Ulm Ein enges Paar, bis in den Tod vereint

Maria und Albert Heim waren ein typisches Ehepaar der Nachkriegszeit – schaffig, bodenständig und immer zuversichtlich. Aus einfachen Verhältnissen heraus haben sie sich einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet. Im Februar erkrankten sie beide an Corona und starben keine zwei Tage nacheinander.

Albert und Maria Heim aus Ulm waren begeisterte Wanderer. Foto: privat
Albert und Maria Heim aus Ulm waren begeisterte Wanderer. Foto: privat
Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)

Ulm - Es waren noch ganz andere Zeiten, als Maria und Albert Heim jung waren – heute erscheinen die 1940er- und 1950er Jahre so fern und so fremd. Albert erzählte später seinen Kindern immer wieder die Geschichte, wie er in den letzten Kriegstagen zusehen musste, wie die Amerikaner ein Dorf an der Iller samt den Menschen mit Panzern zerschossen hatten, weil ein paar Hitler-Jungen glaubten, sich noch wehren zu müssen. Maria vergaß nie den Hungerwinter 1946/47 und wie sie sich als Weihnachtsgeschenk innig gewünscht hatte, einen Ring Schwarzwurst für sich allein zu bekommen. Und als die beiden im April 1959 in Füssen heirateten, da verbot der Pfarrer der Braut, Weiß zu tragen, weil sie bereits schwanger war...

Nun ist Albert Heim (83) am Freitagabend des 12. Februars nach einer Covid-Infektion in Ulm gestorben, keine zwei Tage später, am Sonntagnachmittag des 14. Februars, folgte ihm Maria (80), ebenfalls an Corona erkrankt, in den Tod nach. „Sie waren ein sehr enges Ehepaar, und es wäre für beide das Schlimmste gewesen, alleine zurückzubleiben“, sagt der Sohn Siegfried Heim, der bei Verdi in Stuttgart arbeitet. „Dass ihnen das erspart blieb, tröstet uns ein wenig.“ Aber der Gedanke, dass sie auf so tragische Weise Opfer der Pandemie wurden, lässt dann doch vor allem Trauer und ein wenig Wut in ihnen aufkommen.

Ein letzter Besuch fand auf der Straße statt

Wegen eines Routineeingriffs war Albert Heim ins Krankenhaus gekommen. Ob er sich dort beim Personal oder bei einem der Patienten im Dreibettzimmer angesteckt hatte, weiß man nicht. Auf jeden Fall wurde Albert, da er zunächst keine Symptome entwickelte, entlassen und nach Hause geschickt; dort sollte er in Quarantäne bleiben. Auf dem Weg heim infizierte er vermutlich seinen Schwiegersohn an, der wieder seine Frau, Alberts Tochter. Und zuhause übertrug sich das Virus auch auf die Ehefrau Maria.

Siegfried Heim erinnert sich, wie er seine Mutter einen Tag, bevor sie ins Krankenhaus kam, nochmals in Ulm besucht hat: „Ich stand draußen auf der Straße und sie in der offenen Haustür.“ Eine groteske Situation, von der zudem niemand ahnen konnte, dass es ihre letzten gemeinsamen Augenblicke sein würden. Sie hatte selbst Atembeschwerden und musste ebenfalls ins Koma gelegt wurde. So hat sie wenigstens nicht mehr mitbekommen, dass ihr Mann starb, bevor sie selbst verschied.

Der „Tabellierer“ durfte nur einen grauen Kittel tragen

Kennengelernt hatten sich die beiden in Füssen, wo Maria aufwuchs und wo Albert als Soldat stationiert war. Später hat er Bäcker gelernt, aber wegen einer Mehlstauballergie, durch die ihm schon in jungen Jahren die Zähne ausfielen, musste er den Beruf aufgeben und fand eine Anstellung als Hilfsarbeiter beim Traktorenhersteller Fendt in Marktoberdorf im Allgäu. Maria arbeitete als Verkäuferin im „Konsum“, einer damaligen Ladenkette. Albert war 22, Maria 19, als die beiden heirateten. Ein Leben lang blieben sie zusammen, fast 62 Jahre lang. Im April 2019 durften sie noch ihre diamantene Hochzeit feiern.

Bald wurde Albert bei Fendt zum „Tabellierer“ ernannt – das waren Personen, die auf großen Schalttafeln die Stecker an den richtigen Stellen platzieren mussten. Eine frühe Form der IT-Abteilung darf man das wohl nennen. Dass er wenig zu melden hatte, das wurde damals noch per Berufskleidung ausgedrückt: Nur die Programmierer durften weiße Kittel tragen, Albert musste den grauen anziehen.

Die Mutter muss trotz dreier Kinder weiter mitarbeiten

Später wechselte er zu Telefunken nach Ulm, und dadurch wurde die Münsterstadt ihre eigentliche Heimat. Und es begann der kleine Aufstieg, der damals in Zeiten des Wirtschaftsbooms vielen Menschen möglich wurde. Zuerst lebten sie in einer Werkswohnung, später kauften sie sich sogar ein Reihenhaus – Maria musste aber trotz der mittlerweile drei Kinder weiter halbtags arbeiten, sonst hätte man den Kredit mit den damals hohen Zinsen nicht stemmen können. „Das war eine enorme Leistung“, sagt Sohn Siegfried: „Beide Eltern haben ihr Leben lang schwer geschafft.“

1966 der erste Fernseher, 1968 das erste Auto, in den 1970er Jahren die erste Flugreise ans Schwarze Meer nach Rumänien – Maria und Albert Heim waren mit den Kindern eine typische Familie der Nachkriegszeit, in der man schaffig, bodenständig und ehrlich war. Und in der man erst lernen musste, sich hin und wieder etwas zu gönnen. Beide gingen dann aber früh in Rente, und seither widmeten sie sich verstärkt ihrem großen Hobby, dem Wandern. Oft und gerne fuhren sie nach Südtirol, vor allem ins Gadertal, wo man schon Ladinisch spricht.

Zweimal flogen die Heims sogar nach Kanada

Siegfried Heim erzählt, dass die beiden so fit waren, dass er ihnen bei einem Bergaufstieg kaum hinterher kam. Die zwei fuhren auch bei Busreisen mit und gerne mal ins Blaue hinein – sie mochten das Gesellige und fanden immer schnell Anschluss. Und zweimal sind sie sogar aus Europa rausgekommen und flogen nach Kanada, um gemeinsam mit ihrem Sohn dort Urlaub zu machen.

Dann kam die Pandemie. „Meine Eltern waren im Grunde gesund, sie hätten noch gut zehn Jahre leben können“, sagt Siegfried Heim heute. Das Virus holte sie vor der Zeit – das ist das Bittere für die Hinterbliebenen.