Mischa ist erst anderthalb Jahre alt. Für sein junges Leben hat der kleine Junge aus Kiew schon viel erlebt. Nach einer aufreibenden Flucht wohnt er seit Kurzem mit seiner Mutter Olga und seinem großen Bruder in Schlichten. In der AWO-Begegnungsstätte Schorndorf bewegt er sich aber, als wäre er noch nie woanders gewesen. Er nimmt sich eines der Spielzeugautos, tapst durch den Raum und setzt sich bei Tetiana Bedai auf den Schoß. „Mischa ist seit Anfang an dabei und kennt sich schon gut aus“, sagt die 42-Jährige.
Innerhalb eines Tages war der Raum mit Spenden eingerichtet
Vor dem Ukraine-Krieg hat Tetiana Bedai als Erzieherin in einem Kiewer Kindergarten gearbeitet. Jetzt betreut sie die Spielgruppe für ukrainische Kinder, die vor drei Wochen ins Leben gerufen worden ist. Die Idee dazu hat Tim Schopf, der Vorsitzende des AWO-Ortsverbands, von einer Sitzung des Kommunalverbands für Jugend und Soziales mitgebracht: „Es hat sich bei den Verbänden schnell herumgesprochen, dass Spiel- und Familiengruppen, Spieltreffs oder ähnliches als niederschwelliges Angebot vorerst die erste Wahl sind.“
Durch einen Freund entstand der Kontakt zu Tetiana Bedai. „Zudem waren die räumlichen Kapazitäten da, weil wir seit der Pandemie einige Seniorengruppen verloren haben“, erzählt Schopf. Dann sei alles ganz schnell gegangen. Über einen Facebook-Aufruf konnte innerhalb nur eines Tages die Einrichtung und das Material für die Spielgruppe gesammelt werden: Spielteppiche, Regale, Playmobil-Figuren, eine Spielküche und vieles mehr füllen den Raum. „Die Spendenbereitschaft ist wirklich enorm“, sagt Tim Schopf, der sich über das neue Angebot in der AWO-Einrichtung freut.
Ein Treffpunkt für ukrainische Kinder und vor allem auch für Eltern
„Die Idee ist, dass diese Spielgruppe ein Ort der Begegnung ist“, sagt Tetiana Bedai. Während viele der älteren ukrainischen Kinder bereits die Schule besuchen können, fehlt ein Angebot für die Kleineren. „Mein dreijähriger Sohn wollte mit anderen Kindern spielen, aber hat sie nicht verstanden. Jetzt freut er sich, dass er eine Gemeinschaft hat“, sagt Alina Donets, die den Treffpunkt auch für sich hilfreich findet. „Wir haben alle die gleichen Probleme und Gedanken. Wir wissen nicht, wann wir wieder nach Hause fahren können, wann wir unsere Verwandten wiedersehen“, erzählt die 29-Jährige aus Sumy von ihrer Gefühlslage. Tatsächlich soll die Spielgruppe die ukrainischen Eltern zusammenbringen: „Sie sollen sich austauschen können“, erklärt Tetiana Bedai, die vor einem Monat mit ihrem 15-jährigen Sohn aus Kiew geflüchtet ist.
Das Angebot kommt an: An diesem Vormittag sind zehn Kinder da, damit ist der Raum am Rande seines Fassungsvermögens angekommen. Die meisten ukrainischen Eltern kommen aus Schorndorf oder den umliegenden Gemeinden. „Eine junge Mutter ist heute zum zweiten Mal hier und extra aus Heidelberg angereist“, erzählt Yana Duga, die als Ehrenamtliche an diesem Vormittag mithilft. Warum die Frau diesen weiten Weg auf sich nimmt? „Sie erzählt, dass es dort so etwas nicht gibt. Und dass sie möchte, dass ihr Sohn mit anderen Kindern aus der Ukraine spielen kann.“
Mittlerweile findet parallel zum Spieltreff ein Sprachkurs statt
Die Spielgruppe wurde mittlerweile auf drei Vormittage ausgeweitet, mehr geht nicht – ab zehn Wochenstunden benötigen solche Kindertagesbetreuungen eine Betriebserlaubnis. Deswegen überlegt Tim Schopf, eine zweite Gruppe zu eröffnen und die Kinder zu verteilen. Auch weiß er, dass andere Einrichtungen und Kommunen darüber nachdenken, ähnliche Angebote einzurichten. Tim Shopf kann dazu nur ermutigen: „Die Ukrainer sind sehr engagiert und selbstständig, das ist wirklich toll.“
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So ist es bereits gelungen, die Spielgruppe nach kurzer Zeit um ein weiteres Angebot zu ergänzen: Am Montag hat Alina Donets einen Sprachlernkurs gestartet, der zweimal in der Woche stattfindet. Während die Kinder im Nebenzimmer spielen, können die Eltern Deutsch lernen. Gleich 15 Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind zur ersten Stunde gekommen. Alina Donets hat in der Ukraine an der Universität Deutsch als Fremdsprache unterrichtet und ist froh, ihren Landsleuten helfen zu können: „Ich möchte nicht nur sitzen, warten und machtlos sein. Das ist eine gute Ablenkung“, sagt sie. Ähnlich geht es der Erzieherin Tetiana Bedai: „Für mich ist die Spielgruppe sehr wichtig. Sie zeigt, dass das Leben weitergeht. Und ich möchte nicht nur nehmen, sondern auch geben.“
Alle Schorndorfer Informationen und Angebote für Flüchtlinge aus der Ukraine finden sich im Internet auf der Homepage www.schorndorf.de/ukraine