Ukraine – Kälte als Waffe Putin nimmt den Menschen Strom, Heizung, Wasser und den Schlaf
Ein harter Winter beherrscht die Ukraine. In Wärmezelten sitzen in Kiew die Betroffenen mit abgekämpften Gesichtern. Vom Aufgeben spricht trotzdem niemand.
Ein harter Winter beherrscht die Ukraine. In Wärmezelten sitzen in Kiew die Betroffenen mit abgekämpften Gesichtern. Vom Aufgeben spricht trotzdem niemand.
Veteran Alexej hat sich mit seinen Krücken die Treppen herunter gearbeitet. Ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen. Über glatte Betonstufen huscht der Schein der Taschenlampe seines Smartphones, wirft einen schwachen Lichtkegel vor dem Mann. Neun Stockwerke geht es so in völliger Dunkelheit hinab. Stufe für Stufe. Der 45-Jährige hat sein rechtes Bein als Infanterist bei der Kursk-Offensive eingebüßt. Dort, wo es sich befand, hat er die Jeans nach oben geklappt. Alexej besitzt eine Prothese. „Doch bei den vielen Treppenstufen ist mir das zu gefährlich, sie zu nutzen. Da brauche ich den Aufzug“, erklärt er.
Dann erreicht der Ex-Soldat hat sein Ziel: einen mobilen Wärmepunkt. Das große Zelt steht nahe seinem Wohnhaus aus Sowjetzeiten. 1300 stationäre und 50 mobile Wärmepunkte sind über ganz Kiew verteilt. Vor allem östlich des Flusses Dnipro sind sie besonders bitter notwendig. Hier leiden die Menschen unter den Folgen der russischen Angriffe derzeit am meisten. Und hier ist auch Alexej zu Hause.
Einige wenige Lichter sind in den Fenstern der umgebenden Blocks zu sehen. Hinter den Glasscheiben leuchten vereinzelt LED-Lampen oder flackert gelegentlich schwach Kerzenlicht. Doch die meisten Fenster sind schwarze Rechtecke im Dunkelgrau des Betons. Das ganze Viertel ist im Dunkel versunken. Die Hochhäuser zeichnen sich als Konturen im Abendhimmel ab. Ab und sieht man das Mauerwerk, wenn Autoscheinwerfer aufscheinen.
„Seit vier Tagen keinen Strom mehr und die Heizung liefert kaum Wärme“, sagt der ehemalige Kämpfer kurz. Er hat sich auf einem Stuhl niedergelassen und das Ladekabel seines Smartphones an eine bereit gestellte Steckdose angeschlossen. Von außen brummt der Klang eines mächtigen Gebläses. „Schön warm hier“, seufzt er. Vor dem Zelt ist die Temperatur auf minus 15 Grad gesunken. Der Atem wirft dort dicke Wolken.
Auf den Schneeflächen zwischen den Gebäuden, auf den vereisten Gehsteigen, irrlichtern Lichtkegel von kleinen Lampen, die die Passanten vor sich halten. Die Schritte der Menschen, die Zuflucht im Wärmepunkt suchen, knirschen vor dem Zelt auf eisigem Schnee. Viele kommen jetzt am Abend. Kyjiw erlebt den härtesten Winter seit einem Jahrzehnt. Bis auf minus 20 Grad Kälte sanken die Temperaturen in den vergangenen Nächten. Eine Kälte, die die russischen Invasoren wohl herbeigesehnt haben.
Putin nutzt die Winterkälte als Waffe gegen die ukrainische Zivilbevölkerung. Mit Tausenden von Raketen und Drohnen hat er in den vergangenen Monaten die Angriffe aus der Luft auf die ganze Ukraine intensivieren lassen. Die Attacken dauern oft viele Stunden. Maschinengewehre schießen hämmernd auf Drohnen, die Luftabwehr kracht, Explosionen erschüttern die Nacht. Am nächsten Tag hat niemand in der Millionen-Metropole Schlaf gefunden. Die Menschen kommen aus Metro-Stationen, Luftschutzbunkern und Hauskellern hervor, in denen sie Zuflucht gesucht haben. Mit müden Gesichtern, wie jetzt im Wärmepunkt. UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk hat sich am 20. Januar in Genf empört über die russischen Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur geäußert: „Angriffe auf Zivilisten und zivile Infrastruktur sind ein klarer Verstoß gegen die Regeln der Kriegsführung.“
Die Ukraine greift mittlerweile ebenfalls Ziele in Russland mit Drohnen an. Mit einem großen Unterschied zu Russland: Es werden nicht Tausende von Drohnen und Raketen gegen zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser oder die Wasser- und Energieversorgung geschickt. Ziele der ukrainischen Armeen sind Raffinerien, Produktionsstätten von Waffen und Einrichtungen der russischen Armee. Raffinerien bereiten das Öl auf, mit denen Putin seinen Krieg finanziert. Gezielte Kampagnen gegen überlebenswichtige zivile Infrastruktur werfen Völkerrechtler und internationale Organisationen der Ukraine nicht vor.
Die Menschen der Ukraine wissen nach vier Jahren Invasion aus eigener Erfahrung, dass sich Russland wenig um das humanitäre Völkerrecht kümmert. Schon in drei vorigen Kriegswintern gab es Angriffe auf die Energieinfrastruktur und schwere Blackouts. Doch die Temperaturen sanken nicht so tief wie in diesem Winter. Geschäfts- und Cafébesitzer kauften Generatoren. Ihr röhrender Klang gehört mittlerweile zum Alltag in ukrainischen Städten. Sie können nur einen Bruchteil der Energieversorgung stemmen. Ziel der russischen Attacken sind Kraftwerke und Umspann-Stationen. Kaum sind diese wieder repariert, kommt oft der nächste Schlag darauf. Die Wasserversorgung nimmt ebenfalls Schaden. In großen Teilen des östlichen Kiews fließt kein Wasser mehr.
Strom gibt es in der Stadt seit Monaten nur noch rationalisiert, das heißt nach Zeitplänen für Straßenzüge und Viertel. „Ich habe schon seit vier Tagen am Stück keinen Strom mehr“, sagt der 45-jährige Alexej. Alina kann da nur traurig nicken. „Wenn es wenigstens wieder zu bestimmten Zeiten sicher Strom gibt. Ich kann mich dann darauf einstellen“, sagt sie.
Aus dem rundlichen Gesicht der 26-Jährigen blicken warme müde Augen. Die junge Frau ist Witwe, ihr Mann blieb im Krieg. Jetzt kümmert sich die Mutter um ihre beiden Kinder. Die malen gerade an den bereit gestellten Tischen. „Die Sirenen, die Explosionen bei den russischen Angriffen, das macht ihnen Angst. Jetzt kommt auch noch die Kälte dazu“, schüttelt sie traurig den Kopf. „Putin hat mir meinen Mann genommen. Aber er hat noch nicht genug Unheil angerichtet. Es wird wohl noch schlimmer werden“, befürchtet sie. Jede Nacht kann einen neuen Angriff bringen. „Nur wenn ich die Flammen des Gasherds voll aufdrehe, komme ich wenigstens in der Küche auf 15 Grad plus. Meine beiden Kinder werde ich heute wieder unter einen Berg von Decken einmummeln“, erklärt die Mutter.
Mit dem Gasherd zu heizen ist in Sachen Brandschutz nicht ungefährlich. Der indirekte Schaden, den die Luftangriffe mit sich bringen, ist immens. Juri, 42, ist als leitender Inspektor beim Zivilschutz tätig. Er sorgt dafür, dass die Wärmepunkte laufen. „Die starken Spannungsschwankungen in den Stromleitungen führen zu Kabelbränden. Oft stammen die betagten Leitungen noch aus Sowjetzeiten. Das ist ein Problem. In manchen Häusern sinken die Temperaturen so tief unter dem Gefrierpunkt, dass Wasserleitungen aufplatzen. Bei den ebenfalls oft betagten Wasserleitungen kommt es durch die Druckschwankungen zu Problemen, Pumpen fallen ohne Stromzufuhr aus. Das ist eine weitere Herausforderung für die Spezialisten der Reparatur-Teams“, erklärt der 41-Jährige. Mittlerweile wird aus der ganzen Ukraine Unterstützung nach Kiew entsandt – aus Städten, die selbst in Not sind.
Der Oberbürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, hatte bereits nach massiven Angriffen am 9. Januar die Bevölkerung aufgerufen, nach Möglichkeit die Stadt zu verlassen. Laut Stadtverwaltung haben das 600 000 Menschen getan. Das ist fast jeder sechste Mensch, der in der Hauptstadt wohnt. Immer noch sollen rund 4000 Mehrfamilienhäuser ohne Heizung sein. Laut Klitschko hatten am Mittwoch mehr als eine Million Bewohnerinnen und Bewohner keinen Strom.
„Ich würde mit meinen Kindern auch gehen, aber ich habe keine Verwandten außerhalb der Stadt“, sagt Alina. Zu Beginn der Invasion floh sie mit ihren beiden Kindern nach Oberösterreich. „Wir kamen zurück, die Ukraine ist doch unsere Heimat. Aber wenn sich die Lage wieder verschlechtert – ich muss doch meine Kinder schützen“, sagt die junge Mutter. Neben ihr stehen Kateryna und Victoria und trinken warmen Tee, der wie die Suppe kostenlos ausgeschenkt wird. Betreiber des Wärmepunkts ist der Zivilschutz. „Wir wärmen uns auf, laden die Smartphones und dann geht es zurück in die kalten Wohnungen“, erklärt Victoria. „Putin will unser Leben unerträglich machen. Aber er unterschätzt uns. Wir halten aus. Der Frühling wird kommen. In Europa müssen die Menschen verstehen, Putin ist kein Mann, der einen Frieden will. Er will Unterwerfung“, sagt Kateryna.
Dann hört man in drei Metern Entfernung Kinderkichern. Ein Vierbeiner sorgt für ein Lächeln in müden Gesichtern. Hund Ritchie hat mit Frauchen gerade Zuflucht im Wärmepunkt gefunden. Ritchie ist sich offensichtlich bewusst, dass er Star des Zelts ist. Das Tier genießt die Streicheleinheiten der Kinder mit halb geschlossenen Augen. Der Kriegsversehrte Alexej hat ein schüchternes Lächeln im Gesicht, als er den Hund sieht. Wenn sein Phone aufgeladen ist, wird er wieder im Dunklen die Treppen nach oben keuchen, seine Hände am Gasherd wärmen, um dann voll bekleidet unter der Decke zu verschwinden. Mit seiner Mütze auf dem Kopf, auf der das ukrainische Wappen zu sehen ist. Aufgeben? Dafür hat er sein Bein nicht an der Front geopfert.