Svitlana liebt den Herbst in Deutschland. Den Moosteppich im Wald, das raschelnde Blätterorchester unter ihren Füßen, die spätreifen Äpfel, die sie von der Wiese aufsammelt. In ihrem Städtchen im Donbass hatten sie auch Wälder. Aber in den letzten Jahren fürchtete sie sich zu sehr vor den vergrabenen Minen. Bei ihren Spaziergängen mied sie den Wald.
Jetzt sitzt sie auf einer Bank im Wald bei Schloss Lichtenstein (Kreis Reutlingen). Ihr Freund Sascha kämpft an der Front im Donbass. Sie posiert für Selfies und schickt sie ihm am Morgen, wenn sie zum Sprachkurs läuft. Er schreibt zurück: „Zeig mir alles, was du machst, erzähl mir, was du fühlst, ich lebe durch dich.“ Wo genau er ist, darf er nicht verraten. Seine kleine Brigade ist zuständig für „Spezialoperationen“. Sie weiß nur, dass er als Scharfschütze kämpft. Damit er keinen Ärger bekommt, will auch Svitlana in der Zeitung anonym bleiben.
Zusammen flohen sie in den ersten Tagen des Kriegs Ende Februar mit seinem Auto nach Poltawa in die Zentralukraine. Die Straßen auf dem Weg waren aufgerissen, Häuser in Flammen, Svitlana sah Leichen am Straßenrand liegen. Als sie endlich in Sicherheit waren, sagte Sascha: „Ich gehe als Freiwilliger an die Front.“ Er musste das nicht tun, er wollte es.
„Anfangs war ich wütend, dass er mich allein lässt“, erzählt Svitlana. Allmählich machte sie einen inneren Prozess durch, sie verstand: Wenn er nicht geht und kämpft, wird ihn das innerlich vernichten. „Ich würde ihn an meiner Seite verlieren.“
Als sie sich wiedersahen, wollten sie sich nicht mehr loslassen
Sascha ist Svitlanas Jugendliebe. Sie hatten einander 25 Jahre lang aus den Augen verloren. Jetzt ist sie 47, er 52. Bei Kriegsbeginn waren sie endlich seit einem Jahr zusammen. „Wann kommt endlich unsere Zeit, um glücklich zu sein?“ fragt sie.
Zuletzt gesehen haben sie sich im August. Sie nahm den Bus von Stuttgart nach Poltawa, um ihn zu sehen. Insgesamt 2300 Kilometer, Poltawa liegt noch einmal knapp fünf Stunden östlich von Kiew. Er hatte ein paar Tage frei bekommen. Am Morgen wartete er an der Bushaltestelle auf sie. Sie schlang ihre Arme um ihn und konnte ihn nicht mehr loslassen. „Irgendwann dachte ich, das muss ihm zu viel sein.“ Aber er fragte: „Warum hast du losgelassen?“ Da verstand sie, er hat genauso das Bedürfnis, ständig berührt zu werden. Dort an der Front hat er nur einen Kameraden, den er manchmal umarmt.
Die vier Tage, die sie zusammen verbrachten, fragte sie ihn nichts. Wie ist es, wie viele Menschen tötest du, wie fühlt es sich an? Svitlana wusste, sie würde mit den Antworten nicht leben können. Einmal sagte er von sich aus: „Das Schwierigste war, mein Konto zu eröffnen.“ Er meinte das erste Menschenleben, das er nehmen musste.
In Poltawa erreichte sie die Nachricht vom Tod eines Freundes
Sie haben dort ihren eigenen Slang. Er spricht jetzt in Worten wie: „der Feind“. Sagt: „Jeden Zentimeter werden wir zurückerobern.“ Die Leiche eines Gegners nennen sie Baran, Schaf. Wie ein dämliches Tier, aus dem man Schaschlik macht. Er sagt nicht, sie werden mich töten, sondern zabaranjat, einschafen. Zerfleischen. In Poltawa erreichte ihn die Nachricht vom Tod eines Freundes. Sie schaute ihm in die Augen, um zu sehen, ob da Härte ist, ob er ein anderer ist. Aber er ist wie früher, ein ganz Gutmütiger. Nur seine Berührungen sind hungriger geworden.
Handyempfang hatte er an der Front früher selten. Wenn er doch mal anrief, sagte er, sie sollten heiraten. Damit sie finanziell versorgt sei, falls er stirbt. Dabei sind weder er noch sie geschieden. Vor wenigen Wochen traf ihn ein Granatsplitter und riss das Fleisch in seinem Arm auf. Es war nicht seine erste Verletzung, aber die erste, bei der sie ihn drei Tage ins Krankenhaus schickten. Svitlana strahlt. „Wir konnten endlich den ganzen Tag über Videochat sprechen“. Sie zeigt nicht, wie sehr sie Angst um ihn hat.
Seine Kinder sind erwachsen und leben in Kiew. Ihre Tochter, deren Mann und ihr Baby in den Separatistengebieten der sogenannten Volksrepublik Lugansk, die seit 2014 als besetzt gelten. Dort fürchten die Menschen die ukrainische Befreiungsoffensive. Sie wollen weder unter russischer noch unter ukrainischer Kontrolle sein. Sie wollen einfach nur in Ruhe gelassen werden, sind müde von acht Jahren Krieg, sagt sie.
Sie flehte ihn an, nicht zum Tier zu werden
Als Svitlana sah, mit welcher Überzeugung Sascha kämpfte, flehte sie ihn an: „Werde nicht zum Tier! Denk dran: Mein Kind lebt auf der anderen Seite.“
Sollte er aus dem Krieg zurückkehren, wird er nie wieder derselbe sein, das weiß sie. Aber daran kann sie jetzt nicht denken. Sie denkt an den Deutschkurs, an ihre neue Wohnung, an ihre traumatisierten ukrainischen Patientinnen, die sie hier als Psychologin für kleines Geld betreut. Aber Svitlana weiß, sie will nie wieder in der Ukraine leben. Nie mehr im Trainingsanzug schlafen, nie mehr nachts in den Keller rennen und die Sirenen hören wie in den letzten Jahren seit 2014. Das nächste Jahr möchte sie auch nicht mehr dort hinfahren. Sascha versteht, dass die Sirenen sie zu sehr traumatisieren. Er versucht nicht, sie zu überreden.