Ukraine Die Jeanne d’Arc der Orangen Revolution ist zurück

Von Ulrich Krökel 

Julia Timoschenko kämpft wieder dafür, bald Präsidentin der Ukraine zu werden. Wird ihr das diesmal gelingen?

Sie will nicht aufgeben: Julia Timoschenko. Foto: EPA
Sie will nicht aufgeben: Julia Timoschenko. Foto: EPA

Kiew - Julia Timoschenko kämpft in diesen Herbsttagen mit einem Siegeswillen um das Präsidentenamt, als hätten die Ukrainer im kommenden Frühling nur die Wahl zwischen ihr und dem Weltuntergang. So war es aber auch schon 2004, als die Frau mit dem blonden Haarkranz die demokratische Revolution in Orange anführte. Und 2010, als sie sich mit dem prorussischen Kandidaten Viktor Janukowitsch regelrecht bekriegte. Und 2014, als die Ukrainer auf dem Kiewer Maidan eine weitere Revolution entfachten.

In all diesen Fällen unterlag Timoschenko am Ende männlichen Widersachern. Nun aber ist die Politikerin, die an diesem Dienstag 58 wird, wieder da, ohne Haarkranz, aber dafür mit sehr guten Chancen, ihren Traum zu verwirklichen und die erste Präsidentin der Ukraine zu werden. Seit Monaten führt sie zumindest alle Umfragen an. Steuert die einstige Jeanne d’Arc der ukrainischen Revolution also diesmal auf einen Sieg zu, in der Überzeugung, eine Heilsbringerin zu sein?

Timoschenko hat Milliarden besessen

Das zumindest ist ihr Anspruch: „Wir werden das gesamte System demontieren“, sagt sie. Sie meint die Oligarchie, die Herrschaft weniger Wirtschaftsmagnaten, die hinter den Kulissen die Fäden in der Politik ziehen. Der amtierende Präsident Petro Poroschenko gehört als milliardenschwerer Unternehmer selbst dazu, und bei seinen Vorgängern war es nicht anders.

Allerdings trägt auch Timoschenko die Bürde, dass sie in den 90er Jahren im Kampf um das ehemalige sowjetische Volkseigentum, als in der Ukraine blutige Mafiakriege tobten, an vorderster Front mitmischte. Timoschenko stieg so zur milliardenschweren „Gasprinzessin“ auf. Am Hungertuch nagt sie bis heute nicht, auch wenn sie in ihren politischen Kämpfen einen Großteil ihres Vermögens einbüßte.

Schwer getroffen hat sie vor allem die Niederlage bei der Präsidentenwahl 2010 gegen den prorussischen Kandidaten Viktor Janukowitsch. Der ehemalige Boxer ließ seine Erzrivalin von einer willfährigen Justiz aburteilen und ins Gefängnis werfen. Zweieinhalb Jahre saß Timoschenko in Haft, trat phasenweise in den Hungerstreik und musste nach einem verschleppten Bandscheibenvorfall von Ärzten der Berliner Charité behandelt werden. Zur Ausreise nach Deutschland, die im Gespräch war, kam es nicht mehr. Die Maidan-Revolution trieb Janukowitsch im Februar 2014 aus dem Amt und aus dem Land. Timoschenko kam frei und wandte sich im Rollstuhl mit einer emotionalen Rede an die siegreichen Demonstranten im Herzen Kiews. Doch die Zeit war an Timoschenko vorübergegangen. Viele Ukrainer hielten sie damals für eine Vertreterin ebenjenes Systems, das sie hinter sich lassen wollten. Es wurde still um die zierliche, nur 1,60 Meter große Frau, über die der Schriftsteller Juri Andruchowitsch einst sagte: „Sie lebt nur im Kampf.“

Die Oligarchie besteht fort

Jetzt also lebt sie wieder. Timoschenko profitiert davon, dass seit Beginn der Maidan-Revolution vor fünf Jahren in der ukrainischen Politik fast alles schiefgegangen ist. Die Oligarchie besteht fort. Die Wirtschaft befindet sich in der Dauerkrise. Die Korruption blüht fast unverändert. Vor allem aber ist das Verhältnis zu Russland ruiniert, das 2014 die Krim annektierte und seither einen separatistischen Krieg in der Ostukraine befeuert. Mehr als 10 000 Menschen starben, 1,5 Millionen Binnenflüchtlinge haben die Vereinten Nationen gezählt.

Was könnte eine Präsidentin Timoschenko überhaupt erreichen? Ihre Versprechen klingen nach einem großen Sprung nach vorn, direkt in die digitale Moderne. So will sie die Verschlüsselungstechnologie Blockchain zur ukrainischen Wunderwaffe machen. Die Probleme des Landes sind jedoch eher analoger Natur: Polizisten, Ärzte und Lehrer zum Beispiel, die sich bestechen lassen. Und die Toten im Osten des Landes, im Donbass. Will Timoschenko gewinnen, wird sie sich im Laufe des Wahlkampfs noch anders präsentieren müssen. Doch sie kann das, das hat sie längst gezeigt.