Uhingen Die kunstvolle Arbeit einer Perlstrickerin​

Elise Kümmerle, die Frau auf der Schwarz-Weiß-Fotografie, hat einige ihrer Perltaschen und Zubehör aufbewahrt. Von links: Stadtarchivarin Carola Eberhard, Wolfgang Mollenkopf, der Enkel der Perlstrickerin, und Museumsleiterin Margit Haas. Foto: Jürgen Schäfer

Elise Kümmerle stellte schicke Accessoires für Kunden in Europa und die USA her. Was aus einer Schachtel auf dem Dachboden zutage kam, hat ihr Enkel jetzt seiner Heimatstadt geschenkt.

Es war eine höchst anspruchsvolle Arbeit. Nur Frauen leisteten sie. In der Stille, zuhause in der Wohnstube. Es galt, winzige Perlen von einem viertel Millimeter auf einer Nadel aufzufädeln und sie mit einem Seidenfaden Perle für Perle „abzustricken“. Wie lange saß eine Frau daran, bis daraus eine glitzernde Perlentasche wurde? Die Uhinger Museumsleiterin Margit Haas kann nicht mal schätzen, wie viele dieser Miniperlen auf einer Tasche sitzen, die die Größe eines Topflappens hat. Vielleicht tausend, sagt sie.​

 

Solche Kleinode sind jetzt im Uhinger Museum zu besichtigen. Dank Wolfgang Mollenkopf. Seine Großmutter war eine Perlstrickerin. Das hat sie ihm selber gar nicht erzählt. Er weiß es von seiner Mutter, die ihre Mama als Kind Perltaschen stricken sah. Das wäre eine Episode in der Familiengeschichte geblieben, die mit der Zeit verblasste. Aber es gibt aus dieser Zeit noch eine Schachtel. Als Wolfgang Mollenkopfs Sohn sich im nun schon urgroßelterlichen Haus in der Schulstaße einrichtete und das Dach ausbaute, war die Schachtel im Weg.

Seitenlange Abfolgen in Sütterlinschrift

Wolfgang Mollenkopf staunte, was er darin fand: kleine Mengen von Miniperlen, die in Dosen nach Farben sortiert waren. Und Strickanleitungen. Wenn man’s entziffern kann, sind das – in Sütterlinschrift – seitenlange Abfolgen: vier blau, drei rot, zwei weiß. Und so weiter. Die Döschen sind für sich schon kleine historische Kostbarkeiten. Nivea-Creme steht drauf. Veilchenpastillen. Oder „Dr med Schultheiss Haemasal“. Da waren mal Nährsalze und Vitamine drin.​

Wolfgang Mollenkopf hütete diesen Schatz fortan. Wieder legte sich Staub auf die Schachtel. Bis er auf die Kunsthistorikerin Sabine B. Schürenberg aufmerksam wurde. Die war auf die Perlen-Heimstrickerei in alter Zeit gestoßen, erforschte sie, stellte sie bei einer Ausstellung im Storchen vor. Sie schrieb auch ein Buch darüber. Sie ist die beste Kennerin, weiß Margit Haas. Mit Sabine Schürenberg hat Mollenkopf über sein großmütterliches Erbe gesprochen.​

Jetzt hat er es dem Uhinger Heimatmuseum geschenkt. Damit es nicht verloren geht. Das ist für ihn Herzenssache. Sehr zur Freude von Museumsleiterin Margit Haas und Stadtarchivarin Carola Eberhard. Das Kunsthandwerk von Elise Kümmerle und auch anderen, auf die verwiesen wird, füllt zwei Vitrinen. Fast in Lebensgröße daneben: ein Foto der Perlstrickerin. Vier blau, drei rot, zwei weiß. Die Mutter von drei Kindern nahm diese Heimarbeit nicht aus wirtschaftlicher Not an. Davon ist dem Enkel nichts bekannt. Sein Großvater kam unversehrt aus dem Ersten Weltkrieg zurück, war Schreiner und hatte Arbeit, wurde dann Betriebsschreiner bei Gentner/Nigrin in Göppingen. 1926 konnten sie ein eigenes Haus bauen. Elise Kümmerle verdiente mit der Perlstrickerei etwas dazu. „Es war ein bescheidener Verdienst“, weiß Margit Haas. Wenn man bedenke, dass damit Kaufleute in Venedig Geld machten und dies als italienische Produkte verkauften. Elise Kümmerle hatte das Talent für eine so feine und mühselige Arbeit. „Das machten nur ausgewählte Frauen“, sagt Museumsleiterin Haas.​

Eine Heimarbeit, die in die Welt hinausging

Die Uhingerin fing wohl nach dem Ersten Weltkrieg damit an. Möglicherweise auch schon vorher. Aber dagegen spricht: Das Geschäft nahm in den 1920er Jahren Fahrt auf, sagt Margit Haas. Elise Kümmerle wird bei Tag gearbeitet haben, abends wäre es bei dem damaligen Licht ungut gewesen. „Da macht man sich doch die Augen kaputt“, sagt Margit Haas. Im eigenen Haus, 1926, hatten die Kümmerles schon elektrisches Licht. Aber da hatte Elise Kümmerle die Perlstrickerei wieder aufgegeben. Sie arbeitete dann auch bei Gentner. „Sie war eine schaffige Frau“, sagt Wolfgang Mollenkopf.​

Man stelle sich vor: Göppingen war ein Zentrum dieser Heimarbeit, die in die Welt hinausging. In den Niederlanden, in England, in den USA war das ein Schlager. Bis Mitte der 30er Jahre waren Perltaschen schick, dann änderte sich der Zeitgeschmack. ​

Das Geschäft mit den Perltaschen lief über Verleger hier im Oberamt Göppingen. Dazu gehörte auch Karl Seyfang, sagt Margit Haas. Seyfang war der Begründer von Gralglas, einer Glasbläserei, die nach dem Krieg erst in Göppingen und dann in Dürnau produzierte. Ein paar Schritte weiter kann Margit Haas ihren Besuchern Design-Gläser von Gralglas zeigen. So schließt sich ein Kreis zur Perlstrickerei. Und überhaupt ist Glas im Uhinger Museum ein Schwerpunkt, dank der einstigen Glasmacherei im Nassachtal.​

Liebesgeschichte in Stuttgart

Kennenlernen
Es ist eine berührende Liebesgeschichte in Zeiten des Kaiserreichs, wie sich die Großeltern von Wolfgang Mollenkopf gefunden haben. Er war Soldat beim württembergischen Militär in Stuttgart, sie war die Tochter einer Wäscherin. In Stuttgart haben sie sich wohl kennengelernt, dort ist auch ihr erstes Kind geboren.

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