Ukraine-Krieg Kinder als Kriegsbeute

Russische Soldaten trennten Oleksandr „Sascha“ Radschuk von seiner Mutter. Seine Großmutter konnte ihn zurück in die Ukraine bringen. Foto: /alea horst

Rund 19 500 ukrainische Kinder wurden seit Kriegsbeginn vor zwei Jahren von Russland verschleppt. Helfer versuchen, sie wieder mit ihren Familien zu vereinen. Nur selten gelingt es. Einer von ihnen ist Sascha aus Mariupol.

Berlin: Tobias Heimbach (toh)

Vier Tage ist Ludmilla Siryk gereist. Mehr als 2500 Kilometer liegen hinter ihr, vier Länder hat sie passieren müssen, deren Sprache sie nicht spricht. Anders war es nicht möglich, nach Donezk zu kommen, es liegt hinter der Frontlinie. Aber jetzt ist sie hier, ein heißer Junitag 2022. Doch wo ist Sascha?

 

Sascha ist ihr Enkel, damals zwölf Jahre alt, ihn soll sie hier abholen. Monatelang hat sie sich darauf vorbereitet, Dokumente beschafft, die Route geplant. Eigentlich sollte sie ihn im Krankenhaus treffen. Doch dort sagt man ihr, er sei schon weg. Schon wieder?

Sascha war ja schon weg, zwei Monate lang war er in der Hand der russischen Behörden. Doch dieses Mal ist es zum Glück nur ein Missverständnis. Sascha hat an einem falschen Treffpunkt gewartet. Ein paar Minuten später liegen sich Enkel und Großmutter in den Armen – endlich. „Gesagt haben wir nichts.“

So erzählen es die beiden ein paar Monate später bei einem Treffen mit deutschen Journalisten in Kiew.

Oleksandr Radschuk, Spitzname Sascha, ist eine Ausnahme. Von den 19 500 Kindern, die nach Angaben der ukrainischen Regierung seit Kriegsbeginn verschleppt oder gewaltsam vertrieben wurden, sind bislang nur 388 zurückgekehrt. Ukrainische Behörden und Hilfsorganisationen versuchen, sie aufzuspüren und sie wieder zu ihren Familien zu bringen. Sascha ist eines der wenigen Kinder, bei denen das gelungen ist.

Als der Krieg beginnt, lebt Sascha mit seiner Mutter in der Hafenstadt Mariupol im Süden der Ukraine. Sofort nach dem Überfall am 24. Februar 2022 greifen die Russen die Stadt an. Ein Bombensplitter trifft Sascha, er sieht auf seinem linken Auge seitdem fast nichts mehr. Anfang April kommen die russischen Truppen, bringen den Jungen und seine Mutter in ein Internierungslager für Zivilisten.

Dort werden sie voneinander getrennt. Bis heute weiß niemand, wo Saschas Mutter ist. Um ihn kümmern sich zunächst russische Behörden. Wegen seines verletzten Auges bringen sie ihn in ein Krankenhaus in das besetzte Donezk. Viele der Ärzte sind Ukrainer, sie haben Mitleid mit Sascha und posten ein Bild von ihm auf Social Media. So wird seine Großmutter Ludmilla auf ihn aufmerksam und schafft es, mit ihrem Enkel zu telefonieren. „Hilf mir, nach Hause zu kommen“, fleht Sascha, als er sie am Hörer hat.

Russland betreibt „bürokratische Kriegsführung“

Dass sich russische Behörden in den besetzten ukrainischen Gebieten um Minderjährige kümmern, klingt erst einmal nachvollziehbar. In einem Kriegsgebiet müssen sie besonders geschützt werden und werden unter Aufsicht gestellt. Doch dabei bleibt es nicht. Russland geht weiter.

Zu weit. Was Russland betreibt, kann man als „bürokratische Kriegsführung“ bezeichnen. Helfer berichten, dass Kinder russische Pässe bekommen oder Geburtsurkunden der von Moskau kontrollierten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk. Sind diese Dokumente einmal ausgestellt, verweigern die russischen Behörden, die Kinder in die Ukraine zu überstellen. Es handle sich schließlich nicht um ukrainische Staatsbürger. Nur unter immer strengeren Bedingungen würden die Kinder wieder übergeben werden, berichten Helfer. In Saschas Fall stimmten die Behörden der Übergabe an Ludmilla nur zu, weil sie als Großmutter eine direkte Angehörige ist. Sie bestanden aber darauf, dass sie ihn persönlich abholte.

Doch das war gar nicht so einfach. Ludmillas Zuhause im nordukrainischen Oblast Tschernihiw und das besetzte Donezk sind durch die Front getrennt. Daher musste sie einen großen Umweg nehmen: über Polen, das Baltikum und Russland, dann in das besetzte Donezk. Es war die erste Auslandsreise ihres Lebens.

Russlands Kinderrechtsbeauftragte hat selbst einen Jungen aus Mariupol adoptiert

Im Vergleich zu anderen Familien hatten Ludmilla und Sascha aber Glück. Manche Verwandte mussten bis nach Finnland reisen. Im hohen Norden gab es bis vor Kurzem Grenzübergänge nach Russland, die noch geöffnet waren. Die längste Reise zur Zurückholung eines Kindes habe 45 Tage gedauert, berichten Helfer. Hilfsorganisationen wie SOS-Kinderdörfer Ukraine unterstützen Familien bei diesen Reisen. Ludmilla Siryk musste viele Dokumente besorgen, die belegen, dass Sascha ihr Enkel ist. „Ein Großteil unserer Arbeit ist logistische Hilfe: Wir beantragen Reisepässe, kaufen Fahrkarten, helfen auch mit Bestechungsgeld, das unterwegs immer wieder gezahlt werden muss. Wir stehen auch während der Reise mit den Angehörigen in Kontakt“, sagt Serhii Lukaschow, Leiter von SOS-Kinderdörfer in der Ukraine. Ein Kind zurückzuholen kostet manchmal mehrere Tausend Euro.

In diesem Kampf um die Kinder stehen auf der einen Seite Frauen wie Ludmilla Siryk. Auf der anderen Seite steht Maria Lwowa-Belowa. Sie ist die Kinderrechtsbeauftragte der Russischen Föderation.

Die 39-Jährige ist selbst Mutter von fünf Kindern – und eine gesuchte Kriegsverbrecherin. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat einen Haftbefehl gegen sie ausgestellt wegen ihrer Beteiligung an der Verschleppung und Zwangsadoption von ukrainischen Kindern. Lwowa-Belowa gab im Fernsehen öffentlich zu, einen 15-jährigen ukrainischen Jungen aus Mariupol adoptiert zu haben – ohne Zustimmung der ukrainischen Verwandten oder Behörden. Wladimir Putin hatte das per Dekret erlaubt. Und ukrainische Kinder so zur Kriegsbeute gemacht. Solche Zwangsadoptionen sind ein Verstoß gegen das Völkerrecht. Auch die Aussagen von Sascha und anderen ukrainischen Kindern wurden dem Strafgerichtshof vorgelegt. Wenn Ludmilla und Sascha ihre Geschichten erzählen, dann spricht vor allem die Großmutter, von vielen Seufzern unterbrochen. Sascha redet wenig. Bei ihm erzählen vor allem die Hände. Er knetet sie, drückt seine Knöchel. Er verhakt die kurz geschnittenen Fingernägel ineinander, immer wieder blickt er beim Erzählen zu Boden. Es sind typische Zeichen einer Traumatisierung. Die Frau, die die Geschichte der beiden für die Journalisten ins Englische übersetzt, muss mehrmals unterbrechen. Weil sie selbst weinen muss.

Im Kampf um die Kinder drängt ständig die Zeit. Je länger sie von Russland festgehalten werden, desto geringer wird die Chance für eine Rückkehr. Desto größer ist auch die Gefahr einer dauerhaften Traumatisierung.

Das weiß auch Darya Herasymchuk. Sie ist „Beauftragte des Präsidenten der Ukraine für die Rechte und Rehabilitation von Kindern“. Nicht immer ist klar, was mit den verschleppten Kindern passiert. „Manchmal finden wir deportierte Kinder auch im Darknet wieder, wo sie international als Sexsklaven angeboten werden“, sagt Darya Herasymchuk.

Die ukrainische Polizei hat eine Sonderkommission mit Dutzenden Ermittlern eingerichtet, die Hinweisen nach Verschleppten nachgeht. Vor allem Kanada unterstützt das Land bei der Suche nach den Kindern, auch mit erfahrenen Polizisten und Staatsanwälten. „Es geht vor allem darum, jeden Hinweis auf eine Entführung so zu dokumentieren, dass wir Täter identifizieren, später einmal über die Freilassung der Kinder verhandeln und ihre Entführer vor Gerichten anklagen können“, sagt der Polizeigeneral Ivan Vyhivskyi, Präsident der Nationalpolizei.

Ludmilla und Sascha haben wieder zueinandergefunden, er lebt nun bei ihr. Sie konnten Weihnachten zusammen feiern, gemeinsam mit Verwandten. Von seiner Mutter fehlt jedes Lebenszeichen.

Transparenzhinweis: Diese Reise wurde durch „SOS-Kinderdorf weltweit“ unterstützt.

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