Ukraine-Krieg Der Tod kommt mit den Drohnen
In der Nähe von Bachmut liefern sich ukrainische Soldaten mit den russischen Invasoren schwere Gefechte. Längs der Frontlinie reihen sich zerstörte Siedlungen. Doch auch das Hinterland ist nicht sicher.
In der Nähe von Bachmut liefern sich ukrainische Soldaten mit den russischen Invasoren schwere Gefechte. Längs der Frontlinie reihen sich zerstörte Siedlungen. Doch auch das Hinterland ist nicht sicher.
Der Boden bebt. Aus dem Rohr der Panzerhaubitze steigt Qualm. Die dunkle Wolke folgt dem Knall und verschwindet dann als grauer Schleier zwischen den Bäumen der Artilleriestellung an der Front von Bachmut, im Osten der Ukraine. Die Panzerhaubitze Paladin ist ein über drei Meter hohes, 23,5 Tonnen schweres Stahlungetüm, hergestellt in den USA. Es speit Feuer – und bringt den Tod. Durch den Wald hallen die Schüsse der abgefeuerten 155-Millimeter-Granaten.
Igor sitzt rund 50 Meter entfernt am Eingang eines Erdbunkers. Der Paladin ist hinter Stämmen fast verschwunden. Doch der Hall beim Abfeuern klingt, als gäbe es nur wenige Meter entfernt Explosionen. Das Auge des 44-Jährigen zuckt kurz, dann erzählt er weiter von Karma und Kara, seinen beiden Französischen Bulldoggen. Der Soldat holt extra seinen Tabletcomputer aus dem Bunker, um Fotos seiner beiden Hunde zu zeigen.
„Hunde sind zuverlässig und treu“, sagt Igor. Schon wieder kracht ein Schuss in Richtung der russischen Stellungen bei Bachmut. Igor lässt sich nicht beirren, spricht weiter. Er berichtet von seiner Mutter, die am Tag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion geboren wurde. „Am 22. Juni 1941. Ist das nicht verrückt?“ Dann schweigt er kurz, bevor er erzählt, dass nach dem Tod seiner Mutter die Familie zerfiel. „Das war ein Grund, mich zur Armee zu melden. Und natürlich, um die Ukraine zu verteidigen.“ Seine Kameraden vermissen Frau und Kind. Igor hat nur seine beiden Hunde, die auf ihn warten. „Hoffentlich vergessen sie mich nicht.“
Plötzlich pfeifen russische Granaten über die Bäume, 300 Meter von ihm entfernt schlagen sie ein. Igor zieht sich in den Unterstand zurück. „Der Tod kann jeden Augenblick kommen. Einfach aus der Luft“, sagt er. Vor wenigen Tagen ging ein Meter neben dem Unterstand eine Granate herunter. „Da hing eine Kalaschnikow. Sie hat mir vielleicht das Leben gerettet. Ein Splitter ging in die Waffe. Ich war direkt dahinter“, sagt der Soldat und deutet auf einen Holzpfosten, der vor Unterschlupf steht. Nicht durch Schüsse sterben die meisten Soldaten an der Front, sondern durch Splitter von Granaten und Raketeneinschlägen. Deshalb ziehen sich die Soldaten von Igors Einheit wann immer möglich in ihre Unterstände zurück.
Igors Aufgabe ist es, Drohnen am Himmel abzuschießen. Sie seien die Augen des Todes und würden russischen Feuerleitstellen die Stellungen des Feindes angeben, die dann unter Beschuss genommen würden. „Zweimal haben meine Kameraden und ich es schon geschafft Drohnen abzuschießen“, sagt Igor und klopft auf sein Maschinengewehr. Einige Kilometer entfernt liegt auf einem Waldstück mit Erdbunkern eine weitere Artilleriestellung der ukrainischen Armee. Die unter einem Tarnnetz versteckte Panzerhaubitze feuert zwei Schüsse in den Himmel, um vorrückende Russen zurückzudrängen. Wadym zeigt sich zufrieden, als die Rückmeldung der Feuerleitstelle kommt. „Es scheint, wir haben sie vertrieben“, sagt er.
Wadym diente schon 1986 als junger Rekrut in der Sowjetarmee während der Afghanistan-Invasion. „Das war nicht mein Krieg. Dieser ist es schon“, sagt der 56-Jährige. Die Panzerhaubitze ratterte bereits in Afghanistan auf ihren Ketten. Ein Veteran des Schlachtfelds. „Die deutsche M 2000 oder die polnische Crab – das wäre etwas“, sagt der Frontkämpfer. Aber die Panzerhaubitze Gvozdika, die aus sowjetischer Produktion stamme, sei zumindest eine zuverlässige Arbeiterin. „Wenn wir nur endlich mehr Munition hätten. Dann würde es mit der Offensive schneller vorangehen“, sagt er. Als eine Drohnenwarnung kommt, verschwinden die Soldaten im Erdbunker. Auf Stufen, in die Erde gehackt wurden, geht es ins Dunkel hinab. Eine kleine LED-Leuchte wirft ein spärliches Licht auf die mächtigen Holzbalken, aus denen Wände und Decke errichtet sind. Angespannt sitzen die Soldaten auf grob gezimmerten Hochbetten. Mit dumpfen Schlägen in schneller Folge kündigt sich der russische Gegenschlag an. Streumunition detoniert. Die Einschläge sind zum Glück weit weg. „Kein Grund, sich zu sorgen“, sagt Wadym. „Aber nicht leichtsinnig werden. Das kann tödlich sein. Immer die Ohren aufhalten und lauschen, ob das Summen einer Drohne in der Luft, ein Jet oder ein Hubschrauber zu hören ist und abschätzen, wie weit entfernt andere Einschläge sind“, rät der 56-Jährige.
Bachmut liegt nur wenige Kilometer von der Front entfernt, steht für den Wahnsinn des russischen Angriffskrieges und für die unbändige Zerstörungswut der Invasoren. Monatelang schossen russische Truppen die Stadt in Trümmer, bevor sie sie Ende Mai vollständig erobern konnten.
Es war einer der größten Erfolge der russischen Truppen auf dem Schlachtfeld, bei dem vermutlich auf beiden Seiten Zehntausende Soldaten ihr Leben verloren. Doch die Schlacht um Bachmut ist noch nicht zu Ende. Die ukrainischen Truppen versuchen, die Stadt einzukesseln und vorzurücken – ein zäher Kampf. Die Infanterie ist auf den Feuerschutz der Artillerie angewiesen. Luftunterstützung ist kaum vorhanden.
Die ukrainische Armee meldete jüngst die Rückeroberung der Dörfer Klitschtschijiwka und Andrijiwka. Ein Video, aufgenommen mit der Body-Cam eines Soldaten, zeigt die albtraumhafte Zerstörung von Andrijiwka: Schutthaufen und abgebrannte Bäume, soweit das Auge reicht. Von den Häuser sind meist nicht mal mehr die Grundmauern zu sehen. Während in der Weltöffentlichkeit das Interesse an dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine abzuflauen scheint, nimmt die Brutalität des Krieges zu. Längs der Bachmut-Front sind die Siedlungen zu Geisterdörfern geworden. Überall hat der Krieg Lücken in Häuserreihen gerissen. Verkohlte Balken ragen aus Bauernhäusern in die Höhe. Geblieben sind nur noch wenige, meist alte Menschen – gezwungenermaßen. Die Jungen haben die tödliche Gefahr nicht mehr ausgehalten, sind weggegangen. Jederzeit kann eine Granate einschlagen.
Vom russisch besetzen Bachmut nach Kostjantyniwka sind es eigentlich nur 26 Kilometer. Doch jetzt, da die Frontlinie dazwischen verläuft, und die Einschläge an vielen Stellen tiefe Krater links und rechts der Fahrbahn aufgerissen haben, ist die Fahrt äußerst beschwerlich. Die Stadt selbst gilt als halbwegs sicheres Hinterland. Aber was ist in diesem Krieg überhaupt noch sicher? Auch an so einem Ort wie Kostjantyniwka kann der Tod plötzlich kommen. Am 6. September schlug auf dem belebten Marktplatz eine Rakete ein. Insgesamt 16 Menschen starben. Von offizieller Seite in der Ukraine heißt es, es soll sich um eine russische S 300-Rakete gehandelt haben. Die „New York Times“ hingegen spricht von einem Unglücksfall, verursacht durch eine fehlgeleitete ukrainische Luftabwehrrakete. Dies weist die ukrainische Seite empört zurück. Sicher ist: Die vielen anderen Einschläge in der Stadt stammen vom gezielten Beschuss der russischen Artillerie von der nahe gelegenen Front.
Irena steht auf dem Marktplatz Kostjantyniwka. Blumen auf dem Gehsteig erinnern an die Opfer, die der Einschlag Anfang September forderte. „Selbst beim Einkaufen ist man nicht mehr sicher“, sagt die 68-Jährige. Mit ihrer pflegebedürftigen Mutter ist sie aus dem Donezker Kampfgebiet nach Kostjantyniwka geflohen. „Jetzt holt uns der Krieg wieder ein. Wieder fliegen die Granaten und Raketen“, sagte sie. „Aber für meine Mutter und mich ist hier Endstation. Meine Mutter schafft es körperlich nicht, noch einmal zu fliehen. Sie würde es nicht überleben. So können wir nur hoffen und beten.“ Dann kommen die Tränen, und sie geht hastig weiter. Wenige Minuten später heult die Sirene auf: Luftalarm.