Die Frau, die sich Anfang März per Mail bei der Stadt meldet, will helfen. Die Bilder von den Menschen an der ukrainisch-polnischen Grenzen lassen sie nicht los. Sie möchte nicht tatenlos zusehen. Ihre Familie, schreibt sie an die Stadt, würde vorübergehend gerne eine Familie aus der Ukraine aufnehmen. So kam es – und dann auch wieder ganz anders. Das Zusammenleben gestaltete sich schwieriger als gedacht. Am Ende dieser Geschichte verlässt die Familie aus der Ukraine ihr Domizil.
Eine Riesenherausforderung
Das Domizil in diesem Fall war in Ludwigsburg, doch es könnte überall sein. Viele Helfer und Hilfsbedürftige machen dieselben Erfahrungen – und in der Folge auch viele Kommunen und Landkreise. Durch die Auflösung der privaten Hilfsstruktur droht der zumeist knappe staatliche Platz noch knapper zu werden. „Das ist eine Riesenherausforderung“, sagt etwa Marco Lehnert, der Leiter des Göppinger Kreissozialamts.
Alle sind verzweifelt
Nach der Erleichterung kam die Ernüchterung: Die Geflüchteten saugen Nachrichten aus ihrer heftig umkämpften Heimatstadt auf und sorgen sich um den Vater, der dort bleiben musste. Die Kommunikation ist schwierig, da die Mutter kein Englisch spricht. Das Geld ist knapp, da die eigene Bank vom Embargo betroffen ist und die Leistungen vom Amt noch nicht fließen. Die beiden Kinder sollten dringend in die Schule, aber es gibt noch keinen Platz. Die Zeit, sich um alles zu kümmern und Behördengänge mit zu absolvieren, haben die Gastgeber nicht. Alle sind verzweifelt.
Ausnahmen für Flüchtlinge aus der Ukraine
Das sei alles absolut verständlich, sagen alle, die in den Rathäusern und Landratsämtern mit Fällen wie diesem zu tun haben. Es sei bemerkenswert und mutig, überhaupt Fremde im eigenen Zuhause aufzunehmen – und nur menschlich, wenn das Zusammenleben dann nicht so funktioniere wie erhofft. Dennoch verursacht das Probleme.
Normalerweise läuft die Unterbringung so: Das Land weist den Stadt- und Landkreisen Flüchtlinge zu. Zunächst werden sie in einer vorläufigen Unterkunft der Kommunen oder der Kreise untergebracht. Nach (positivem) Abschluss des Asylverfahrens, spätestens aber nach zwei Jahren, folgt der Umzug in die Anschlussunterbringung.
Die planmäßigen Plätze werden knapp
Bei den Geflüchteten aus der Ukraine ist aber alles anders. Sie dürfen ohne Umweg über eine Erstaufnahmestelle einreisen und auch ihre Unterkunft selbst wählen. Erweist sich die private Lösung als untauglich, versucht die Kommune, einen Platz in ihrem Portfolio zu finden. Gelingt das nicht, ist das Landratsamt am Zug. Das muss einen Platz bieten – im Zweifel in einer seiner Sammelunterkünfte. Überspitzt formuliert gibt es diesen Platz aber nicht, denn er ist auf die offiziell zugewiesenen Flüchtlinge ausgelegt.
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Im Landkreis Göppingen etwa gibt es momentan 1439 solcher Plätze – für alle Flüchtlinge aus allen Ländern. Und die sind, wenn man das so sagen kann, sehr gut ausgelastet. Wenn nun die rund 1000 offiziell gemeldeten Ukrainer dort unterkommen müssten, die bislang privat im Kreis Göppingen untergebracht sind, würde das System gesprengt. Das ist nicht der Fall, doch dem Kreissozialamtsleiter Marco Lehnert machen bereits die 50 Personen zu schaffen, für die er bis jetzt quasi außerplanmäßig eine Lösung finden musste. Zumal er weiß: „Tendenz steigend.“
Pausenlos auf der Suche
Was aber können Gastgeber tun, die sich gezwungen sehen, ihr Engagement zu beenden? Und was passiert dann mit den bisherigen Gästen? „Niemand soll Sorge haben“, mahnt das Böblinger Landratsamt. Die Versorgung der Menschen sei gesichert.
Tatsächlich muss niemand befürchten, auf der Straße zu landen. Nur, wo stattdessen – das ist ungewiss. Überall suchen Kommunen und Landratsämter mit Hochdruck zusätzliche Unterkünfte – zumal auch die Zahl der Flüchtlinge aus anderen Ländern steigt.
Der Landkreis Göppingen etwa sucht wie wild Grundstücke, auf denen Container aufgestellt werden könnten, oder Hallen, die vorübergehend als Wohnraum fungieren. Die Stadt Ludwigsburg ist pausenlos auf der Suche nach Bürgern, von denen sie Wohnungen oder Häuser anmieten kann. Die Stadt Esslingen stellt im Notfall sogar Raum in ihren Obdachlosenheimen bereit.
Vorlauf ist extrem wichtig
Das mag abschreckend klingen, gilt aber generell noch immer als attraktiver als eine Sammelunterkunft irgendwo im Landkreis, für die womöglich ein erneuter Umzug nötig wäre und damit ein Bruch der halbwegs vertrauten Strukturen.
Wichtig ist, auch das betonen alle Beteiligten, eine zeitige Meldung bei den zentralen Adressen in den Rathäusern oder Landratsämtern. Damit die Mitarbeiter dort annähernd genügend Vorlauf haben – und damit eine größere Chance, ein neues Domizil im selben Ort zu finden. Womöglich sogar wieder bei privaten Gastgebern, das gibt es ja nach wie vor. Allerdings, auch das eine Erkenntnis der Behörden: Wohnungsangebote, die nur für einen sehr überschaubaren Zeitraum zur Verfügung stehen, sind mittlerweile nicht mehr sehr hilfreich.
Der Hund ist gestresst
Noch ein Beispiel: Eine Großmutter, eine Mutter und ein Kind ziehen bei einer Dame mit Hund ein – der schließlich der Grund dafür war, dass die kleine Familie nicht bleiben konnte. Der Hund war von den neuen Mitbewohnern so gestresst, dass er sein Futter verweigerte. Die drei Ukrainerinnen zogen aus. In eine neue private Unterkunft, die die Stadt vermitteln konnte.
Dieser Fall trug sich in Göppingen zu, es könnte aber überall sein.
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