellen des weitverzweigten Unternehmens bestens aus eigener Erfahrung und dem innersten Zirkel kennt.

Union und SPD haben im Koalitionsvertrag vereinbart, Vorstand und Aufsichtsrat des Konzerns neu aufzustellen und die bundeseigene, hoch bezuschusste Infrastruktur mehr von der Holding der Aktiengesellschaft zu entflechten. Ziele sind „mehr Fachkompetenz“ und eine Verschlankung, die genaue Umsetzung ist zwischen Union und SPD strittig. Für den designierten Regierungschef Merz kann sein neuer ökonomischer Chefberater sicher Reformideen liefern, wie die Bahn zuverlässiger und effizienter werden kann.

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