Von der einstigen Hochschule für Gestaltung in Ulm sind übrig: Tausende von Artefakten und eine Privatstiftung um den Baubürgermeister.

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)

Ulm - Die Fensterscheiben des denkmalgeschützten Hochschulgebäudes über Ulm glänzen blau. Dem Gemäuer sei die "Sonnenbrille" aufgesetzt worden, schreibt in einem schönen Bild, das das Unschöne charakterisiert, die Fachzeitschrift "Bauwelt". In einem Trakt lassen sich die Bewegungen von Mitarbeitern der kürzlich eingezogenen Ulmer Schmuckdesignfirma Ehinger & Schwarz ahnen. Bauarbeiter machen auf der Ladefläche eines Lastwagens Mittagspause.

Einige Schritte weiter beginnen die beiden kleinen Wohnstraßen, in die der Architekt Max Bill die ehemaligen Dozentenhäuser gesetzt hat; wunderbare, lichtdurchflutete Anlagen mit kleinen Terrassen und Gärten, die nach Süden, mit Blickrichtung zum Donautal, gebaut wurden. Für den Ulmer Baubürgermeister Alexander Wetzig gehört das zum "Spirit" der berühmten einstigen Hochschule für Gestaltung, kurz HfG.

Sinnbild für die Selbstherrlichkeit der Stiftung

In einem der Häuser wohnt als Mieterin der Stiftung HfG Monika Maus. Sie ist vor Kurzem zur Vorsitzenden des "Club off Ulm" gewählt worden, einem Verein aus ehemaligen HfG-Schülern, die das Erbe ihrer berühmten Schule lebendig halten wollen. Schnell kam die Designerin Maus in den Verdacht, eine Nestbeschmutzerin zu sein. "Einige Mitbewohner grüßen mich nicht mehr", sagt sie. In der Wohnanlage haben sich honorige Menschen eingerichtet: Architekten, ein Schönheitschirurg, ein Verleger.

Sie gießt einen Kaffee ein, so schwarz, dass er ein Pferd lähmen könnte, und blättert in einem Ordner voller Presseartikel, der sich in nur einem Jahr gefüllt hat. Das Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung" etwa spottet, ebenfalls auf die unhistorischen Fenstergläser Bezug nehmend, über die "Fehlfarben der thermischen Aufrüstung". Das blaue Glas ist Sinnbild geworden für die Umwandlung des HfG-Gebäudes zur schnöden Gewerbefläche, für die Selbstherrlichkeit einer Stiftung, die sich für Geschichtswahrung nicht interessiert, sondern nur noch fürs Geldverdienen. Nach 30 Jahren ist die Universität Ulm aus dem Denkmalbau ausgezogen. Schnellstmöglich sollen nun die Mieteinnahmen ersetzt werden. Seit Monaten werden die freien Gewerbeflächen beworben. Monika Maus hatte zeitweise Hausverbot auf der Baustelle.

Designphilosophie für die ganze Welt

Es gibt auch das HfG-Archiv, eine Abteilung der Stadtverwaltung, die Tausende von Exponaten aus den großen Lehrjahren verwahrt. Das Archiv bekommt ebenfalls neue Räume oben am Kuhberg. Für die Ehemaligen sind sie lächerlich klein, der Großteil der Artefakte muss in Kartons verpackt bleiben. Leiterin Dagmar Rinker, die über 2,2 Planstellen verfügt, sperrt gerne die Tür zum Archivkeller auf. Öffentliche Stellungnahmen zur Sache sind ihr aber verboten.

Ein paar Jahre nur, von 1953 bis 1968, existierte die Ulmer HfG, doch sie brachte eine Designphilosophie und Arbeiten hervor, die den Globus eroberten. Die Schulgründer Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher sowie Max Bill wollten helfen, dieses Land zu demokratisieren. Dafür bekamen sie eine Million Mark von John McCloy, dem für Deutschland zuständigen amerikanischen Hochkommissar. Auch die norwegische Europahilfe unterstützte die eigens gegründete Geschwister-Scholl-Stiftung.

"Die Vermietungen haben nichts mit der Hochschule zu tun"

1968 drehte die Filbinger-Regierung der Privatschule mit dem Linksgeruch den Geldhahn zu. Es war Schluss. Aicher, Bill und die Dozenten hatten sich, nach vielen internen Streitereien und bitteren Grundsatzdebatten, auch selber erschöpft. Die Privatstiftung aber, einst Mittel gegen Zugriffe einer unfertig reformierten Staatsadministration, erhielt sich. 1986 hatte sogar Otl Aicher den Überblick darüber verloren, wer in ihren außeröffentlich agierenden Gremien noch was ins Werk setzte. Nachdem die Stiftung, um Kapital zu beschaffen, Grund und Boden an Hausbauer auf dem Kuhberg verkaufte, entzog der Designer aus dem oberschwäbischen Rotis den berühmten Namen Scholl. Die Bezeichnung HfG-Stiftung rückte an seine Stelle.

Das Ulmer Stadthaus, ein Donnerstagabend. Auf dem Podium des "Südwest Presse Forums" giften sich der Baubürgermeister Alexander Wetzig und Philipp Oswalt, Direktor der Bauhausstiftung Dessau an. "Es geht nicht an, ein Erbe ohne die Ehemaligen zu pflegen", eröffnet Oswalt den Schlagabtausch. "Die Vermietungen, die da stattfinden, haben nichts mit dem HfG-Erbe zu tun." Wetzig nennt solche Bemerkungen "unter der Gürtellinie" und höhnt später: "Je mehr sich Herr Oswalt über die blauen Fenstergläser echauffiert, desto mehr gefallen sie mir."

Der Vorsitzende kontrolliert sich selbst

Teile des Publikum sind verwirrt, so wie schon nach der Publizierung eines offenen Briefs an die Mappus-Regierung und die Landtagsmitglieder im Januar. 88 Kulturschaffende, darunter die ehemaligen HfG-Dozenten Gui Bonsiepe aus Brasilien, die Filmemacher Alexander Kluge und Edgar Reiz aus München, der Leonberger Komponist Helmut Lachenmann, der Mailänder Künstler TomÕs Maldonado und der Designer Herbert Lindinger aus Hannover, griffen die Privatstiftung scharf an. "Der Verbleib von jahrzehntelangen Mieteinnahmen ist Außenstehenden unbekannt. Einige der Stiftungsratsmitglieder haben private Interessen", steht geschrieben. Die Unterzeichner fordern den "Übergang des Eigentums an den Bauten der HfG Ulm auf eine öffentliche Stiftung, getragen von Stadt und Land." Im Stadthaus, an diesem Donnerstagabend im Juni, nennt Alexander Wetzig diese Forderung einen "Treppenwitz". Was gemeint ist mit der Verstrickung von Privat- und Amtsinteressen, bleibt unklar.

Die Antwort liegt oben auf dem Ulmer Kuhberg. Seit einiger Zeit ist der Baubürgermeister nicht mehr nur Vorsitzender des HfG-Stiftungsrats, er hat auch den Geschäftsführerposten übernommen. Zugleich wurde er Geschäftsführer der Tochtergesellschaft IFG (Internationales Forum für Gestaltung), in der sich ein externer Fachbeirat um Designfragen der Gegenwart kümmert. Die IFG sichert der Stiftung die Gemeinnützigkeit. Wetzig als Stiftungsratsvorsitzender kontrolliert sich in dieser kritischen Phase der Stiftung ("Wir kämpfen um unser Überleben") also selber als Geschäftsführer.

Ehemalige HfG-Schüler werden verhöhnt

Mit solcher Machtfülle zeichnet der Baubürgermeister Verträge ab, die den Umbau des HfG-Gebäudes betreffen. Als verantwortlicher Architekt wurde Adrian Hochstrasser engagiert, Sohn von Fred Hochstrasser, dem Ehrenvorsitzenden der HfG-Stiftung. Adrian Hochstrassers Familie lebt innerhalb des Denkmalensembles am Kuhberg - so wie Alexander Wetzig selber übrigens auch. Der in vielen Details unhistorische Hochschulumbau wird also unter Nachbarn und alten Bekannten abgewickelt. Die Untere Denkmalschutzbehörde von Ulm genehmigt, unter den Augen des omnipräsenten Baubürgermeisters, alles.

Wetzig ist faktisch Stiftungsmacher und -kontrolleur. Er ist außerdem Vermieter und Mieter des von ihm bewohnten HfG-Denkmalhauses. Er vergibt Bauaufträge und kann dafür sorgen, dass sie abgesegnet werden. Er hat auch den Ulmer Ex-OB-Kandidaten und FWG-Stadtrat Ralf Milde in eine der historischen Atelierwohnungen im Hochschulgebäude einziehen lassen. Milde, das Kulturausschussmitglied, verhöhnte protestierende ehemalige HfG-Schüler in öffentlicher Gemeinderatssitzung prompt als "Heckenschützen".

"Ich sollte die Klappe halten."

Der Ulmer OB Ivo Gönner lässt das geschehen. Er ist ja selber Mitglied des HfG-Stiftungsrats, nebenbei auch Verwaltungsrat der Sparkasse Ulm, die den Umbau des hinfälligen HfG-Gebäudes - Gerüchte sprechen von einer Summe von drei Millionen Euro - kreditiert. All das, beklagt Bauhaus-Direktor Philipp Oswalt, sei in seiner öffentlich-rechtlichen Stiftung, die öffentlich bilanzieren muss, nicht im Ansatz denkbar.

Das Tuch zwischen ihm und dem Ulmer Baubürgermeister ist zerschnitten, seit Wetzig Beschwerdebriefe an die sachsen-anhaltinische Kultusministerin schrieb. Philipp Oswalt fasst den Inhalt so zusammen: "Ich sollte die Klappe halten." Der Stiftungsratsvorsitzende selber hat aber einen Lösungsvorschlag, der frisches Geld in die Kasse bringen und ansonsten alles so belassen würde, wie es ist: "Das Land Baden-Württemberg soll verdammt noch mal das Archiv unterstützen."

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