Wenn man im Frieden lebt, kann man sich kaum vorstellen, unter welchen Bedrohungen, Entbehrungen und psychischen Belastungen die Menschen in der Ukraine derzeit leben müssen. Seit dem Beginn des von Russland vor genau vier Jahren begonnenen Angriffskriegs hat sich ihr Alltag radikal verändert. Einen Einblick in die ungemein schwierigen Lebensverhältnisse in dem osteuropäischen Land gab Angela Chechotka den Besuchern des Ökumenischen Nachmittagstreffs im evangelischen Gemeindehaus Kemnat.
Bis Herbst 2025 leitete die studierte Musikerin ehrenamtlich die kleine Evangelisch-Lutherische Gemeinde in Poltawa, der Partnerstadt von Ostfildern, Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen. Als der Krieg immer brutaler wurde, entschloss sich die 56-Jährige, zusammen mit einer ihrer Enkelinnen, nach Deutschland zu flüchten. Zunächst kamen beide für sechs Monate bei einer Familie in Plattenhardt unter, und kürzlich konnten sie durch Vermittlung der Kirchengemeinde im Filderstädter Stadtteil eine Wohnung beziehen.
Deutsche Kirche in Poltawa: Einschnitt durch russischen Angriffskrieg
„Über die Bezirkssynode habe ich Frau Chechotka kennengelernt“, sagte Pfarrer Thomas Ebinger, der die Ukrainerin zum Vortrag in seine Kirchengemeinde nach Kemnat eingeladen hatte.
Zunächst gab Angela Chechotka, die die Zuhörenden auf Deutsch begrüßte, einen Einblick in die Geschichte der deutschen Kirche in Poltawa, die seit mehr als 200 Jahren besteht. 1808 wurden zur Verbesserung der Tuchherstellung im Russischen Reich 249 Personen aus Deutschland in Poltawa angesiedelt. Schon bald erbauten sie eine Kirche – zunächst aus Holz, 70 Jahre später ein schmuckes Gebäude aus Backstein.
Über viele Jahre florierte das Gemeindeleben, doch die Kommunisten zerstörten nach der Machtergreifung im Oktober 1917 nicht nur die Kirche, sondern unterdrückten auch die deutsche Bevölkerung. Erst 1994 begann ein neues Kapitel der Poltawaer Deutschen: Im Zuge der Perestroika wurde die Evangelisch-Lutherische Gemeinde der Stadt Poltawa staatlich registriert. Zunächst wendete sich alles zum Guten, doch der schreckliche Krieg brachte 2022 einen drakonischen Einschnitt.
Kirche wird zur Unterkunft für Kriegsflüchtlinge in der Ukraine
Eindrucksvoll schilderte Angela Chechotka in ihrem in ukrainischer Sprache gehaltenen, von Tobias Ernst übersetzten Vortrag, unter welch schwierigen Bedingungen die Menschen in Poltawa leben müssen. Schon zu Beginn des Kriegs wurde das Kirchengebäude für ältere Menschen und Familien, die aus den frontnahen Städten und Dörfern fliehen mussten, zum Zufluchtsort. Die Geflüchteten schliefen in der Kirche auf Matratzen, Verpflegung und Medikamente wurden organisiert und psychologische Unterstützung gegeben. Da ständig Raketen- und Drohnenangriffe stattfinden, sind langanhaltende Stromausfälle und Unterbrechungen bei der Wasser- und Wärmeversorgung an der Tagesordnung. Zur Normalität ist auch geworden, dass der Schulunterricht in Bombenschutzkellern stattfindet.
„Das Leben ist schwer und erreicht manchmal die Grenze des Erträglichen“, sagte Angela Chechotka. Die Kirche, in der regelmäßige Gottesdienste und Bibelstunden stattfinden, sei zu einem Ort der Hoffnung geworden, wo man Hilfe und innere Ruhe finden könne. Sehr dankbar zeigte sie sich für die Unterstützung aus Deutschland, insbesondere aus den drei Partnerstädten. Mit Bildern und Videoprojektionen unterlegte sie, dass dank dieser Hilfe das Kinderzentrum „Bethlehem“ eingerichtet werden konnte, in dem Waisenkinder in vielfältiger Weise Hilfe erfahren.
Bei aller Tragik leuchtete in dem von Angela Chechotka musikalisch bereicherten Vortrag immer wieder ein Funke der Hoffnung auf: „Unser Glauben gibt uns die Kraft, durchzuhalten und auf ein baldiges Ende des Kriegs zu hoffen“, bekräftigte die Ukrainerin.