Ulm Die düpierten Stadtplaner

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Der geplante Bau des Ulmer Einkaufszentrums Sedelhöfe entwickelt sich desaströs. Hauptverantwortlich dafür sind Fehler der Stadtverwaltung.

Nur virtuell sind die Sedelhöfe (Kreis) bisher  zu besichtigen. Foto: Stadt Ulm   Montage: Schwing
Nur virtuell sind die Sedelhöfe (Kreis) bisher zu besichtigen. Foto: Stadt Ulm   Montage: Schwing

Ulm - Seit ein paar Tagen umweht Siegfried Keppler eine Eiseskälte, die ihm vorher, in 25 Jahren Gemeinderatsarbeit, nie begegnet ist. Der altgediente CDU-Stadtrat hatte sich öffentlich hingestellt und erklärt: „Das Sedelhöfe-Konzept ist tot.“ Es dauerte nur Stunden, dann wurde Keppler von den Ratskollegen abgekanzelt wie ein Mandatsfrischling. Eine unabgestimmte „Einzelmeinung“ vertrete Keppler, verkündete dessen Fraktionschef Thomas Kienle. Von „blankem Populismus“ sprach die SPD. Das Sedelhöfekonzept sei Opfer „von der Stadt nicht verschuldeter Verzögerungen“.

Die stolze Ulmer Stadtverwaltung und ihr Gemeinderat ein Opfer unvorhersehbarer Umstände – so wird inzwischen also ein zum Stillstand gekommenes städtebauliches Vorhaben verkauft, das über die Monate zum Klimavergifter Nummer eins geworden ist. Die Causa Keppler ist dafür nur das jüngste Beispiel.

Zeichen einer wahren Großstadt?

Es geht um einen Traum, der sich vor Ausbruch der Finanzkrise in den Köpfen der Ulmer Verwaltungsspitze eingenistet hat: die Errichtung eines 18 000 Quadratmeter Handelsfläche umfassenden Shoppingcenters mit gehobenem Warenangebot in der Innenstadt, direkt gegenüber des Hauptbahnhofs. Dazu einige luxuriöse Dachwohnungen. So hat es, siehe Stuttgart, manche Metropole vorgemacht, und so wollen es auch Ulms Stadtväter. Ein Schild am Bauzaun verspricht noch immer einen Fertigstellungstermin, der auch in kühnsten Träumen nicht mehr zu halten ist: „Mitte 2016“.

Dass es damit nichts wird, liegt am misslungenen Risikospiel und Fehleinschätzungen der Ulmer Stadtplaner. Die Stadt hatte sich mit dem Projektentwickler MAB Development zusammengetan, einem Tochterunternehmen der niederländischen Rabobank. Der Deal: Die Stadt räumt das ihr gehörende Quartier in der Innenstadt ab, MAB baut für 130 Millionen Euro das Einkaufszentrum und führt dessen Regie. Seit Anfang dieses Jahres gähnt nun eine platte Betonwüste am westlichen Stadtrand. Auch die im Baufeld liegende Tiefgarage „Sedelhof“ wurde weggerissen, seitdem fehlen der City 500 Stellplätze. Kaum dass die Großwunde ins Stadtbild geschlagen war, sorgte der Projektpartner MAB für einen Paukenschlag. Auf dessen Homepage steht heute zu lesen: „MAB Development Deutschland GmbH hat seine Aktivitäten zum 1. Juli 2014 eingestellt“.

Die Rabobank, von der Finanzkrise geschüttelt

Die Rabobank, geschüttelt von der Finanzkrise, aber nicht im Vorzug von Staatshilfen stehend, hat sich vom Projektentwicklungsgeschäft verabschiedet. Jetzt wird hektisch ein Bauherr gesucht, der in die Vetragsverpflichtungen mit der Stadt Ulm eintritt. Für den Oberbürgermeister Ivo Gönner (SPD) kein Problem: „Bei uns steht das Telefon vor Interessenten nicht still“, sagt er. Alle Offerten würden an MAB weitergeleitet.

Das ist nicht alles. Schon zu Planungsbeginn war es der Ulmer Verwaltungsspitze misslungen – oder es wurde übersehen – einer Eigentümergemeinschaft rechtzeitig ein Bürogebäude vis-à-vis des Hauptbahnhofs abzukaufen, das ursprünglich ebenfalls im Planungsgebiet Sedelhöfe lag. Aber die Eigentümer wollten ihr Haus behalten. Die Folge war ein Streit zwischen dem Ulmer Einzelhandel und dem Rathaus über die künftige Führung der Passantenströme vom Bahnhof in die City, der bis heute schwelt. Für die Innenstadthändler ist erwiesen, dass ihnen mit Rathaussegen Kundschaft weggelockt wird.

Der IHK-Präsident sorgt persönlich für den Kammerton

Die mächtige Ulmer IHK mit dem Hauptgeschäftsführer Otto Sälzle an der Spitze stellte sich lange auf die Seite der Händler. Doch im Frühjahr riss der IHK-Präsident Peter Kulitz die Öffentlichkeitsarbeit in dieser Sache an sich. Seitdem ist die Kammer schwer auf Linie mit Ivo Gönner. „Dieses Vorhaben in der jetzigen Phase infrage zu stellen oder auch nur weiter zu verzögern, dient niemandem“, ließ Kulitz vergangene Woche als Reaktion auf den Vorstoß Siegfried Kepplers verlauten.

Nicht zuletzt hatte das Rathaus versäumt, rechtzeitig mit dem Filialisten Sport Sohn, Nachbar des Sedelhöfe-Geländes, zu sprechen. Der Shoppingtempel hätte Sohn eine Lieferantenzufahrt abgeschnitten. Die Anwälte marschierten auf, aber am Ende war der Gemeinderat gezwungen, den Bebauungsplan für die Sedelhöfe zu Gunsten des Sportgeschäfts anzupassen. Das war im August.

Anfang 2015 müssen alle Karten auf den Tisch

Wie es aussieht, könnten die MAB-Abwickler diesen neuen Bebauungsplan zum Anlass nehmen, sich aus den geltenden Verträgen ohne Zahlung einer Konventionalstrafe zu verabschieden. Anfang 2015 gebe es einen „Closing“-Termin, sagt OB Gönner. Als Pfand besitze die Stadt eine „Patronatserklärung“ der Rabobank.

Der Stadtrat Keppler hat lange mitgeholfen, den Deckel auf das Thema Sedelhöfe zu drücken. Inzwischen hält er große Shoppingcenter in der Innenstadt nicht mehr für die Zukunft. „Das hat mich in den Sommermonaten laufend umgetrieben“, sagt er. „Wir brauchen Luft und Sonne, und es muss eine bessere Aufenthaltsqualität geschaffen werden.“ OB Gönner sagt, wer in Ulm Park und Bäume sehen wolle, solle ans Donauufer gehen.