Überraschungsfund Als im Schwarzwald Perserteppiche kopiert wurden

Stefan Drechsle (rechts) hat den Orientteppich den Mitgliedern des Fördervereins Glashütte als Dauerleihgabe überlassen. Foto: Baiersbronn Touristik/Aline Müller

Ein Orientteppich, handgefertigt im Schwarzwald? Das gibt es wirklich. Jetzt ist ein Zeugnis dieses längst vergessenen Kapitels bei einem Lörracher Teppichhändler aufgetaucht.

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Der Schwarzwald ist bekannt für seine Torte und Kuckucksuhren. Schwarzwälder Schinken darf nur so heißen, wenn er auch im Schwarzwald hergestellt wurde, ebenso ist es beim Kirschwasser. Doch im Schwarzwald selber hat man in Zeiten wirtschaftlicher Not offenbar schamlos kopiert: In einem Teppichgeschäft in der Lörracher Innenstadt ist jetzt ein knapp zwölf Quadratmeter großer Orientteppich aufgetaucht, der nicht in Persien oder der Türkei geknüpft wurde, sondern in einem Tal des Nordschwarzwaldes.

 

Stefan Drechsle ist ein erfahrener Teppichhändler. Seit 1990 wird der 67-Jährige von Gerichten in Scheidungs- und Nachlassverfahren als Sachverständiger eingesetzt und von Versicherungsgesellschaften mit Schadensgutachten beauftragt. Doch auf den Teppich, den er vor mehr als 15 Jahren bei einer Auktion im südbadischen Sulzburg ersteigert hatte, konnte er sich einfach keinen Reim machen. Dass das gute Stück „nicht ganz koscher“ war, sei ihm schon klar gewesen, bevor er das Höchstgebot abgegeben habe, sagt Drechsle. „Aber manchmal fühlt man sich genau davon ja angezogen.“

Das Originaletikett gibt den Hinweis

Wären auf dem Teppich dunkle Tannen und Frauen mit Bollenhüten abgebildet gewesen, wäre die Verortung einfach gewesen. Doch tatsächlich wirkt der handwerklich sauber gearbeitete Teppich wie ein klassischer Bidjar: ein aus Arabesken gebildetes Zentralmedaillon liegt auf einem Heratimuster, seitlich flankiert von Lanzettblättern. Allerdings waren die Farben zu blass. In den Balkan ließ sich der Perser auch nicht einordnen. Es blieb ein Rätsel.

Ohne klare Herkunft gelangte der Teppich all die Jahre nicht in den Verkauf. Erst als Drechsles Tochter Annique in die Firma einstieg und den Vater nach dem Teppich fragte, war dessen Wissbegierde neu entfacht. Den entscheidenden Hinweis lieferte das Originaletikett mit der Aufschrift „OTK“, das erhalten geblieben war. In den tiefsten Tiefen des Internets ließ sich das Geheimnis des Kürzels schließlich lüften. Demnach war es die Bezeichnung der Teinacher Orient-Teppich-Knüpferei AG mit Sitz im Baiersbronner Ortsteil Buhlbach.

Die Experten hatten keine Ahnung

„Ich wäre nie darauf gekommen, dass im Schwarzwald einmal Orientteppiche geknüpft wurden“, gesteht Drechsle. Auch keiner seiner Kollegen habe je davon gehört. Doch die Geschichte ist wahr. Demnach hatte die Teppichknüpferei einst einen wichtigen Wirtschaftszweig im oberen Murgtal gebildet. In der stillgelegten Glashütte in Buhlbach sollen zwischen 1925 bis 1945 bis zu 450 Frauen und Mädchen an eigens dafür angefertigten Knüpfstühlen die Orientteppiche hergestellt haben. Eine im Kaiserreich in die Türkei ausgewanderte und im Ersten Weltkrieg nach Deutschland abgeschobene Familie hatte die Idee mitsamt Mustern mitgebracht.

Einer der Knüpfstühle, die 1945 den Mitarbeitern für weitere Heimarbeit überlassen worden waren, häufig aber einfach verfeuert wurden, steht mittlerweile wieder in der als Kulturdenkmal erhaltenen Glashütte. Inzwischen ist auch der Lörracher Teppich als Dauerleihgabe dort eingetroffen. Stefan Drechsle ist sofort klar gewesen: „Der muss da hin!“

Das Originaletikett gibt den entscheidenden Hinweis. Foto: Baiersbronn Touristik/Aline Müller

Dabei dürfte das 36 Kilogramm schwere Exemplar bei einer Auktion locker einen fünfstelligen Betrag erzielen. Bislang noch ist es ein Unikat. Während des Zweiten Weltkriegs waren viele der Schwarzwälder Orientteppiche zur sicheren Aufbewahrung in die Glashütte zurückgebracht worden. Nach dem Krieg nahm die französische Besatzungsbehörde die Teppiche in Besitz und ließ sie nach Frankreich transportieren. Dort verliert sich schließlich ihre Spur.

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