Nach rund anderthalb Jahren Insolvenz ist das Allgaier-Stammwerk in Uhingen noch immer nicht verkauft, obwohl ein Investor aus Deutschland auf der Matte steht. Foto: Giacinto Carlucci
In einer Betriebsversammlung gibt es keine guten Nachrichten für die Beschäftigten des insolventen Betriebs in Uhingen. Immer mehr Aufträge gehen an die Konkurrenz. Mitarbeiter fragen sich, ob damit das leise Sterben beginnt.
Susann Schönfelder
10.11.2024 - 08:47 Uhr
Der insolvente Uhinger Autozulieferer Allgaier hat trotz der Krise einen Interessenten aus Deutschland an der Angel. Eigentlich eine gute Nachricht in diesen schwierigen Zeiten. Und: „Der Investor würde alle Arbeitsplätze bei Allgaier übernehmen und einen hohen zweistelligen Millionenbetrag investieren“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Stilianos Barembas. „Das gab es in den letzten 30 Jahren bei Allgaier nicht.“ Was fehlt, sei die Unterschrift der Autobauer, diese seien und blieben zögerlich und stimmten dem Deal bisher nicht zu – „obwohl der Investor viel bietet“, betont Barembas. Er glaubt: „Am Ende will niemand schuld sein, wenn es nicht funktioniert.“ Der Betriebsrat hatte am Dienstag zu einer vierstündigen Betriebsversammlung eingeladen, um die Belegschaft auf den aktuellen Stand zu bringen.
Allgaier: Autobauer vergeben zunehmend Aufträge an die Konkurrenz
„Es entsteht der Eindruck, dass die Autobauer auf Zeit spielen“, sagt der Betriebsratschef. Dem Investor seien seitens der Autobauer viele Vorgaben gemacht worden, die er alle erfülle und in einem Investitionsplan zugesichert habe. Dieser Investitionsplan sei von allen Autobauern akzeptiert worden. „Dennoch kommt es täglich vor, dass die Autobauer ihren Plan B weiter durchfahren. Der Plan B der Autobauer beinhaltet die Verlagerung aller Aufträge zu Konkurrenten“, sagt Barembas. Besonders paradox sei, dass die Autohersteller bei der Konkurrenz zum Teil sogar den doppelten Preis bezahlten. Dieses Vorgehen würde letztlich das „Aus“ von Allgaier bedeuten, benennt der stellvertretende Betriebsratschef Thomas Fink die logische Konsequenz. Wann es so weit sein könnte, vermögen die Betriebsräte nicht zu sagen, aber es wäre ein schleichendes Sterben des Unternehmens. Im Automotive-Bereich in Deutschland geht es um das Schicksal von mehr als 700 Mitarbeitern.
Mehr als 700 Arbeitsplätze stehen bei Allgaier auf dem Spiel. Foto: dpa/Marijan Murat
Es würden jetzt bereits Vorlaufproduktionen eingeleitet, um diese Verlagerungen teilweise über den Jahreswechsel über die Bühne zu bringen. Der Betriebsrat macht noch einmal deutlich, dass die Nerven innerhalb der Belegschaft absolut blank liegen: „Man muss sich nur einmal vorstellen, was dies mit uns Menschen macht. Die Autobauer kommen täglich mit Konkurrenten ins Haus. Unsere Kollegen müssen ihr Know-how vermitteln, und dadurch schaffen sie ihren eigenen Arbeitsplatz ab.“
Dass die Stimmung dadurch am Boden ist, kann der Betriebsrat voll nachvollziehen. Zudem werden die Arbeitnehmervertreter das Gefühl nicht los, dass die Fortführungsvereinbarung, die den Uhingern etwas Luft verschaffen sollte, der Anfang vom Ende war: „Seitdem wird von den Autobauern auf uns geschossen, und man muss nun schauen, dass man schneller als die Kugel ist“, beschreibt Stilianos Barembas die Situation. Zudem wurmt den Betriebsrat die Tatsache, dass die Autobauer den Investor selber angesprochen hätten, Allgaier zu übernehmen. „Der Investor selbst ist trotz der Automobilkrise interessiert und motiviert, Allgaier mit allen Standorten zu übernehmen. Darüber sind der Betriebsrat, die Belegschaft und die Insolvenzverwaltung auch sehr froh“, sagt Barembas. Er und Fink fordern die Autobauer nach rund zwölfwöchiger, intensiver Zusammenarbeit mit dem Investor auf, „Farbe zu bekennen“ und nicht mehr zu zögern und abzuwarten, was der jeweils andere tut.
Keiner habe bisher die Bereitschaft gezeigt, verantwortungsvoll mit dem Zulieferer umzugehen, kommt auch scharfe Kritik von der Gewerkschaft IG Metall. Allgaier habe sich stets dem Preisdruck der Kunden trotz größter eigener Probleme gebeugt und seinen Beitrag „zu den Rekordgewinnen der Konzerne“ geleistet. Dejan Wick, Gewerkschaftssekretär der IG Metall Göppingen-Geislingen, nimmt kein Blatt vor den Mund: „Bis heute haben wir noch Unverständnis über das Gebaren der Autokonzerne geäußert. Dieses Unverständnis weicht mehr und mehr dem Verstehen, nämlich dem Verstehen dessen, dass allen leeren Solidaritätsbekundungen und Absicherungsmaßnahmen zum Trotz vonseiten der Hauptkunden am Ende nur ein Ziel verfolgt wird: Zeit gewinnen und Umsätze sichern, egal mit wem, egal wo.“ Hinter den Phrasen der vergangenen Monate verberge sich „das nackte Eigeninteresse“, übt Wick harsche Kritik. „Was sich in Uhingen vollzieht, hat, als Nukleus gesellschaftlicher Sprengkraft, Auswirkungen aufs Ganze, denn Demokratie ist die Dividende des Wohlstands, nicht umgekehrt“, sagt der Gewerkschafter.
Der Insolvenzverwalter Michael Pluta ist mit den Betriebsräten einig: „Es wäre sehr schade, wenn die Autobauer das Unternehmen sterben lassen würden.“ Keiner der Hersteller, die von Allgaier beliefert werden, habe sich bisher erklärt, den Uhingern neue Aufträge zukommen zu lassen.