Überraschung im Osmanen-Prozess in Stuttgart Osmanen-Chef Mehmet Bagci kommt frei

Der Osmanen-Chef Mehmet Bagci, hier mit seinem Verteidiger Tobias Voggel, könnte in den nächsten Wochen aus der Untersuchungshaft entlassen werden. Der Stuttgarter Osmanen-Präsident Levent Uzundal (rechts) hingegen wird im Prozess erneut schwer belastet. Foto: Lichgut
Der Osmanen-Chef Mehmet Bagci, hier mit seinem Verteidiger Tobias Voggel, könnte in den nächsten Wochen aus der Untersuchungshaft entlassen werden. Der Stuttgarter Osmanen-Präsident Levent Uzundal (rechts) hingegen wird im Prozess erneut schwer belastet. Foto: Lichgut

Nach fast einem Jahr Untersuchungshaft darf der Osmanen-Anführer Mehmet Bagci bald auf freien Fuß. Im Stuttgarter Prozess gegen die Anführer des türkischen Rockerclubs gibt es einige Überraschungen.

Politik: Rafael Binkowski (bin)
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Stuttgart - Seit fast einem Jahr sitzt der 46-jährige Osmanen-Präsident Mehmet Bagci in Untersuchungshaft. Er ist der unumstrittene, charismatische Anführer des türkisch-nationalistischen, inzwischen verbotenen Boxclubs Osmanen Germania BC und lässt sich von den Mitgliedern auf Türkisch mit „Führer“ ansprechen. Bagci steht seit Mai mit sieben weiteren Mitgliedern der laut Innenminister Horst Seehofer (CSU) kriminellen Organisation wegen schwerer Gewalttaten vor Gericht. Dabei geht es vor allem um so genannte Abstrafungsaktionen gegen Aussteiger. Nach 23 Verhandlungstagen hat der Richter Joachim Holzhausen den Haftbefehl für den Gründer der Organisation bis zum Urteil im Mai 2019 ausgesetzt.

Mit einem Lächeln quittierte der mehrfache Familienvater und frühere Kickboxer Bagci den Beschluss. Das Gericht hat eine Art Zwischenbilanz gezogen für den Mammutprozess im Hochsicherheitssaal des Stammheimer Gefängnisses, der stets von einer großen Zahl von Polizisten überwacht wird. „Rechtshinweis“ nennt sich das im Juristendeutsch – und Holzhausens Bewertung der bisherigen Verhandlung dürfte das Lächeln im Gesicht von Mehmet Bagci noch verstärkt haben. Denn in drei der wichtigsten Fälle sieht das Gericht keinen Beleg für Tötungsversuche, die der Staatsanwalt Michael Wahl zu Beginn des Verfahrens im Mai unterstellt hatte.

Bagci: Anstiftung zur Falschaussage nicht nachweisbar

Mehmet Bagci, der 2015 die Osmanen in Frankfurt ins Leben gerufen hatte, steht unter anderem deswegen vor Gericht, weil er einen wichtigen Zeugen bedroht und zu einer Falschaussage vor Gericht angestiftet haben soll – so die Anklage. Dabei ging es um das Opfer eines Gewaltexzesses in Herrenberg: Der damalige Gießener Osmanen-Präsident soll im Februar 2017 in einer Wohnung festgehalten, geschlagen, angeschossen und fast umgebracht worden sein.

Bagci soll eben jenes Opfer später dazu verleitet haben, den Osmanen-Vize Selcuk „Can“ Sahin zu entlasten: Dieser habe keinen Auftrag für diese Bestrafungsaktion erteilt. „Was lügst du? Can hat damit nichts zu tun“, soll Bagci laut Handyprotokollen gesagt haben. Eine Anstiftung zur Falschaussage sieht das Gericht darin nicht, auch wenn Bagci Druck ausgeübt habe, so Richter Holzhausen: „Sein Wort war für die Osmanen laut deren Satzung Gesetz.“ Da der Osmanen-Chef einen deutschen Pass, eine Frau mit Kindern und einen Job , sah das Gericht keine Fluchtgefahr.

Schwere Gewalttaten ja, aber keine Mordabsicht

Die anderen sieben Angeklagten bleiben in ihren Gefängniszellen, der Antrag eines weiteren Osmanen-Anhängers wurde abgelehnt – wegen Fluchtgefahr in die Türkei. Zumindest bislang sieht das Gericht allerdings keine Beweise dafür, dass die Angeklagten versucht haben, in internen Abstrafungsaktionen abtrünnige Aussteiger zu töten. Etwa bei der Tat in Herrenberg vom Februar 2017, bei der der Gießener Osmanenpräsident schwere Verletzungen davon getragen hat. „Ein Tötungsvorsatz ist nicht nachweisbar“, so der Richter. Das gleiche gilt für eine Strafaktion in Wuppertal im Juni 2017 – dort kam es zu einem regelrechten Kampf der dortigen Osmanen mit dem Aussteiger Cebrail „Cebo“ Kaya, der aus der RTL-Sendung Stern-TV bekannt ist; oder für eine Abstrafungsaktion in Altbach (Kreis Esslingen).

Stuttgarter Osmanen-Präsident wird erneut belastet

Allerdings deutet sich an, dass Vorwürfe wie gefährliche Körperverletzung und räuberische Erpressung durchaus nachgewiesen werden können. Vor allem der Stuttgarter Osmanen-Präsident Levent Uzundal wird häufig als Auftraggeber für Gewalttaten genannt, etwa beim Fall in Wuppertal. So soll er dem dortigen Präsidenten in Bezug auf den Aussteiger Cebo gesagt haben: „Macht ihn platt, sonst löse ich euer Chapter auf.“ Bis zum 13. August pausiert der Prozess. Dann könnte Bagci auf freiem Fuß sein, wenn er 5000 Euro Kaution zahlt und seinen türkischen Reisepass abgibt – und kein neuer Haftbefehl in Darmstadt gegen ihn erlassen wird. Denn dort wird er wegen einer Diebstahlserie angeklagt.




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