Mit mehreren Veranstaltungen wurde in Stuttgart an den Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine vor vier Jahren erinnert – ein emotionaler Tag mit Betonung auf Zusammenhalt.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

An drei Orten in der Stuttgarter Innenstadt ist der vierte Jahrestag des russischen Großangriffs auf die Ukraine am Dienstagabend präsent – auf ganz unterschiedliche Weise. Während ein Demonstrationszug vom Kronprinzplatz über die Eberhardstraße zum Schlossplatz zieht, deren Teilnehmer eine riesige Stoffbahn in den Farben der Ukraine – blau für den Himmel, gelb für die Weizenfelder – mit sich führen, spricht im Stuttgarter Rathaus die junge ukrainische Fotografin Anya Tsaruk über ihre ausgestellten Fotografien und finden in der Stiftskirche die Vorbereitungen für einen ökumenischen Friedensgottesdienst statt.

 

Denis Zipa hat schon mehr als 40 Solidaritäts-Demos organisiert

Dem Aufruf der Initiativen „Ukraine-Demo in Stuttgart“ und „Pulse of Europe“ zu einer Kundgebung unter dem Motto „Frieden und Freiheit durch Stärke“ sind einige Hundert Menschen, überwiegend Ukrainer, gefolgt. Sie sammeln sich am Kronprinzplatz, um von dort zu einem Zug durch die Innenstadt aufzubrechen. Einer der Initiatoren ist Denis Zipa. Seit dem russischen Überfall am 24. Februar 2022 organisiert er regelmäßig Solidaritätsdemos. Inzwischen sind es mehr als 40 – mit schwankendem Zuspruch. So viele Teilnehmer wie an diesem vierten Jahrestag waren es schon länger nicht mehr. „Am dritten Jahrestag waren wir 1000“, sagt der 40-jährige Softwareentwickler, der schon vor dem Krieg in Deutschland lebte. Ganz so viele sind es jetzt nicht, doch sie sind nicht zu übersehen und nicht zu überhören: „Slava Ukraini!“, „Ruhm der Ukraine!“, hallt es durch die Straßen. Zipas Hoffnung auf einen gerechten Frieden für die Ukraine ist unverändert da. „Sie ist sogar noch größer geworden“, sagt er und verweist auf das stärkere Engagement Europas. In jedem Fall will er weitermachen und weiter Demos in Stuttgart organisieren: „Es ist einfach klar, dass das die Grundeinstellung ist.“

Der 4. Jahrestag des russischen Angriffs ist von vielen Emotionen begleitet. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Das Durchhalten und Zusammenstehen ist auch Thema des ökumenischen Gottesdienstes, der am Abend in der Stiftskirche stattfindet. Stiftskirchenpfarrer Matthias Vosseler und der katholische Stadtdekan Christian Hermes nehmen Roman Wruszczak, Pfarrer der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche in Stuttgart, in ihre Mitte. Wie lange der Krieg schon andauert, lässt sich daran ermessen, dass die Gemeinde beim ersten Friedensgottesdienst vor vier Jahren Corona-Masken trug. Vosseler hat auch noch im Ohr, wie der ukrainische Pfarrer vor zwei Jahren bange fragte: „Wann geht die Nacht zu Ende? Wie wird der neue Morgen aussehen?“ „Jetzt, zwei Jahre später, sind die Fragen immer noch da“, sagt Vosseler. Der ukrainische Geistliche fragt diesmal: „Wie kann der Glaube nach vier Jahren Krieg immer noch Hoffnung geben?“ Die Antwort gibt er selbst: „Der Glaube überlebt nicht durch Passivität, sondern durch Taten. Wir werden niemals aufhören zu glauben.“

Die ukrainische Fotografin Anya Tsaruk bei ihrem Auftritt im Rathaus. Foto: Jan Sellner

Gleichwohl hat der Krieg tiefe Spuren und Wunden hinterlassen. Auch bei den Ukrainern in Stuttgart. „Unsere Gemeinde hat sich verändert. Wir haben Menschen aufgenommen, deren Leid unermesslich ist“, sagt Stadtdekan Hermes. Dieses Wort fällt auch im Rathaus. Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann spricht bei der Finissage der Fotoausstellung vom „unermesslichen Leid“ der Menschen in der Ukraine. Sie appelliert, „hinzuschauen und nicht abzustumpfen“. Die Stadt Stuttgart werde im Rahmen ihrer Möglichkeiten weiterhin „unvermindert Unterstützung leisten“, verspricht sie

Konkret geht es um die Stadt Chmelnyzkyj, mit der Stuttgart und Dresden eine sogenannte Solidaritätspartnerschaft pflegen. Ausdruck dieser Partnerschaft ist die Doppelausstellung von Anya Tsaruk und ihres Fotografenkollegen Leonid Logvynenko mit dem Titel „I hope your family is Safe“, die bis Dienstag im Erdgeschoss des Rathauses zu sehen war. Ihre Fotos sollen „eine Brücke der Empathie“ bilden. Wie Hilfe aussehen kann, schildert bei dieser Gelegenheit der Unternehmer Mathias Renz, dessen Firma in Böblingen Photovoltaik-Anlagen herstellt. Mehr als 300 PV-Anlagen ließ Renz jetzt nach Chmelnyzkyj bringen, in die Stadt, in der seine Verlobte wohnt, um dort zur Stromversorgung beizutragen. Ein Beispiel für „Selbstwirksamkeit“, das viel Zustimmung findet.

Ein Oberstleutnant tritt in Uniform auf

Eindrücklich ist auch, was Afina Albrecht im Rathaus schildert. Die Stadträtin stammt aus dem besetzten Mariupol: „Jeder Tag ist schwer, aber der 24. Februar ist besonders schwer“, sagt sie mit belegter Stimme. Ihre Gedanken sind bei den Menschen in der Ukraine, „die durch die Kälte zerstört werden. Die Kälte wurde zur Waffe, der Winter ist die Hölle“. Doch auch sie hält am Prinzip Hoffnung fest und weigert sich zu glauben, „dass das Böse gewinnen kann“. Entscheidend sei es, dass die Menschen zusammenhalten, meint sie.

Auch auf dem Schlossplatz, Ziel des Demonstrationszuges herrscht Zuversicht – trotz allem. Ulyana Wetzler von der Initiative „Ukraine-Demo in Stuttgart“ nennt den 24. Februar ein Symbol für Leid, Trauer und Verlust. Sie erinnert daran, dass Putins Krieg schon viele Jahre früher begonnen hat – 2014 mit der russischen Besetzung der Krim. „Viel Schreckliches ist seitdem geschehen. Doch die Ukraine kann sich verteidigen und wird gewinnen“, sagt sie. Dazu brauche es Waffen. Ein Oberstleutnant in Uniform nennt es einen Fehler, dass die Ukraine nicht rechtzeitig Nato-Mitglied geworden ist: „Dann hätte es Putins Angriff nicht gegeben.“ Den Ukrainern drückt der Uniformträger seine Wertschätzung aus: „Danke, dass sie mit ihrem Leben die Freiheit Europas verteidigen.“

Leise und schrille Stimmen

An diesem Abend erklingen viele Stimmen. Leise Stimmen von Kindern, die auf der Bühne singend fragen: „Was stimmt nicht mit dieser Welt? und: „Wieviel Tränen kann man weinen?“ Und auch laute Töne. Sebastian Hoch von „Pulse of Europe“ fordert, man müsse Russland „politisch, ökonomisch und militärisch besiegen, wenn man wirklich Frieden will“. Es gelte, „das feindliche Russland zu brechen“. Das wummert bis in die anschließende Schweigeminute hinein nach.