Ukraine: Ärzte an der Front Der Körper wird zum Schlachtfeld

Jeden Tag Verwundete: Chirurg Dmytro und sein Team Foto: Till Mayer

Chirurg Dmytro behandelt im Südosten der Ukraine die Verwundeten der Bachmut-Front. Er ist Teil einer Routine des Grauens.

Die Gesichter ähneln sich. Müde, abgekämpft, bärtig, ein Schrecken in den Augen. Wie ein Film liegt der Schmutz auf der Haut. Über Wangen, Kinn und Stirn zieht sich es sich rußschwarz und erdbraun. Ein halbes Dutzend Soldaten taumelt in den Behandlungsraum. Sie kommen frisch von der nahen Front. Die Männer haben die Druckwelle eines Drohneneinschlags überstanden. Explosionstrauma. Sie klagen über einen stechenden Schmerz in ihren Ohren. Andere atmen hörbar schwer und rasselnd. „Oberkörper frei“, sagt Dmytro. Er ist der Chef des Stabilisierungspunkts. Und koordiniert mit klaren Handzeichen.

 

Sein Team leuchtet in Ohrgänge, zieht Aufbauspritzen auf. Die Patienten liegen mittlerweile auf Liegen, die Hälfte des Gesäßes ist frei. Pfleger, Schwestern und Ärzte setzen die Spritzen. Als die Nadel die Haut durchsticht, reagiert einer der Männer mit schmerzverzerrtem Gesicht und einem Aufschrei. So, als würde ihm gerade ohne Narkose ein Bein abgenommen. Eine Überreaktion, Zeichen einer Traumatisierung.

Die Soldaten, die sich durch den Eingang des Behandlungssaals des Stabilisierungspunkts schleppen, kommen geradewegs aus den Schützengräben und Stellungen der ersten Linie. Eine Welt, in der der Tod aus der Luft kommt. Russische Jets fliegen Angriffe, Kamikazedrohnen gehen auf Menschenjagd, dazu dauernd die Artillerieeinschläge. Die hört man auch im Stabilisierungspunkt. Die nahe Kleinstadt Taschassiw Jar wird von der russischen Armee sturmreif geschossen. So, wie es über Monate mit der benachbarten Stadt Bachmut geschah. Heute ist Bachmut ein Trümmerfeld unter russischer Besatzung. Ein fast menschenleeres Ruinenfeld. Taschassiw Jar liegt strategisch wichtig auf einer Anhöhe. Von dort könnte die russische Artillerie das nächste Ziel unter Feuer nehmen: den Verkehrsknotenpunkt Kostjantyniwka. Taschassiw Jar gehört mit zu den umkämpftesten Orten an der Front in der Ukraine.

Der Autor dieser Reportage traf Ende März 2023 den Chirurgen Dmytro. Damals befand sich der Stabilisierungspunkt der Frontlinie noch in Taschassiw Jar, um Bachmut wurde heftig gekämpft. Eine Schlacht, die vermutlich Zehntausende Soldaten beider Seiten das Leben kostete oder sie zu Krüppeln machte. Dmytros Auftrag ist die Erstversorgung der Verwundeten und die Stabilisierung für den Weitertransport ins Hinterland. Dort werden sie dann in Krankenhäusern und Spezialkliniken operiert. „Die Explosionen der Artilleriegeschosse und verstärkt der Kamikazedrohnen führen zu Polytraumata“, sagt der Arzt. Der Einschlag einer Granate kann mehrfache Verletzungen zur Folge haben: Verbrennungen, der enorme Druck schädigt das Gehör und kann innere Blutungen verursachen, Schrapnelle fressen sich in das Gewebe. Durch die Explosion werden Körper oft durch die Luft geworfen, erleiden Frakturen und innere Verletzungen. Trümmer landen auf den Soldaten, sie führen zu Brüchen und schweren Quetschungen. „Dann sind da noch Landminen und Sprengfallen“, zählt der Mediziner weiter auf. Nicht selten sind Notoperationen nötig. In schweren Fällen kommt es zu Amputationen. „Unsere Operationen bedeuten eine Erstversorgung, die finale Operation folgt in einem Hospital“, erklärt der Mediziner.

Der frühere Stabilisierungspunkt in Taschassiw Jar war geheim. Die Einrichtungen gelten als Ziel der russischen Invasoren. Die Logik von Putins Befehlshabern ist zynisch. „Je weiter die Stabilisierungspunkte von der Front entfernt errichtet werden müssen, umso mehr verwundete Soldaten sterben auf dem Weg dorthin“, sagt Dmytro.

Das neue Stabilisierungszentrum hat erst vor wenigen Wochen die Arbeit aufgenommen. Es liegt im Hinterland, bietet Platz für einen geräumigen Behandlungsraum für Leichtverletzte sowie einen großen OP-Saal für schwere Fälle. Silberne Dämmfolien ziehen sich über Wände und Decken. Plakate zeigen „Krieger und Soldaten der Ukraine im Laufe der Jahrhunderte“. Im Halbdunkel liegt die Küche mit einigen wackeligen Stühlen. Hier erhalten die behandelten leichtverletzten Soldaten noch einen Tee oder Kaffee, Kuchen, Kekse und Schokolade. Dann geht es zurück an die Front.

An der Wand zum Behandlungssaal hängt eine Kupferplatte mit Gravur. „Mit ihr gedenken wir unserer fünf Teammitglieder, die durch einen russischen Angriff im Mai 2023 gestorben sind“, sagt der 43-Jährige. Es schmerzt ihn, von den getöteten Kollegen zu sprechen. „Was für Verbrecher. Wir behandeln selbst russische Verwundete“, sagt der Arzt. „Jetzt mussten wir aus Taschassiw Jar weichen. Der Beschuss war zu heftig. Es wäre verantwortungslos gewesen“, meint er.

Der über zweijährige Krieg hat ihn verändert. Mit Beginn der Invasion meldete sich der Arzt zum Militär. Er war Geschäftsmann, Eigentümer eines Unternehmens, das medizinische Analysen erstellt.

Vor einem Jahr trug er einen dunkelblauen Wollpullover, den er in die Tarnhose gestopft hatte. Ein brauner Ledergürtel hielt alles zusammen. Wie ein Skipper sah er aus. Nicht von ungefähr: Vor der Invasion war er Hobbysegler, kreuzte im Urlaub vor der Küste Kroatiens. Als Frisur hing noch ein wilder Scheitel in die Stirn. Erinnerungen an das zivile Leben sind über ein Jahr später verblasst. Die Frisur ist ein militärischer Kurzhaarschnitt. Der 43-Jährige steht in kompletter Uniform da. „Ja, von der zivilen Vergangenheit erzählt jetzt nichts mehr“, sagt der Arzt.

Die Kampfdrohnen sind eine ständige Gefahr

Mittlerweile sind die Leichtverletzten versorgt, und der Mediziner sitzt an einem Schreibtisch an der Stirnseite des Behandlungssaals. Eine Tischlampe wirft ein goldenes Licht auf den 43-Jährigen. Dmytro füllt Listen aus. Er wirkt müde. Über zwei Jahre Krieg stecken in den Knochen. „Im ersten Jahr war gar keine Freizeit möglich. Jetzt gibt es immerhin Fronturlaub. Bald kann ich meine Familie in Deutschland besuchen. Ich bekomme eine Erlaubnis zu reisen“, erklärt er. Wehrfähige Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen die Ukraine nicht verlassen. Sie müssen sich mit wenigen Ausnahmen für eine Einberufung bereithalten. Aber eigentlich bräuchte es für Dmytro und sein Team Monate, um zu regenerieren. Und um den Stress und das Erlebte zu verarbeiten.

Sein Tag ist eine 24-stündige Bereitschaft, sieben Tage in der Woche. Das Gebäude verlassen Dmytro und sein Team nur selten. „Wegen der russischen Aufklärungsdrohnen ist es nicht gut, wenn zu viele Menschen herumlaufen“, erklärt der 43-Jährige. So muss alles immer sehr schnell gehen. Beim Transport der Verwundeten verschwinden die Rettungsfahrzeuge in zügiger Fahrt unter nahe stehenden Bäumen. „Wir hoffen, dass wir nicht noch einmal Kolleginnen und Kollegen bei einem Angriff verlieren“, sagt er leise.

Wenigstens keine abgerissenen Gliedmaßen

Vor einem Jahr träumte Dmytro noch von einem Mittelmeersegeltrip. Nach über zwei Jahren Krieg verlangt es zu viel Kraft zu träumen. Schon wankt der nächste Schwung leichtverletzter Soldaten in das Behandlungszimmer. Müde und abgekämpfte Gesichter sehen Dmytro an. Sie kommen direkt aus der Welt der Schützengräben und Stellungen. „Zum Glück keine Schwerverletzten“, murmelt Dymtro. Keine Granatsplitter, die in einem menschlichen Körper stecken. Keine Schrapnells, die sich ins Fleisch gefressen haben. Keine abgerissenen Gliedmaßen. Mehr kann sich ein Chirurg nach zwei Jahren an der Bachmut-Front nicht wünschen.

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