Übertreiben wir es mit Me-Time? Warum wir nicht ständig jedes Gefühl ernst nehmen müssen
Der Umgang mit den eigenen Gefühlen ist in den letzten Jahren ein immer größeres Thema geworden. Ein zu großes, findet die Hamburger Psychologin Gitta Jacob.
Der Umgang mit den eigenen Gefühlen ist in den letzten Jahren ein immer größeres Thema geworden. Ein zu großes, findet die Hamburger Psychologin Gitta Jacob.
Abgrenzung, Me-Time, Bedürfnisorientierung – Schlagwörter, die seit Jahren auf Instagram und Tiktok kursieren. Sie haben längst den Alltag erobert. Wer heute eine Geburtstagsparty plant, bekommt oft am Tag selbst, wenn das Essen schon fertig ist, reihenweise Absagen. Die Begründung: „Sorry, die Woche war stressig, ich muss mich um mich kümmern. “ Oder: „Ich brauche Me-Time. “ Und da steht man dann – mit dem ganzen Essen.
Laut unzähligen Reels und Memes in sozialen Netzwerken ist das völlig legitim. Es geht sogar weiter: Nervt jemand im Umfeld? Kontakt abbrechen. Bestimmt eh ein Narzisst. Wer schwierig ist, gilt schnell als toxisch. Triggerwarnungen, ursprünglich für Menschen mit schweren Traumata gedacht, tauchen inflationär auf. Selbst harmlose Texte über Diäten tragen Warnungen wie „CN Essen“.
Die Hamburger Psychologin Gitta Jacob sieht diese Entwicklung kritisch. „Es scheint, als glaubten viele, ein emotional perfektes Umfeld sei nötig, um sich wohlzufühlen, sich zu entfalten und psychisch stabil zu bleiben“, sagt sie. In ihrem Buch „Zu viel Gefühl“ beschreibt sie – entgegen dem Zeitgeist –, wie wir unsere Emotionen lenken lernen, anstatt uns von diesen beherrschen zu lassen.
Besonders bei jungen Menschen beobachtet Jacob diese Tendenzen – wie bei der jungen Frau in ihrem Umfeld, die ihr Studium kaum bewältigte, aber schon 200 Therapiestunden hinter sich hatte. Sie fand es überfordernd, in ihrer WG Pfandflaschen wegzubringen, wollte dort aber ständig „Plenen“ einberufen, um über ihre Bedürfnisse zu sprechen. Ständig betonte sie, sie müsse sich abgrenzen. „Abgrenzung, das Wort kann ich fast nicht mehr hören“, sagt Jacob.
Ursprünglich aus der Psychotherapie stammend, sollte es Menschen wie einer 50-jährigen Frau der Nachkriegsgeneration helfen, die vielleicht nie gelernt hatte, sich selbst wichtig zu nehmen. „Für diese Frauen war es befreiend, auch mal ‚nein‘ zu sagen“, so Jacob.
Neben der Achtsamkeit für eigene Gefühle und Bedürfnisse ist es heute verbreitet, sich intensiv mit Kindheitstraumata zu beschäftigen und Trigger zu meiden. „Selfcare wird als Schlüssel zum körperlichen, emotionalen und mentalen Wohlbefinden gepriesen“, sagt Jacob. Doch der Fokus liegt meist auf negativen Gefühlen wie Stress, Angst oder Einsamkeit. Jacobs Erklärung: „Die eigenen Bedürfnisse stehen im Vordergrund.“
Viele übernähmen weder Verantwortung für ihr Leben noch berücksichtigten sie auch die Bedürfnisse anderer. Dabei seien wir soziale Wesen, die in Gruppen funktionieren. „Einsamkeit ist ein großes Thema, weil viele sich nicht mehr auf enge Bindungen einlassen.“ Soziale Pflichten werden kaum noch übernommen. „Doch genau die brauchen wir, um psychisch stabil zu bleiben.“
Viele suchten Bestätigung und Bindung, konzentrierten sich aber zu sehr auf sich selbst. „Das führt zu instabilen Beziehungen – und Einsamkeit“, sagt sie.
Studien bestätigen: Wer verbindliche Beziehungen pflegt, Verpflichtungen übernimmt und sich um andere kümmert, lebt gesünder und zufriedener. Die Harvard-Neurowissenschaftlerin Julianne Holt-Lunstad betont, dass soziale Kontakte Teil unserer Neurobiologie sind, und unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen. Fehlen sie, drohen Krankheiten: Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, Depressionen, Angststörungen, Sucht, Suizid, Demenz und Alzheimer. Eine Meta-Analyse zeigt: Einsamkeit erhöht das Sterberisiko um 25 Prozent, soziale Isolation um 29 Prozent, Alleinleben um 32 Prozent.
Eine andere Harvard-Studie von 2024 zeigt: Soziale Kontakte verlängern das Leben und können psychische Erkrankungen lindern. Menschen, die sich sozial engagieren, etwa durch Spenden oder Ehrenamt, sind nachweislich gesünder, sagt Jeremy Nobel von der Harvard Chan School. Vielleicht macht es also zufriedener, doch zum Geburtstag der Freundin zu gehen, statt auf Me-Time zu beharren. Wer ständig absagt, wird irgendwann nicht mehr gefragt.
Warum beschäftigen sich so viele so intensiv mit sich selbst? In der Kriegs- und Nachkriegsgeneration war es verpönt, über Gefühle zu sprechen, geschweige denn sie als Handlungsanleitung zu nutzen. Nicht zur Arbeit zu gehen, weil man sich traurig fühlt? Undenkbar. Heute wissen wir, dass es ungesund ist, Gefühle zu ignorieren. Doch die Entwicklung, psychische Gesundheit ernst zu nehmen, ist ins Gegenteil gekippt, sagt Jacob. „Nach 20 bis 30 Jahren dieser Entwicklung fühlen wir uns nicht besser – im Gegenteil. “ Einsamkeit, Ängste und Sorgen nehmen zu, besonders bei der Jugend, die sich doch so intensiv mit ihren Gefühlen auseinandersetzt.
Psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angst- und Essstörungen werden häufiger diagnostiziert. Die Zahl der wegen Essstörungen behandelten Mädchen hat sich in 20 Jahren verdoppelt – von 3000 im Jahr 2003 auf 6000 heute. Das meldete kürzlich die Tagesschau. Auch Angststörungen nehmen zu: 2012 waren 5,8 Prozent der gesetzlich Versicherten betroffen, 2023 bereits 7,9 Prozent.
Jacob betont, dass ihre Kritik nicht Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen gilt. „Wer so depressiv ist, dass er die Spülmaschine nicht einräumen kann oder an Suizid denkt, braucht dringend Hilfe. “ Es gehe ihr um normale Gefühle, die zwar unangenehm seien, aber das Leben nicht unmöglich machten. Der Begriff „hochfunktional“ hat sich hier eingeschlichen – ein Modewort aus der Pop-Psychologie. Es beschreibt Menschen, die trotz leichter Depressionen oder Autismus im Alltag funktionieren. „Hochfunktional“ suggeriert jedoch: „Ich leide sehr, bringe aber Leistung.“ Ein fragwürdiger Begriff, der zeigt, wie sich Sprache verändert.
Jacob sieht in all dem eine neue Empfindsamkeit. „Viele junge Menschen haben eine geringe Stresstoleranz“, sagt sie. Konflikte auszuhalten, Verantwortung zu übernehmen oder zurückzustecken, falle vielen sehr schwer. Stattdessen wachse die Erwartung, dass sich das Umfeld um die eigenen Gefühle drehe – privat wie beruflich. Doch nicht jedes Gefühl trägt eine tiefere Botschaft. „Manche entstehen durch Temperament, Stress, Schlafmangel oder Hormonschwankungen“, erklärt Jacob. Es helfe unter anderem, Gefühle zu beobachten, statt sie zu analysieren.
Zudem hat sie einige banal erscheinende Tipps: „Reg dich nicht so auf“ – und ja, das kann man wirklich lernen. Und: „Stell dich deinen Ängsten. “ Wer häufig vermeide, lebe nicht nach seinen Werten, sagt Jacob.
Ständig Zeit für sich zu brauchen, kann übrigens auch eine unbewusste Vermeidungstaktik sein: Verschiedene Studien zeigen, dass das Bedürfnis nach Rückzug oft eine Strategie ist, um ängstigenden Situationen aus dem Weg zu gehen. Das schafft kurzfristig Erleichterung – langfristig werden die Symptome aber häufig sogar schlimmer.