Ugly-Stuttgart-Tour Wo Stuttgart besonders hässlich ist

Keine Augenweide: Der Tourguide Eugene Quinn (gelbes T-Shirt) zeigt den Teilnehmern der ungewöhnlichen Stadtführung die Galeria-Filiale. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Altes Schloss oder Grabkapelle? Diese Orte besichtigt man bei normalen Stadtführungen. Bei der Ugly-Stuttgart-Tour geht es zu Bausünden, zu grauem Beton – und zu Plätzen, die diesen Namen gar nicht verdient haben.

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Historische Plätze, schöne Gebäude, besondere Gastronomie: Wenn man an einer Stadtführung teilnimmt, erwartet man in der Regel genau das. Bei der Ugly-Stuttgart-Tour am Freitag ging es um das glatte Gegenteil. Eugene Quinn, ein kreativer Kopf, der gebürtig aus London stammt und seit vielen Jahren in Wien lebt, hat Interessierten die hässlichsten Orte in der baden-württembergischen Landeshauptstadt gezeigt. Solche Ugly-Touren hat er schon in München und Wien veranstaltet – und nun im Rahmen der Urban-Future-Conference auch in Stuttgart.

 

„Ich bin das erste Mal in meinem Leben in Stuttgart“, gibt Eugene Quinn zu. Die Tipps für hässliche Gebäude in der Stadt habe er von einem Architekten bekommen sowie unserer Zeitung entnommen, sagt er. Ihm selbst ist Ästhetik gar nicht so wichtig: „In der Mode findet man Neues auch anfangs hässlich, und es braucht Zeit, bis einem die Teile gefallen.“ So sei es bei Häusern auch. Die Menschen hielten alte Gebäude, wie es sie zuhauf in Rom oder Paris gebe, stets für schöner als neue. Während der gut zweieinhalbstündigen Tour durch Stuttgart findet er jedenfalls genügend Beispiele für eher fragwürdige Architektur.

Kleiner Schlossplatz

„Ein bisschen traurig“ sei dieser Platz, meint Quinn. Das Kunstmuseum sei zwar „ein Statement“, doch die anderen Gebäude stünden in keiner Beziehung zueinander und wären in unterschiedlichen Abstufungen von Grau gestaltet. Eine Stuttgarterin, die bei der Tour dabei ist, verteidigt den Kleinen Schlossplatz: „Ab 16 Uhr wird es hier lebendiger, wenn die Skater kommen und Musiker auftreten.“ Dennoch ist sich die Gruppe ziemlich einig, dass der Platz scheußlich ist. Ein Mann aus Salzburg, der wegen der Urban Future ebenfalls zum ersten Mal in Stuttgart ist, meint sogar: „Das ist die hässlichste Stadt, die ich jemals gesehen habe.“

Rathaus und Marktplatz

Ein Problem von Stuttgart sei, dass nach dem Krieg „alles auf einmal gebaut wurde“, meint Quinn. Das sehe man etwa am Stuttgarter Rathaus: Von außen finde er lediglich die Treppenstufen schön, das Gebäude selbst aber problematisch – und den gesamten Marktplatz nicht sehr lebendig. Als positiv vermerkt er, dass jeder einfach so ins Rathaus, „in das Herz der Demokratie“, hineingehen könne, also ohne Sicherheitskontrolle. Und der Paternoster sei natürlich etwas Besonderes.

Galeria-Filiale an der Eberhardstraße

„Das ist nicht sehr einladend hier“, meint Quinn beim Anblick der Galeria-Kaufhof-Filiale unweit des Rotebühlplatzes. Das riesige grüne Logo auf der Fassade erinnere ihn an die Ästhetik der 80er Jahre. Eine Tourteilnehmerin meint, dass das Gebäude eher wie eine Parkgarage als wie ein Kaufhaus aussehe.

Österreichischer Platz

Klar, wenn ein Mensch, der in Wien wohnt, eine Tour durch Stuttgart macht, will er natürlich den Österreichischen Platz sehen. Und Quinn ist – wie erwartet – entsetzt: „Erinnert euch dieser Platz hier an Salzburg, Wien oder die Alpen?“, fragt er in die Runde. Alle lachen, eine Frau murmelt: „Das ist nicht einmal ein richtiger Platz.“

Zwei Türme der Uni Stuttgart

Eigentlich ist es seltsam: Ausgerechnet das Gebäude, in dem unter anderem das Institut für Architektur und Stadtplanung der Uni Stuttgart sitzt, gehört zu den hässlichsten Bauwerken in der Stadt. An der Keplerstraße ragen zwei riesige, graue Türme, das K 1 und das K 2, in die Luft, beide gehören zur Uni. Eine Tourteilnehmerin beschreibt es so: „Es sieht so aus, als würden die Gebäude weinen.“ Quinn meint, dass die Türme ihn eher an Sozialwohnungen als an eine Universität erinnern. „Das ist wirklich hoffnungslos.“ Auch das Gelände rundherum sei trostlos, kaum jemand sitze auf den Bänken – und man sehe kaum eine andere Farbe als Grau.

Stuttgart-21-Baustelle

Wo könnte eine Ugly-Stuttgart-Tour besser enden als an dem klaffenden Loch mitten in der City : der Stuttgart-21-Baustelle? Wobei Quinn betont, dass das Projekt „generell eine gute Idee“ sei, aber inzwischen völlig jenseits des ursprünglich geplanten Budgets sei und die Baustelle momentan so aussehe, „als wäre hier ein Erdbeben passiert“. Passend zur Szene lädt in dem Moment ein Bauarbeiter riesige Steine auf die Ladefläche seines Fahrzeugs, es ertönt ein ohrenbetäubender Lärm.

Versöhnliche Töne zum Schluss

Es gebe drei Vorteile von hässlichen Gebäuden, sagt Quinn. Erstens wollten vermögendere Menschen dort in der Regel nicht wohnen, wodurch bezahlbarer Wohnraum für Menschen bleibe, die größere Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche hätten, etwa Studierende und Migranten. Zweitens gehe der Blick aus hässlichen Gebäuden in der Regel auf schönere Gebäude. Solange man selbst darin wohne oder arbeite, sei es also alles nicht so schlimm. Und drittens könne man aus den architektonischen Fehlern etwas für die Zukunft lernen.

Zudem habe Stuttgart im Gegensatz zu anderen Städten weniger „Nazi-Shit“, also Gebäude, die in der Zeit des Nationalsozialismus gebaut wurden, sagt Quinn. Und letztlich sei perfekte Schönheit schnell auch langweilig: Er finde „Fails“, also schiefgegangene Projekte, spannender als Perfektion, wie es sie etwa bei dem Maler Claude Monet gebe, in der Innenstadt von Stockholm oder am Äußeren von Angelina Jolie.

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