Uhrenstub’ in Böblingen Eine Reise durch die Zeit
Beinahe sein Leben lang schon faszinieren den 78-jährigen Erwin Weyel Uhren in allen Größen und Formen. In seinem Uhrenladen in Böblingen zeigen sie ihre vielfältigen Gesichter.
Beinahe sein Leben lang schon faszinieren den 78-jährigen Erwin Weyel Uhren in allen Größen und Formen. In seinem Uhrenladen in Böblingen zeigen sie ihre vielfältigen Gesichter.
Die besondere Beziehung zwischen Menschen und Zeit wird wohl an kaum einem Ort so deutlich wie in einem Uhrenladen. So verleihen in der „Uhrenstub’“ von Erwin Weyel in der Böblinger Wilhelmstraße imposant geschnitzte Standuhren der Vergänglichkeit Gewicht, während ihr andere spielerisch die Schwere nehmen. Da sitzt zum Beispiel ein Hund aus Holz, dessen rollende Augen die Zeit anzeigen oder schießt der Kuckuck – ganz klassisch – aus seinem Häuschen und trillert die Stunde.
Der Laden des 78-Jährigen gleicht auf den ersten Blick einem Kuriositätenkabinett – in dem, wer sich Zeit nimmt, kleine Wunder entdeckt. Es gibt Standuhren, Wanduhren, Kaminuhren, Tischuhren, Taschenuhren, Armbanduhren, Reiseuhren, Bahnhofsuhren. Weyel sammelt und verkauft sie alle. Digitale Uhren oder gar Smartwatches sucht man allerdings vergebens. Doch die Zeit ist hier nicht etwa stehen geblieben. Das feine Ticken zahlreicher Sekundenzeiger beweist das Gegenteil und alle 15 Minuten schlagen Glockenspiele die Viertelstunde.
Weyel steht im hinteren Bereich seines Ladens an einer Werkbank, rote Häkelmütze auf dem Kopf, buschiger Schnurrbart über den Lippen, freundlicher Blick. In den Händen hält er eines seiner Lieblingsstücke: eine filigran gestaltete Pariser Taschenuhr aus dem Jahr 1680. Aus einem Kästchen mit winzigen Schlüsseln kramt er den passenden hervor und zieht sie sanft auf. Der Zeiger bewegt sich über das Ziffernblatt – seit knapp 350 Jahren zeigt sie allen, die mit ihr umzugehen wissen, die Zeit an.
„Solche Uhren findet man natürlich nicht auf dem Flohmarkt, sondern auf Fachmessen“, sagt Weyel. Auf Fachmessen, die ihn nicht nur innerhalb Deutschlands viel reisen ließen, sondern ihn auch nach England oder Frankreich geführt haben. Inzwischen hat er seinen Radius eingeschränkt, will sich nicht weiter vergrößern. Obwohl, „noch so ein kleines Ührchen...“, meint er schmunzelnd.
Für ihn ist seine Leidenschaft wie „ein Spaziergang durch die Geschichte.“ So ist es beispielsweise gerade einmal rund 130 Jahre her, dass am Bodensee fünf verschiedene Zeitzonen galten – die schweizerische, die österreichische, die bayerische, die württembergische und die badische. Gut, wer da eine Taschenuhr zur Hand hatte, die er entsprechend stellen konnte.
Trotz seines großen Interesses hat Weyel das Uhrmacherhandwerk nie gelernt, stattdessen Medizintechnik und davor Radio- und Fernsehtechnik. Sein Faible für Uhren habe sich entwickelt als er etwa 20 Jahre alt war. Vor etwa 40 Jahren eröffnete er dann seinen ersten kleinen Laden in Sindelfingen – als er merkte, dass zu Hause der Platz für die Uhren knapp wurde. „Ich habe Freude an mechanischen Sachen, der Technik und das Historische an den Stücken gefällt mir.“
Hauptberuflich arbeitete er als Medizintechniker, nebenher betrieb er seinen Uhrenladen, erst in Sindelfingen, dann in Böblingen. Mit Taschenuhren habe er angefangen und sich als zweites Standbein auf elektrische Uhren, unter anderem Bahnhofsuhren, konzentriert. Doch das ist nicht alles. Außer Uhren sammelt er Gegenstände aus Bakelit, dem ersten synthetischen Kunststoff, und macht selbst Kunstwerke, beispielsweise einen Lampenschirm aus Schlüsseln.
Er ging in Rente, die Uhren blieben. Inzwischen öffnet er seinen Laden Mittwoch- und Freitagnachmittags. Die Kundschaft strömt zwar nicht, aber tröpfelt zuverlässig ein. Beim Besuch an einem Mittwoch vor Weihnachten kommt ein Taschenuhr-Sammler vorbei, der bereits Uhren von Weyel gekauft hat. Ein Mann aus Sindelfingen bringt einen Wecker bringt, mit dem er besondere Erinnerungen verbindet. Denn er weckt mit einer Melodie zu der eine Ballerina tanzt. Eigentlich, denn er funktioniert nicht mehr. „Als Fünfjähriger habe ich dagestanden und den Wecker bestaunt“, erzählt der Sindelfinger. Weyel verspricht, ihn sich anzusehen, schränkt allerdings ein, dass er zwar gerne restauriere, ein kaputtes Uhrwerk aber vermutlich nicht richten könnte.
Uhren, die einmal durch seine Hände gegangen sind, scheint der 78-Jährige nicht so schnell zu vergessen. Vor etwa zwei Jahren entdeckte er eine „seiner“ Uhren im Fernsehen. Sie tauchte in einem Haus in einer Folge der ZDF-Serie „Soko Stuttgart“ auf. „Ich hatte noch den Kontakt zur Käuferin, rief sie an und sie meinte ,Gut, dass sie sich melden, dann können sie die Uhr gleich reparieren`“, erzählt Weyel und lacht.
Er hat ganz offensichtlich eine Nische gefunden, in der er aufgeht. „Ich will weitermachen, so lange ich Freude an der Sache habe und gesund bin“. Ob er einen Nachfolger für seinen Laden findet, weiß er nicht. „Es ist eben alles vergänglich“, meint er gelassen. Zugleich zeigt er sich sicher: „Es wird immer Menschen geben, die sich über mechanische Uhren freuen.“
Serie
In loser Folge beleuchten wir in den nächsten Wochen Phänomene, bei denen viele geglaubt haben, dass es sie längst nicht mehr gibt. Darunter fallen alte Handwerksberufe ebenso wie längst totgeglaubte Sportarten oder nur scheinbar aus der Mode gekommene Hobbys.
Themen
Welcher Betrieb ist eigentlich der älteste im Kreis Böblingen? Und wer sammelt denn heute noch Briefmarken? Die Redaktion geht diesen Fragen ebenso nach wie der, wo man im Kreis eigentlich noch Schallplatten kaufen kann. So bleiben alte Traditionen lebendig oder – noch besser – werden wieder neu entdeckt. (jps)