Theresa Schopper kann es selbst schon fast nicht mehr hören. Wer und was ist nicht alles „auf Sicht gefahren“ in den vergangenen zwei Coronajahren. Gerne würde die baden-württembergische Kultusministerin mit dem grünen Parteibuch ihren Schulleitern Klarheit verschaffen. Stattdessen rauschen die Schulen im Land in die nächste Nebelwand. Die Ankunft der ukrainischen Flüchtlingskinder stellt Rektoren und Lehrer vor eine neue, zusätzliche große Herausforderung.
Nach Angaben des Justiz- und Migrationsministeriums sind seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine knapp 7000 Kriegsflüchtlinge im Südwesten angekommen. Jeden Tag kommen mindestens 500 dazu, die meisten davon seien Frauen und Kinder. Das Kultusministerium verweist darauf, dass man durch die Flüchtlingsbewegungen, die der Bürgerkrieg in Syrien 2015 ausgelöst hatte, mit den Vorbereitungsklassen (VKL) und dem Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen der beruflichen Schulen (Vabo) bereits ein integratives System für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche mit schlechten Deutschkenntnissen habe.
Die x-te Weiterbefristung „ist kein Zustand“, findet Schopper
Aktuell gibt es etwa 1450 Vorbereitungsklassen mit etwa 20 300 Schülern und etwa 200 Vabo-Klassen mit etwa 2800 Schülern. Dafür stehen 1165 Stellen zur Verfügung, die allerdings seit sieben Jahren immer nur befristet vergeben werden – „das ist kein Zustand“, wie auch die Ministerin findet. Darüber hinaus unterscheidet sich die aktuelle Lage in vielen Punkten von der Situation 2015 und 2016.
Damals waren es vor allem junge Männer, die außerdem ihrer Heimat ein für alle Mal den Rücken gekehrt haben und hier neu anfangen wollten. Sie sind gekommen, um zu bleiben. Die Verteilung der syrischen Flüchtlinge, die einen Asylantrag stellen mussten, auf die Kommunen im Land erfolgte zentral und mit System. Jetzt sind es Frauen und Kinder, die zwar jetzt Zuflucht vor dem Krieg suchen. Sie aber kommen, um wieder zu gehen – die meisten hoffen, bald in ihr Land, zu ihren Männern und Vätern zurückkehren zu können.
Die Kinder sollen zur Ruhe kommen können
Die ukrainischen Flüchtlinge müssen auch keinen Asylantrag stellen, das hat der Europäische Rat Anfang März beschlossen, sondern können direkt einen Aufenthaltstitel beantragen – und dann dahin gehen, wo sie wollen. Das Land hat also keine Möglichkeit, das zu steuern. Damals ging es von Anfang an darum, die jungen Syrer über das Bildungssystem zu integrieren. Jetzt, sagt Schopper, müsse man die häufig traumatisierten Kinder „erst einmal ankommen und zur Ruhe kommen“ lassen.
Ein geregeltes Leben mit Schule oder Kita soll helfen, sich die Normalität wieder zurückzuerobern. Für die Kleinsten sollen nach den Vorstellungen von Schopper Spielgruppen in Gemeinderäumen eingerichtet werden. Diese Gruppen hätten dann weniger enge Vorschriften, was die Anforderungen an Räume und an das Personal angehe. „Auch bei den Erzieherinnen“, so Schopper, „ist das Maß voll.“
Ukrainische Jugendliche sollen hier ihren Abschluss machen können
Den ukrainischen Jugendlichen, die in diesem Schuljahr ihren Abschluss hätten machen sollen, versuche man zu ermöglichen, das Examen von hier aus zu machen. Die Kultusministerkonferenz hat am Freitag dafür eigens eine Taskforce eingerichtet, die auch Lehrerinnen und Erzieherinnen unter den Flüchtlingen für diese Arbeit mit den Kindern gewinnen soll. Dazu stehe man bereits in Kontakt mit dem ukrainischen Bildungsministerium.
Zupass kommt ihnen dabei, dass „die Ukraine deutlich weiter ist mit der Digitalisierung als wir“, wie Schopper neidlos anerkennt: Schulmaterial steht weitgehend online zur Verfügung, „dort schleppt kein Kind mehr schwere Bücher von A nach B“. Zudem hat die Invasion der Russen in die Ukraine hier eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst.
Online-Portal soll Hilfsbereitschaft bündeln helfen
Die will das Kultusministerium, das auch einen Sonderstab eingerichtet hat, nutzen. Anfang dieser Woche, hofft Schopper, soll ein Online-Portal freigeschaltet werden, über das sich potenzielle Helfer registrieren lassen können, seien es pensionierte Lehrer, Studenten oder Ukrainer und Russen, die sich als Dolmetscher anbieten wollen.
Der Verband für Bildung und Erziehung (VBE) hat seine Pensionäre schon angeschrieben und gebeten zu helfen, sagt Dirk Lederle, der stellvertretende VBE-Landesvorsitzende. „Die Bereitschaft ist sehr groß“, der Krieg habe bei vielen „ein Höchstmaß an emotionaler Betroffenheit ausgelöst“.
Lederle fordert kreative Lösungen, um den Lehrermangel zu kompensieren und zusätzliches Personal zu generieren – etwa indem man die sogenannten Nichterfüller, die für den Schuldienst nicht zugelassen sind, weil sie das Referendariat nicht begonnen haben oder ihre Abschlüsse aus dem Ausland nicht anerkannt wurden, in die Arbeit mit den Flüchtlingen einbezieht.
GEW: „Wir brauchen Schulpsychologen“
„Das System ist nicht unendlich belastbar“, mahnt auch Monika Stein, die Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW). Lehrer bräuchten Fortbildungen für den Umgang mit traumatisierten Kindern und für Deutsch als Fremdsprache – und sie benötigten mehr Unterstützung durch Schulpsychologen und Schulsozialarbeiter, „als wir es haben“.
Umgang mit der Krise
System
Das ukrainische Schulsystem ist dreigliedrig. Wie bei uns dauert die Grundschule von der ersten bis zur vierten Klasse. Daran schließt sich die Mittelschule an, die die fünfte bis neunte Klasse umfasst. Die Oberschule geht aktuell noch zwei weitere Jahre, 2027 soll aber ein 12. Schuljahr als Abschlussjahr eingeführt werden.
Material
Das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) hat mittlerweile Material auf seiner Homepage bereitgestellt, mit dessen Hilfe die Ukraine und der Krieg im Unterricht thematisiert werden können. Unter www.zsl-bw.de/ukrainekrise finden sich Hintergründe und Themenblätter. In der vergangenen Woche hat das Kultusministerium zudem auf seiner Homepage eine Seite für Flüchtlinge und Helfer mit Fragen und Antworten zu Schulen im Land online gestellt.