Ukraine befürchtet Invasion In Kiew übt man den Straßenkampf

An der Demarkationslinie im Osten der Ukraine wird immer wieder gekämpft. Foto: imago images//Andriy Andriyenko

In der Ukraine wächst die Angst vor dem russischen Truppenaufmarsch und einer möglichen Invasion. In Kiew und anderen Städten rüsten Bürgermilizen auf. Haben sie eine Chance?

Kiew - Die Metrohaltestelle führt die Fahrgäste auf Rolltreppen Hunderte Meter in den Untergrund Kiews. Das Labyrinth wurde Ende der 50er Jahre tief unter die Stadt gebohrt. Es sollte den Bürgern der ukrainischen Hauptstadt Schutz vor einem Atomschlag zu bieten. Jetzt könnten die Tunnel laut Stadtverwaltung erneut eine Rolle beim Luftschutz spielen.

 

Auch Anna Lenchowska und ihr Mann Valera suchen einen Bunker. Laut Angaben der Stadtverwaltung von Kiew gibt es derzeit 5000 Luftschutzräume in der knapp drei Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt der Ukraine. Allerdings zählt man auch gewöhnliche Keller zu den Schutzräumen. Diese werden oft von Lokalen oder Geschäften als zusätzliche Ladenfläche genutzt. „Dort, wo es uns für die Sicherheit der Bürger wichtig erscheint, sprechen wir mit den Eigentümern“, heißt es offiziell. Aber alle Anlagen seien leicht zu finden. Anna Lenchowska berichtet dagegen von einer langen Internetrecherche. Irgendwann fand sich ein Schutzraum dann im Nachbargebäude. „Leider haben wir nie herausgefunden, wer einen Schlüssel dafür hat“, sagt ihr Mann.

Die Invasion wäre ein furchtbares Szenario

Das Kiewer Ehepaar hat zum Essen in sein Apartment am rechten Ufer des Dnjepr geladen. Es wird gelacht, getrunken und lange spekuliert, was das Coronavirus wohl für die Urlaubspläne in diesem Jahr bedeutet. Dann versiegt das Gespräch im Plauderton. Das Ehepaar erzählt von seinem Notrucksack für die Flucht. Lange hätten sie überlegt, ob sie Freunden im Ausland ihre Papiere schicken sollten. Jemand sollte nach ihnen suchen können, falls die Russen sie nach einem Einmarsch verhaften. „Wir machen uns Sorgen, weil wir im Menschenrechtssektor arbeiten. Aber sie würden sich wohl erst um wichtigere Leute als uns kümmern“, vermutet Lenchowksa. Im Moment stehe der Kauf einer Powerbank auf der To-do-Liste für den Ernstfall, um bei Stromausfall die Smartphones aufladen zu können. „Am besten wäre wohl eine mit Solarmodul“, sagt Valera und gießt etwas Wein nach.

Die Kriegsangst in Kiew kam mit den Warnungen der Amerikaner vor einer drohenden russischen Invasion in der Ukraine Mitte Dezember. Experten sind sich sicher, dass eine Invasion ein unwahrscheinliches, aber furchtbares Szenario wäre. Das größte Kernkraftwerk Europas steht mit sechs Blöcken in Saporischschja, rund 200 Kilometer von der derzeitigen Frontlinie entfernt.

Bereits jetzt sind die Kliniken voll

Ende vergangener Woche, am Tag nach dem Aufeinandertreffen westlicher und russischer Diplomaten bei der OSZE-Tagung in Wien, legte ein Hackerangriff in Kiew Regierungsseiten lahm. Darunter befand sich der nationale Rettungsdienst. Auf den Bildschirmen der Mitarbeiter erschien die Botschaft: „Habt Angst und rechnet mit dem Schlimmsten!“

Die Kliniken in der Ukraine haben gerade erst die Delta-Welle überstanden und füllen sich zunehmend mit Omikron-Patienten. Wo Verletzte mitten in der Pandemie noch Betten finden sollen, bleibt ein Geheimnis des ukrainischen Zivilschutzes. Planungen für den Albtraum einer Schlacht um die Millionenstadt Kiew erscheinen sinnlos. Und dass die Ukrainer ihre Hauptstadt kampflos aufgeben würden, ist nicht ausgemacht.

Dmytro Kostiukewitsch jedenfalls will kämpfen. Der 41-jährige IT-Entwickler zeigt auf seinem Smartphone Bilder von Männern in Camouflage. Sie knien in einer verschneiten Landschaft irgendwo außerhalb der Hauptstadt mit Gewehren im Anschlag vor einer verlassenen Fabrik. Einem Mann wird der Kopf in Mullbinde gepackt. Schießen, Erste Hilfe und Sicherheit im Umgang mit Minen seien Elemente seines Trainingsprogramms, berichtet Kostiukewitsch. Er ist Ausbilder der „Ukrainischen Legion“. So nennt sich ein Freiwilligenverband, der laut eigenen Angaben 3000 Mitglieder hat und Zivilisten für den Ernstfall trainiert. Ein Gesetz „über die Organisation des nationalen Widerstands“ erlaubt die Verteidigung mit eigenen Waffen für den Fall eines Krieges mit Russland.

Bürgermeister Klitschko mobilisiert die Kiewer

Was verspricht sich Kostiukewitsch von einem solchen Aufgebot? Der Freiwillige benutzt das Wort „urbane Kriegsführung“. Er nennt als Beispiel dafür die Schlacht um Falludscha im Irak 2004. Damals wurden Truppen der USA von irakischen Freischärlern in einen blutigen Kampf verwickelt. Die Amerikaner gewannen die Schlacht, zogen sich aber 2011 erschöpft aus dem Irak zurück. Auch Politiker wie Andrij Sahorodnjuk, bis März 2020 Verteidigungsminister der Ukraine, prophezeien Russland im Fall einer Invasion einen blutigen Guerillakrieg.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Putins kühle Kalkulation

Jewgeni Leschan stapft durch den Schnee am Maidan-Platz im Zentrum von Kiew. Er trägt einen leuchtend gelben Anorak über seiner olivgrünen Uniform der Territorialen Verteidigungskräfte. Sie sind das, was die „Ukrainische Legion“ noch nicht ist: eine offizielle Freiwilligenreserve der ukrainischen Armee. Bürgermeister Vitali Klitschko hat die Reservisten aufgefordert, sich auf einen russischen Angriff auf Kiew vorzubereiten.

Zu seiner Reservetruppe gehören circa 10 000 Männer und Frauen, viele von ihnen Veteranen des Krieges im Osten. Leschan kämpfte von 2014 bis 2015 in der Region um die Hafenstadt Mariupol gegen die prorussischen Separatisten. Damals sei die Armee überrumpelt worden, sagt er. Zum Teil hätten die Einwohner die Separatisten mit eigenen Gewehren vertrieben, erinnert er sich. Nach 2015 übernahmen Armee und Regierung die Kontrolle über die bewaffneten Verbände. Leschan glaubt nicht, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj das mühsam errungene Gewaltmonopol nun aus den Händen gibt. Er vermutet, dass die Regierung den Bürgern dennoch eine Beteiligung an der Verteidigung ermöglichen will.

Angst vor der Militarisierung

Die Konfliktexpertin Orysia Lutsewitsch vom Ukraine Forum der Denkfabrik Chatham House hält die Mobilisierung von Zivilisten angesichts der russischen Stärke für verständlich. Laut Schätzungen der ukrainischen Armee proben derzeit 100 000 Zivilisten im ganzen Land für den Ernstfall. „Die Ukraine ist nicht in der Nato, und ihre Ressourcen sind begrenzt“, sagt sie. Der Preis für Bürgermilizen und Reserveeinheiten sei eine schleichende Militarisierung der Gesellschaft, bedauert Lutsewitsch.

Anna Lenchowska serviert ihren zur Ablenkung von der Kriegsangst gebackenen Christstollen. „Wenn bewaffnete Gruppen auf unserer Seite aktiv bleiben, wenn der Staat schon nicht mehr existiert, an welche Regeln halten sie sich dann?“, fragt sie. In den Separatistengebieten leite sich das Recht von der Waffe in der Hand ab, hoffentlich werde das niemals in Kiew der Fall sein. „Wir haben auf dem Maidan für den Rechtsstaat gekämpft.“

Weitere Themen