Ukrainische Kinder an Schulen in Stuttgart Integration ist für Kinder und Lehrer eine Herkulesaufgabe

Erfahrene Lehrerin: Regine Wagner unterrichtet seit vielen Jahren in Vorbereitungsklassen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Der ungeregelte Zuzug von Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine hat auch Stuttgarter Schulen stark belastet. Inzwischen hat sich die Lage etwas entspannt. Im nächsten Schuljahr, wenn mehr Kinder in Regelklassen wechseln, könnte es wieder eng werden.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

„Und, Igor, wie war deine Pause?“ – „Meine Pause war gut“, antwortet der Neunjährige aus Charkiw. Er ist nicht der einzige in der Klasse, dem die Lehrerin Güldide Duran diese Frage stellt. „In der ersten Pause gehen wir auf die Wiese, in der zweiten Pause sind wir auf dem Hof“, sagt die 27 Jahre alte Pädagogin danach und will von den Schülern wissen, ob alle den Satz verstanden haben. Die Kinder nicken. Dann geht es ans Rechnen. Die Schüler müssen auf einem Blatt in kleine Kästchen die Ergebnisse von Rechenaufgaben eintragen. Igor tauscht sich mit seinen Nebensitzern Omar und Lew aus, auf Ukrainisch, alle drei sind mit ihren Müttern vor dem Krieg in ihrer Heimat nach Deutschland geflohen.

 

Zehn Schüler, der allergrößte Teil dieser Vorbereitungsklasse (VKL) der Rosensteinschule im Nordbahnhofviertel, teilen Igors Schicksal. Beim Lernen kommen sie gut voran, sagt ihre Lehrerin. „Sie können lesen, schreiben und rechnen“, erzählt Güldide Duran. „Sie sind gut und schaffen viel. Sie haben ein Sprachproblem, verstehen aber recht schnell.“

Manche starten durch, andere bleiben stehen

Im Klassenzimmer zwei Stockwerke darüber ist die Lage anders. In dieser Vorbereitungsklasse stammen die meisten Kinder aus anderen Ländern, aus Europa oder dem arabischen Raum. Sechs Schülerinnen kommen aus der Ukraine, sie tun sich beim Lernen deutlich schwerer. Einige der Mädchen sind schon zwölf oder dreizehn Jahre alt, machen aber noch Aufgaben aus dem Vorschulbereich, falten Figuren und üben das Ausmalen von Formen, oder sie zeichnen wie in der Grundschule die ersten Zahlen und Buchstaben nach. Man verständigt sich mit Händen und Bildern.

Die Kinder stammen aus ukrainischen Romafamilien, sie tragen traditionelle lange Röcke. „Sie sind noch komplett unbeschult“, sagt Regine Wagner über die Mädchengruppe. Die 65-Jährige ist eine sehr erfahrene VKL-Lehrerin auch in der Alphabetisierung. Aber sie sagt: „Das ist eine besondere Herausforderung.“ Dennoch empfindet Regine Wagner dies als „sehr dankbare Aufgabe“. Auch wenn sie an Bildung „nichts mitbringen“, seien die Mädchen „sehr süß und saugen alles auf wie Schwämme“, erzählt die Lehrerin. In der Schule könne man ihnen „Ruhe, Heimat und einen Tagesrhythmus“ geben und erstmals eine Chance auf Bildung.

Integration in der Rosensteinschule

Die Rosensteinschule im Nordbahnhofviertel gehört seit Langem zu den Schulen in der Stadt, wo die Bildungsintegration von Flüchtlingskindern ein großes Thema ist. „Das ist bei uns Normalität“, sagt der Schulleiter Detlef Storm. So befindet sich in dem Stadtteil etwa ein großes Hostel, wo zurzeit viele ukrainische Familien untergebracht sind. Die ersten beiden VKL-Klassen entstanden mit dem Bosnienkrieg Anfang der 1990er Jahre, mit der Flüchtlingswelle 2015 und 2016 kam eine weitere dazu, jetzt, mit dem Ukrainekrieg, sind es fünf, so viele wie an keiner anderen Schule der Stadt. Insgesamt hat die Rosensteinschule 22 Klassen, 80 der 415 Schüler hier werden im VKL-Bereich unterrichtet, 30 in der Grundschule (davon 20 Kinder aus der Ukraine) und 50 in der Werkrealschule (zehn aus der Ukraine).

Ein, maximal zwei Jahre sollen die Schüler in einer VKL-Klasse verbringen. Jeweils acht ukrainische Kinder aus dem Primar- und aus dem Sekundarbereich, also insgesamt 16 Schüler, besuchen schon Regelklassen der Rosensteinschule. Bevor die Schüler dorthin wechseln, wenn sie so viel Deutsch verstehen, dass sie dem Unterricht folgen können, werden sie in manchen Fächern, wo die Sprache nicht die zentrale Rolle spielt, möglichst früh schon „teilintegriert“, etwa in Mathe, Englisch oder Sport. Das ist Teil des VKL-Konzepts.

Durch den Ukrainekrieg ist die Zahl dieser Klassen an Stuttgarter Schulen noch einmal stark gestiegen. Vor dem russischen Angriff auf das Land gab es an den Grund-, Gemeinschafts-, Werkreal- und Realschulen insgesamt 49 solcher Klassen. „Jetzt sind es 73“, sagt Birgit Popp-Kreckel, die stellvertretende Leiterin des Staatlichen Schulamts. Rund 1400 Schülerinnen und Schüler besuchen hier in den genannten Schularten VKL-Klassen, etwa 1250 von diesen seien aus der Ukraine. „Und 153 Kinder gehen in Regelklassen“, erklärt Popp-Kreckel.

Zudem besuchen knapp 200 ukrainische Schüler allgemeinbildende öffentliche Gymnasien in Stuttgart, erklärt Andrea Panitz, die Pressesprecherin des Regierungspräsidiums. Rund 150 von diesen werden in 13 Vorbereitungsklassen an neun Gymnasien unterrichtet. Und rund 350 Geflüchtete von 15 bis 18 Jahren besuchen eine öffentliche berufliche Schule, in 19 Klassen, sagt Felix Winkler, der Geschäftsführende Schulleiter der Gewerblichen Schulen. Überdies werden in diesem Bereich 250 Flüchtlinge in 15 Klassen an Privatschulen unterrichtet.

Birgit Popp-Kreckel sieht die Schulen wegen der steigenden Schülerzahlen heute „vor größeren Herausforderungen als 2015/2016“. Zum einen gebe es „Lehrkräfte und Räume nicht im Überfluss“, sagt die stellvertretende Amtsleiterin. Das bestätigt Felix Winkler, die Zahl der Geflüchteten liege in den gewerblichen Schulen derzeit „etwa 30 Prozent über denen der Flüchtlingswelle 2015/16“. Winkler: „Unsere Kapazitäten sind erschöpft.“ Zum Glück habe man aber doch recht viele „tolle Lehrkräfte“ gefunden, erklärt Birgit Popp-Kreckel . „Aber die reichen immer noch nicht.“ Unter den neuen Lehrkräften seien manche Ältere, die lange nicht mehr unterrichtet hätten, aber auch „ganz neue“. Darunter sind nicht wenige Quereinsteiger, etwa Lehrkräfte aus der Ukraine.

Chance für Quereinsteiger in den Lehrerberuf

Auch Güldide Duran von der Rosensteinschule gehört zu dieser Gruppe. Sie hat in der Türkei ihre Lehrerausbildung absolviert und wollte nach dem Studium Europa kennenlernen. In Deutschland hat es der 27-Jährigen besonders gefallen, hier ist sie hängengeblieben. Vier Jahre lang hat sie als Erzieherin gearbeitet, seit den Weihnachtsferien unterrichtet sie ukrainische VKL-Schüler. „Es macht Spaß“, sagt sie über ihre Tätigkeit. Auch eine VKL-Lehrerin aus der Ukraine war in der Rosensteinschule tätig, sie ist aber zurück in ihre umkämpfte Heimat gegangen.

Nach wie vor sei „wahnsinnig viel Bewegung“ im VKL-System, sagt Schulleiter Detlef Storm. Zwar kommen derzeit nur wenige Ukrainer neu hierher, Veränderungen gibt es aber etwa durch Umzüge innerhalb der Stadt. So seien erst vorige Woche wieder Schüler aus der Schleyerhalle „neu verteilt worden“. Und im Sekundarbereich tauchen Schüler, die umgezogen sind und dann einen längeren Schulweg haben, plötzlich nicht mehr auf. Das ist aber alles nichts im Vergleich zu der ersten Phase nach dem Beginn des Ukrainekrieges mit einem unregulierten Zugang von Geflüchteten. „Im vorigen Schuljahr war die Lage etwas unübersichtlich“, drückt es der Leiter der Rosensteinschule vorsichtig aus. Mancherorts ist das jetzt noch so. Birgit Popp-Kreckel nennt dafür ein Beispiel. So wurde für die Unterbringung von Geflüchteten kürzlich ein Hotel in Zazenhausen neu bezogen. Plötzlich brauchte man dort für etwa 40 Kinder Grundschulplätze. „Es gab aber keine Vorbereitungsklassen“.

Auch die Gymnasien trifft diese Flüchtlingswelle stärker als die 2015/2016. Dieses Mal wurden dort „VKL-Klassen schulartunabhängig gefüllt“, sagt Birgit Popp-Kreckel vom Staatlichen Schulamt. Zwei sind es etwa am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium mit derzeit 21 Schülern. Es gebe „immer wieder Veränderungen“, beschreibt dessen Leiter Norbert Edel, der in der Sache auch Koordinator auf der Seite der Gymnasien ist, die Lage. „Die Schüler lernen sehr unterschiedlich schnell Deutsch“, hat er festgestellt, „wenige ganz zügig, bei anderen passiert fast nichts“. Auch am Elly praktiziert man in bestimmten Fächern die Teilintegration in Regelklassen. „Aber komplett integriert ist noch niemand“, sagt Edel. Dafür brauche es mindestens ein Jahr. Viele Schüler sind erst seit den Sommerferien im Unterricht.

Während man am Elly im ersten Schritt ganz auf VKL-Klassen setzt, verfolgt das Paracelsus-Gymnasium in Hohenheim eine kombinierte, teilintegrative Methode. In einigen Fächer sind die ukrainischen Schüler von Anfang an in einer Regelklasse, etwa in Mathe, „auch in Kunst und NWT machen sie gerne mit“, sagt die Schulleiterin Sabine Witzke. Gleiches gilt für Sport oder in der Freizeit, wo sie Deutsch sprechen müssen. Aber in Fächern wie Religion oder Französisch nimmt man sie zum Deutschunterricht heraus. „Jedes Kind hat einen individuellen Stundenplan und einen sehr individuellen Förderbedarf“, sagt die Schulleiterin. Unter den rund 550 Schülern am Paracelsus-Gymnasium sind derzeit 35 ausländischer Herkunft, 17 aus der Ukraine. Für die Unterstützungsangebote hat Sabine Witzke etwa Studierende und pensionierte Lehrer gewonnen, einige Kollegen hätten dafür auch aufgestockt. Unter den Kindern seien sehr engagierte, die gut vorankommen, aber auch wenig motivierte und durchaus auch traumatisierte Schüler.

Gymnasien stärker belastet als bei vorheriger Welle

Das Gymnasium hat als Schule im Umfeld der Uni Hohenheim Erfahrung mit der Integration ausländischer Schüler. Auch in der Folge der Flüchtlingswelle 2015/2016 habe man solche Pennäler bekommen und „etliche zum Abitur geführt“, erklärt die Schulleiterin. Damals aber kamen diese schon mit Sprachniveau B1 oder B2 und es war geklärt, dass sie aufs Gymnasiums sollten. Jetzt habe man „ganz andere Voraussetzungen“. Sabine Witzke spricht von einem „schwierigen Prozess“. Deshalb hat die Schulleiterin jetzt eine Art VKL-Element ins Konzept eingebaut und einen zusätzlichen „Crashkurs“ mit täglich drei Stunden Deutsch am Stück für die ukrainischen Schüler eingeführt.

Nicht nur Sabine Witzke hat festgestellt, dass die Schüler aus der Ukraine, die zum Beispiel mit der Familie im Hotel leben, „eine klare Tagesstruktur brauchen“. Und man müsse sich auch verstärkt mit deren sozialer Integration befassen. Das ist auch die Erfahrung von Detlef Storm. Der Schulleiter der Rosensteinschule plädiert dafür, die VKL-Klassen auf freiwilliger Basis in die Ganztagsschule zu integrieren. „Das wäre pädagogisch sehr förderlich und notwendig“, betont Storm, wohl wissend, dass das personell nicht so leicht zu stemmen wäre.

Im nächsten Schuljahr könnte es eng werden

In den vergangenen Monaten hat sich in den Schulen bei allen weiter vorhandenen Problemen doch einiges eingespielt. Trotz weiter bestehender Schwierigkeiten spricht Birgit Popp-Kreckel doch von einer „grandiosen Leistung“ der Schulen. Wieder deutlich angespannter könnte die Lage dort aber im Herbst werden, wenn die Zahl der ukrainischen Schüler, die dann in Regelklassen wechseln, weil sie besser Deutsch können, merklich steigt. Regelklassen sind zumeist jetzt schon voll, so dass neue Klassen gebildet werden müssten. Dafür weiteres Personal und Räumen zu finden, wird nicht leicht.

Weitere Themen