Yehuda Pushkin, der Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) in Stuttgart, erschrickt nicht, wenn es mitten in der Nacht an seiner Tür läutet. Er weiß: Flüchtlinge können sich nicht an die üblichen Besuchszeiten halten. Nicht nur er, der aus Petrosawodsk in Russland stammt, und seine Frau Nelly aus der ukrainischen Stadt Dnepropetrowsk, haben solchen erschöpften und verzweifelten Menschen Hilfe und Zuflucht gegeben, weiß IRGW-Vorstandssprecherin Barbara Traub: „Das Gleiche gilt für Rabbiner Schneur Trebnik und seine Frau Chani in Ulm, wo ebenfalls jüdische Flüchtlinge ankommen und Hilfe brauchen.“ Ein funktionierendes Netzwerk zwischen den jüdischen Gemeinden in der Ukraine, die vor allem in Kiew, Odessa und Lwiw ansässig und bedeutend sind, und der Zentralen Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, sorgt für die Kontakte und die rettenden Adressen.
Israelitische Religionsgemeinschaft betreut 300 Flüchtlinge in Württemberg
„Die ersten 80 Flüchtlinge hat ein Mitarbeiter der jüdischen Gemeinde in Stuttgart schon kurz nach Ausbruch des Kriegs mit einem Bus an der polnischen Grenze abgeholt“, so Traub. Ohne einen Unterschied zu machen, ob jüdisch oder nicht. Andere waren da schon privat bei Freunden und Verwandten untergekommen, denn seit dem Zuzug der Kontingentflüchtlinge in den neunziger Jahren stammen vier von fünf Mitgliedern der jüdischen Gemeinde aus Russland und der Ukraine. Auch der 86-jährige Borys Sabarko aus Kiew, Holocaustüberlebender, Vorsitzender der Vereinigung ehemaliger jüdischer Häftlinge der Ghettos und Konzentrationslager in der Ukraine, Sammler und Chronist ihrer Erinnerungen, fand so mit Tochter und Enkelin Zuflucht in Stuttgart. Mittlerweile betreut die IRGW etwa 300 Menschen in Württemberg, vor allem Frauen und Kinder, 150 davon seien in Stuttgart geblieben.
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Leider müsse sich die Hälfte der Ankömmlinge noch mit einer Unterkunft in der eigens von der IRGW angemieteten Jugendherberge begnügen oder in den zwei Erstaufnahme-Einrichtungen wohnen, die seit Langem von der IRGW betreut werden, bedauert Traub. Für alle jüdischen Flüchtlinge habe der Zentralrat der Juden in Deutschland in der Verhandlung mit der Bundesregierung erreicht, dass sie den gleichen Status wie die ehemaligen Kontingentflüchtlinge, gültig damals bis 2006, bekommen: eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitserlaubnis, Anspruch auf Sozialhilfe, kein Nachweis von Deutschkursen und keine Integrationsprüfung. Dafür, erklärt Traub, müssen sie einen Antrag an die Kommune stellen, die den Antrag weitergibt an die Zentrale Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland: „Zur Prüfung der Jüdischkeit.“ Jetzt kämen auch die ersten Anfragen von Juden aus Russland, die nach Deutschland ausreisen wollen: „Die erhalten die Erleichterung der Kontingentflüchtlinge aber nicht und müssen den Antrag auf Zuzug in den deutschen Konsulaten in ihren Städten stellen“, berichtet Traub.
Zahlreiche Privatinitiativen helfen
„Es gibt so viele Privatinitiativen“, hebt Traub Beispiele von wie selbstverständlich geleisteter aktiver Hilfe und menschlichem und sozialem Engagement hervor: „Auch in der Gemeinde betreuen Ehrenamtliche Mütter und Kinder, es gibt sechs Deutschkurse für jeweils 15 Lernende und auch die Überlegung, eine Vorbereitungsklasse an der Schule einzurichten. Und die Rabbiner-Frauen Nelly Pushkin und Chani Trebnik leisten seelsorgerische Betreuung.“ Wobei Barbara Traub feststellt, dass die Menschen, die jetzt kommen, „viel stärker religiös geprägt sind als die Zuwanderer in den neunziger Jahren“. Denn in der Ukraine sei die Verwurzelung im jüdischen Glauben und seinen Regeln und Gesetzen sehr ausgeprägt.