Ukraine-Krieg Kameraden auf vier Pfoten
In den Bunkern an der Front im Donbass halten nicht nur Menschen die Stellung. Katzen und Hunde stehen ihnen zur Seite. Streicheleinheiten helfen, dem Wahnsinn des Kriegs die Stirn zu bieten.
In den Bunkern an der Front im Donbass halten nicht nur Menschen die Stellung. Katzen und Hunde stehen ihnen zur Seite. Streicheleinheiten helfen, dem Wahnsinn des Kriegs die Stirn zu bieten.
Tosha blickt hilfesuchend zu Stas. Der Soldat lacht. „Na, Tosha, machen dir die beiden zu viel Wirbel?“ Vor dem Rüden balgen sich zwei Welpen. Mona und Buddy. Hinter ihnen überspannt ein Tarnnetz den Bunkereingang. In die Erde gehackte Stufen führen in die Tiefe. Tosha hat sich an Buddy gewöhnt. Daran, dass nicht an Ruhe zu denken ist, wenn der junge Hund in Aktion ist, er mitten in der Nacht im engen Bunker zu kläffen beginnt, herumtappt, kratzt und schnüffelt, bis auch wirklich niemand mehr ein Auge zudrücken kann. Stas schnappt ihn sich und nimmt ihn auf den Arm.
Mona, das andere Junge, ist nur zu Besuch da und wackelt weiter um Tosha herum. Die beiden Labrador-Welpen leuchten mit ihrem weißen Fell regelrecht. „Ich könnte meine Mona andauernd knuddeln“, sagt Jasmin, die Frau von Dima, der auch die Stellung im Bunker hält. Weil sie heute ihren Mann sieht, hat sich Jasmin, so gut es im Kampfanzug möglich ist, herausgeputzt. Das Make-up sitzt, die Augen leuchten unter langen Wimpern.
Die Sanitäterin hat Dienst im Abschnitt. Sie hat Mona mitgebracht und eine Umarmung für ihren Mann. Der Besuch wird nicht lange dauern. Dann geht es im Geländewagen weiter. So gibt es ein klein wenig Glück zu beobachten. Mit zwei Welpen, die um den überforderten Tosha springen und gelegentlich auch auf ihn. Einem jungen Paar, das froh ist, sich für einen Moment zu haben.
Doch die Feinde sind nicht weit. Ein scharfer Knall einer abgefeuerten Mörsergranate ist aus der Ferne zu hören. Vermutlich ist das Herrchen von Buddy im Einsatz. Er bedient den Granatwerfer, der 200 bis 300 Meter entfernt auf die nahen russischen Stellungen feuert. Zwischen Granatwerfer und Bunker liegt ein Waldstück. In sicherer Entfernung ist ein Einschlag einer russischen Granate zu hören.
„Er hat seinem Hund sein Leben zu verdanken“, sagt Stas über seinen Kameraden. Der 36-Jährige erzählt, wie Buddy eines Nachts wieder einmal richtig Radau im Bunker macht. „Uns wurde es zu bunt, und wir haben Buddys Herrchen gerufen. Er stand oben nahe dem Eingang und rauchte eine Zigarette. Dann kam er nach unten. Zack, schlug eine Granate ein. Genau dort, wo er zuvor stand“, berichtet Stas. Buddy ist also ein echter Glückshund.
Dem Tod waren sie alle im Bunker schon nahe. Jeder hier hat Kampferfahrung, alle drei Soldaten sind seit Beginn der groß angelegten Invasion im Einsatz. „Wir haben Mykolajiw verteidigt, an der Cherson-Front gekämpft. Es war die Hölle. Uns sind die Geschosse um die Ohren geflogen. Aber auch hier ist es hart“, meint Stas. Immer wieder schlagen Granaten in ihrer Nähe ein. Dann geht ein Zittern durch die Wände, durch die zusammengefügten Holzbretter und Platten, auf denen die Soldaten schlafen. „Vor allem Drohnen sind eine Gefahr. Da sind die Kamikaze-Drohnen, die uns jagen. Oder Aufklärungsdrohnen, die das Artilleriefeuer der Russen auf uns lenken, wenn sie uns entdecken“, erklärt Stas.
Die Hunde dürfen deswegen nur aus dem Bunker, wenn die Soldaten ebenfalls an der frischen Luft sind. „Die Hunde könnten unsere Position verraten, wenn sie von der Kamera einer Drohne erfasst werden“, erklärt der Soldat. Die Welt an der Front ist eng, gefährlich und eingegrenzt. Dass Buddy ein weißes Fell hat, macht die Sache nicht leichter. „Zumindest nicht, bis der Schnee kommt“, sagt Stas augenzwinkernd.
Buddy drückt im Dämmerlicht des Bunkers seinen Kopf fest an die Brust von Stas. Das Tier schließt die Augen, als der Mann im Kampfanzug ihm den Kopf krault. „Die Hunde tun uns allen gut. Sie sind etwas Friedliches in all dem Wahnsinn. Tosha und Buddy zu streicheln, das gibt ein wenig Ruhe. Dann haben wir ja noch ein Katze“, sagt der 36-Jährige. Letztere streift gerade durch das Gelände. „Sie ist zu klein, um von Drohnen entdeckt zu werden“, meint der Frontkämpfer. Im Bunker hat die Katze zudem ein Mission.
„Die Mäuse werden immer frecher“, sagt Stas und läuft die Stufen in den Bunker herab. „Hören sie“, sagt er. Die Wände sind mit silbernen Folien und durchsichtigen Plastikplanen überspannt. Zwischen den Stämmen, die die Decke absichern, und der Folie hört man es trippeln. „Die Mäuse sind unterwegs“, ärgert sich Stas. „Sie verlieren jede Scheu. Gestern Nacht ist mir eine quer über das Gesicht gelaufen“, fügt der 36-Jährige hinzu.
So hadern die Soldaten im Bunker mit der Mäuse-Fangquote ihrer Katze. Mit den Wächter-Qualitäten von Tosha ist es auch nicht weit her. „Er ist einfach zu jedem freundlich. Schnuppert ein wenig und wedelt mit dem Schwanz. Vermutlich auch, wenn die Russen stürmen würden“, sagt Stas und lacht. Tosha ist den Soldaten zugelaufen. „Eines Tages war er plötzlich da. Wenn er einen so treu anblickt, was sollten wir machen“, sagt Dima, der mit seiner Frau Jasmin gerade einen Tee trinkt. Die 22-Jährige fügt hinzu: „Hier in der Ukraine lieben die Menschen Tiere. Deswegen sind auch an der Front viele Hunde und Katzen zu finden.“ Mona bekam sie von ihrem Mann zum ersten Jahrestag ihrer Hochzeit geschenkt. „Er hätte mir kein schöneres Geschenk machen können“, sagt sie. Jasmines Schilderungen kommen nicht von ungefähr. Als die groß angelegte Invasion am 24. Februar 2022 begann, waren Millionen Menschen über Nacht auf der Flucht. Oft mit ihren Haustieren: Katzen, Hunde und Vögel flohen mit ihren Besitzern.
„Die Hunde helfen auch meinem achtjährigen Jungen zu Hause in Odessa“, erklärt Stas. In der Stellung haben sie dank Satelliten eine Internetverbindung. Dann gibt es Videoschalten zur Familie. „Mein Sohn hat viel Angst um mich. Aber wenn er mich mit Tosha sieht, ich Buddy direkt vor die Kamera des Smartphones halte, dann beruhigt ihn das. Er lacht, wenn er die beiden Hunde sieht“, erklärt der Soldat.
Dann muss Jasmin schon wieder weiter, sie nimmt Mona mit, die mittlerweile das Herz von Tosha erobert hat. Jasmin steigt mit zwei weiteren Soldaten in den Wagen ein. Das Team der Stellung verabschiedet sich. Das Fahrzeug rumpelt davon.
Wenig später kracht laut die Artillerie. Tosha blickt erschreckt auf, zieht den Schwanz zwischen seine Beine und läuft die Treppe in den Bunker herunter. „Der Krieg zehrt an allen, Mensch und Tier“, sagt Stas, der seit Februar 2022 kämpft. Das ist eine unendlich lange und Kräfte zehrende Zeit für die Soldaten in ihren Gräben und Stellungen. Der Winter bedeutet für Stas und seine Kameraden neben den Gefechten eine regelrechte Schlammschlacht und eine gnadenlos schneidende Kälte im Gelände.
Buddy macht nun ein friedliches Nickerchen auf dem Arm von Stas. Als würde über seinem Kopf kein Krieg stattfinden.