Uefa-Pokal-Finale gegen den SSC Neapel Als der VfB noch international spielte

Von Katrin Schenk 

Ruhmreiche Zeiten gab es beim VfB Stuttgart einige. Einer der Höhepunkte der Vereinsgeschichte war zweifelsohne das Uefa-Pokal-Finale gegen Maradonas SSC Neapel im Jahr 1989. Wir blicken zurück.

Der damalige Präsident des VfB, Gerhard Mayer-Vorfelder (links) mit Trainer Arie Hahn beim Uefa-Cup-Finale gegen den SSC Neapel. Foto: Pressefoto Baumann
Der damalige Präsident des VfB, Gerhard Mayer-Vorfelder (links) mit Trainer Arie Hahn beim Uefa-Cup-Finale gegen den SSC Neapel. Foto: Pressefoto Baumann

Stuttgart - Es gab Zeiten, in denen die Anhänger des VfB Stuttgart nicht Saison um Saison um ihren Verein zittern mussten – sei es um Abstieg oder Wiederaufstieg. Auch wenn der Transfermarkt damals schon umkämpft war und an den Schwaben nicht spurlos vorbeiging, man wusste, dass Klinsmann, Allgöwer, Schäfer und Co. – die „local heroes“ – ihrem Verein für einige Jahre treu verbunden waren.

Das Herz musste einem nicht bluten, wenn man – wie in der aktuellen Saison – einen ehemaligen Jungstar wie Timo Werner für einen Erstliga-Club Tore machen sah. Es waren Zeiten, in denen die Roten richtig gut waren, so gut, dass sie ins Finale des Uefa-Pokals einzogen, eines Wettbewerbs, der in der Saison 1988/89 sehr gut besetzt war: Juventus Turin, Inter Mailand waren vertreten. Der SSC Neapel hatte Bayern München im Halbfinale aus dem Rennen geworfen.

Nun wollten die Neapolitaner rund um ihren Superstar Diego Maradona mehr, sie wollten den Titel, den Pokal. Der Argentinier hatte die Süditaliener groß werden lassen, das Ansehen der Bürger war gestiegen – und das Fieber stieg auch bei uns. Der VfB Stuttgart hatte es endlich mit einem Gegner zu tun, der Glanz und Gloria versprach und der auch neben dem grünen Rasen für Schlagzeilen sorgte. Klar hatte man den fidelen Ballartisten aus Argentinien dabei stets im Fokus. Schon damals wusste man, dass bei Diego Armando Maradona göttliche Wendungen ein Spiel entscheiden konnten.

Das hatte der VfB Stuttgart am 3. Mai 1989 beim Hinspiel in Neapel zu spüren bekommen: Das San-Paolo-Stadion in Neapel glich einem Hexenkessel. Den bengalischen Feuern versuchte man erst gar nicht Herr zu werden. Die Tifosi sangen. Mehr als 100 Pressevertreter rannten neben den Spielern her ins Stadion.

300 D-Mark mussten für einen Platz auf der Haupttribüne hingeblättert werden, für einen Stehplatz 130 D-Mark. Das Spiel begann nicht schlecht. Der VfB blieb nicht stehen, wie der holländische Trainer Arie Haan mit Nachdruck angeordnet hatte, um sich von Maradona ein Autogramm zu holen. Er machte Druck, Chancen auf beiden Seiten. Dann ein Foulspiel am 34-jährigen Ásgeir ­Sigurvinsson, der selbst beim Freistoß ­antippte. Maurizio Gaudino zog ab – und es stand 1:0 für den VfB.

Schon beim Aufwärmen zog Maradona wieder alle in seinen Bann

Auch nach der Pause ging das Spiel auf beiden Seiten munter hin und her – als ungefähr in der 60. Spielminute Unfassbares geschah. Es gab eine gefährliche Situation vor Torwart Eike Immel: Der Ball landete bei Maradona, doch statt ihn mit dem Kopf anzunehmen, rollte das runde Leder über seine Schulter bis zur Hand, tropfte ab auf den Fußspann, Maradona zog ab und traf Günther Schäfer unglücklich am Arm.

Schiedsrichter Giorgos Germanakos pfiff – und man dachte: Abstoß vom VfB-Tor. Aber nein, der Schiri zeigte auf den Elfmeterpunkt! Elfmeter für Napoli – und man verstand die Welt nicht mehr. Sogar die italienische Zeitung „Gazetto dello Sport“ schrieb am nächsten Tag: „Der Schiedsrichter erwies sich als sehr generös.“ Der Verursacher legte sich selbst den Ball auf die Linie, trat an – der Ausgleich. Und der SSC Neapel legte sogar noch nach – 2:1, so war die Ausgangslage fürs Rückspiel.

Vielleicht hätte man sich gar nicht so sehr darüber aufgeregt, wenn eben nicht dieses göttliche Handspiel aus der Vergangenheit in Erinnerung geblieben wäre. 1986 hatte Maradona schon mal im WM-Viertelfinale gegen England die Hand eindeutig eingesetzt und danach dem Schiedsrichter ein Trikot geschenkt mit der Aufschrift: „Für Ali, meinen ewigen Freund“. Der VfB sollte ein paar Tage später gegen Borussia Dortmund eine ähnliche Szene mit Schlitzohr Frank Mill erleben.

Es gab ja noch das Rückspiel am 17. Mai am Neckar. So schlecht war die Ausgangs­lage doch gar nicht, und die Vereinsspitze tat alles, um sie noch besser zu machen: VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder hatte versucht, bei der Uefa Protest einzulegen. Die bengalischen Feuer hätten Eike Immel die Sicht versperrt, er trüge Kontaktlinsen, was wohl nicht ganz stimmte.

Klar war: Es mussten jetzt erst einmal zwei Tore ohne Gegentreffer her. Schon beim Aufwärmen zog Maradona wieder alle in seinen Bann. Wie ein Zirkusartist ließ er den Ball auf Knie, Fußspann oder sogar von einer Schulter auf die andere hüpfen – alles im Rhythmus der im Stadion eingespielten Klänge von Opus’ „Live is Life“. Jürgen Klinsmann sagte 20 Jahre später dazu: „Wir waren so fasziniert, dass wir unser eigenes Aufwärmtraining vergaßen.“

So kam es, wie es kommen musste: Der SSC Neapel ging in Führung, Klinsmann glich aus, es folgten das 1:2, das 1:3 – und es war klar, dass dieser Vorsprung nicht mehr aufzuholen war. Ein respektables 3:3 war der Endstand. Doch was wäre gewesen, wenn dieser Elfmeter im Hinspiel nicht gegeben worden wäre? Wären die Schwaben als Uefa-Pokal-Sieger vom Platz gegangen?

Vergessen hat man diese Fehlentscheidung nicht – letztlich konnten einige Protagonisten des Abends die Schmach aber wieder ausgleichen: Guido Buchwald war 1990 gegen den argentinischen Dribbelkünstler im erfolgreichen WM-Finale ein so guter Manndecker, dass Maradona irgendwann stöhnte „Du schon wieder?“ Bei der WM 2006 in Deutschland trafen Diego Maradona und Jürgen Klinsmann als Trainer der argentinischen bzw. deutschen Nationalmannschaft aufeinander. VfB-Keeper und Nationaltorwart Jens Lehmann hielt im Elfmeterschießen – dank des berühmten Zettels.

Rechnet man den Pokalsieg 1997 und die Meisterschaft 2007 dazu, dann darf man getrost sagen: Es gab sie, die Höhepunkte beim VfB Stuttgart.