Ulrich Tukur im Gespräch „Wer zu tief in die Hölle schaut, wird hineingezogen“

Ulrich Tukur Ende Oktober im Hotel Wartburg in Stuttgart Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Ulrich Tukur zählt zu den profilierten deutschen Charakterdarstellern. Derzeit ist er als Pianist und Sänger mit den Rhythmus Boys auf beschwingter Tour. Im Interview spricht er über Cole Porter, deutsche Geschichte und seinen „Tatort“-Kommissar Murot.

Er hat große Filme gedreht, aber die Bühne bleibt ein zentraler Ort für den Theater-Mann Ulrich Tukur. Derzeit frönt er seiner dritten Leidenschaft: dem Swing.

 

Herr Tukur, wie wichtig ist Ihnen der Spaß an der Musik?

Ich finde, es ist die hervorragendste Aufgabe der Kunst, der Musik, des Theaters, Menschen zu verzaubern und das Leben ein bisschen schöner und verständlicher zu machen, mit den Dingen zu spielen, zu flunkern, zu jonglieren, von mir aus auch ein wenig hochzustapeln. Ich erfinde gerne absurde Geschichten über die Städte, in denen wir auftreten oder trage Gedichte vor, wenn sie mir passend erscheinen. Wir lassen uns auf der Bühne treiben und improvisieren. Jeder Abend hat sein besonderes Fluidum und seine ganz eigene Energie. Im Theater habe ich gelernt mit dem zu arbeiten, was in der Luft liegt, man kann nichts herbeizwingen.

Was fasziniert Sie an der Musik der 20er bis 40er Jahre?

Der Sound, die unerhörte Energie, die Fröhlichkeit. Als ich Fats Wallers Klaviersolo „A handful of Keys“ aus den späten 20ern zum ersten Mal hörte, wollte ich unbedingt Stride-Piano spielen können wie er – was leider nicht ganz geklappt hat. Dann habe ich Fletcher Henderson mit seiner Bigband entdeckt und Tanzorchester wie die von Jack Hylton oder James Kok. Ich steckte tief im goldenen Zeitalter des Jazz und war für die zeitgenössische Popmusik verloren. Mein Idol ist Cole Porter, seine Kompositionen sind komplex, trotzdem leicht, immer überraschend und seine Texte originell und geistreich.

Wie finden Sie die originellen Arrangements für Ihre kleine Besetzung?

Ich dekonstruiere die Songs und setzte sie neu zusammen. Man muss sie so spielen, dass die Leute glauben, sie hörten sie zum ersten Mal. Ich will keine Replikate. Sie sollen sich von den Originalen unterscheiden; wir haben heute ja ein ganz anderes Lebensgefühl, also müssen wir die Lieder auch anders interpretieren – immer aber in Verbeugung vor den Künstlern jener Zeit.

Der Titel Ihres Programms, „Rhythmus in Dosen“, ist ein Foxtrott von 1942 von Lutz Templin, der für die NS-Propaganda Swingklassiker neu vertonte…

Ja, Templin leitete zeitweilig das Propaganda-Orchester „Charlie and his Orchestra“. Der Sänger Charlie Schwedler interpretierte englischsprachige Schlager auf Deutsch, durchsetzt mit NS-Propaganda. Templin war eher die Ausnahme, die meisten Unterhaltungsmusiker jener Jahre haben auf ihre Weise versucht, einigermaßen würdevoll durch eine schwere Zeit zu kommen. Swing und heiße Rhythmen zu spielen war an sich schon eine Art des Widerstands.

Ihre Filmkarriere begann 1982, als sie in Michael Verhoevens „Weißer Rose“ den Widerstandskämpfer Willi Graf spielen durften. Wie hat sich das ergeben?

Ich war auf der Stuttgarter Schauspielschule, galt als nur mäßig begabt und machte viel Straßenmusik mit Uli Mayer, der auch heute noch der Gitarrist der Rhythmus Boys ist. Nach einer langen Nacht auf dem Backnanger Straßenfest 1981 saß ich lustlos und verkatert am Einlass, als die Abschlussklasse ihr Jahrgangsstück präsentierte. Es kamen Vertreter von Agenturen, der staatlichen Bühnenvermittlung und eben auch Verhoeven, der junge Schauspieler für seinen Film „Die weiße Rose“ suchte. Er erkannte sofort meine physiognomische Ähnlichkeit mit Willi Graf. Kurz darauf wurde ich zu meiner großen Überraschung und zum Entsetzen der Schule für einen Kinofilm besetzt.

Sie haben viele Rollen aus dieser Zeit gespielt, den SS-Offizier Gerstein in „Der Stellvertreter“, Erwin Rommel...

Es gibt wohl kaum eine Figur der jüngeren deutschen Geschichte, die ich nicht gespielt hätte. Ich wollte verstehen, wie es zu den zwölf Jahren nationalsozialistischer Diktatur kommen konnte. So ein zivilisatorischer Absturz löst sich aber letztlich nicht auf; dahinter steht der Mensch in seiner irrationalen, oft abgründigen Rätselhaftigkeit. Rommel war eine tragische Figur, er hätte Hitler stoppen können, aber sein Offizierseid hat ihn daran gehindert. Ein Pflichtgefühl, das wir heute nicht mehr verstehen. Kurt Gerstein kam aus der bekennenden Kirche wie Dietrich Bonhoeffer. Er dachte, er könne den Teufel überlisten, um Kronzeuge des Holocaust zu werden. Nur: Wer zu tief in die Hölle schaut, wird in sie hineingezogen. Ich habe mich an unserer Geschichte abgearbeitet und bin irgendwie stolz, dass wir Deutschen uns dieser Katastrophe gestellt haben, so gut es ging. Ich weiß, wie es in Ländern aussieht, die dies mit ihrer Geschichte nicht tun. Wir können das in den politischen Querelen unserer Tage sehr eindrücklich beobachten.

Sie spielen oft zerrissene Männer in schwierigen Lagen – was reizt Sie daran?

Mich fasziniert die klassische griechische Tragödie: Ich muss mein Schicksal handelnd vollziehen. Figuren tun, was sie glauben, tun zu müssen, auch wenn es zur Katastrophe führt. Wie spielt man einen Weltkriegsgeneral, der Tausende Soldaten in den Tod schickt, den Politiker, der seine eigenen Leute verrät, den Schuldirektor, der sich an den ihm anvertrauten Jugendlichen sexuell vergeht? Schauspieler sind die Anwälte dieser Schreckensfiguren, sie müssen sie vor der Welt verteidigen. Beurteilen oder gar verurteilen dürfen sie sie nicht. Das sollen die Zuschauer machen. Ohne es rechtfertigen zu wollen, ist fast immer nachvollziehbar, warum und an welcher Stelle ein Mensch moralisch ausgleitet und dann untergeht.

Sie haben in Hollywood mit Steven Soderbergh und George Clooney „Solaris“ gedreht. Wie war das?

Eine tolle, eindrückliche Erfahrung. Das ist eine Riesenindustrie, allein für das Geld, das im Catering steckte, hätte man bei uns einen ganzen Kinofilm machen können. Und das war noch nicht mal ein teurer Streifen. Entsprechend groß ist der Druck auf Regie und Darsteller. Das ist nicht meine Welt. Ich bin zu sehr Europäer und auch dem altmodischen Theater verhaftet. Ich liebe es eher, mit Franzosen zu drehen; sie sind sehr respektvoll und höflich und servieren zum Mittagessen Weiß- und Rotwein. Sogar Rosé.

Sie sind nach 20 Jahren in Italien nach Berlin zurückgekehrt – warum?

Es waren wunderbare Jahre in Venedig. Aber die surreale Bürokratie in Italien wurde mir am Ende zu anstrengend. Nichts wird kommuniziert, man erreicht nie jemanden, der einem etwas erklären könnte. Die Italiener haben starke Nerven und sind in der Regel gut vernetzt, ich aber bin schwäbischer Abstammung, mir hat diese Rechtsunsicherheit auf Dauer zugesetzt. Allerdings merke ich jetzt, dass Berlin Neapel immer ähnlicher wird. Mit dem Unterschied, dass die Neapolitaner lustiger sind und besser kochen.

Seit 2010 spielen Sie den „Tatort“-Kommissar Murot. Wie ist diese Figur zu Ihnen gekommen?

Liane Jessen, die mutige damalige Spielfilmdirektorin des Hessischen Rundfunks, und ihr Nachfolger Jörg Himstedt sind leidenschaftliche, kompromisslose Filmliebhaber. Das ist eher selten in einer Branche, die von Verwaltungsmenschen dominiert wird. Ich habe die beiden vor Jahren in Köln getroffen, wo sie mir die Rolle eines „Tatort“-Kommissars anboten. Ich habe sofort abgelehnt. Da ich aber keinen Charakter habe, bin ich nach der fünften Flasche Rotwein eingeknickt und habe gelallt, ja, ich könne mir das vorstellen, aber nur, wenn ich die Möglichkeit hätte, mich schnell wieder und sterbend vom Acker zu machen. In der ersten Episode, einer Baader-Meinhof-Geschichte, hat mir dann der Autor Christian Jeltsch einen Hirntumor verpasst und dazu den Namen Murot erfunden, ein Anagramm von Tumor. Es wurde ein sehr schöner, melancholischer Film, in dem Martina Gedeck meine Partnerin war.

Wie wird der nächste Murot aussehen?

Er heißt „Murot und das Paradies“ und spielt in der Welt der Virtualität, sehr zeitgemäß und sehr spannend. Darin kommen Szenen vor, von denen der Sender noch nicht weiß, wie er sie finanzieren soll. Das Buch hat Florian Gallenberger geschrieben, mit dem ich „John Rabe“ in China gedreht habe. Er ist ein hochbegabter Regisseur, der mit mir zum ersten Mal einen Kriminalfilm dreht.

Haben Sie einen Gast?

Meine alte Freundin Eva Mattes, mit der ich zusammen viel Theater gespielt habe. Sie verkörpert eine Pathologin, eine arrogante, unsympathische Person. Das ist nicht ihr Rollenfach. Sie ist ja eine Seele von Mensch.

Sie haben schon mal darüber gesprochen, mit Murot aufzuhören – warum?

Solange es bei den 24 Drehtagen bleibt, die die Basis für eine gewisse Qualität sind, solange die Drehbücher spannend und überraschend sind, solange ich noch keine 70 Jahre zähle und mir die Texte noch merken kann, und solange man mich noch sehen will, werde ich weitermachen.

Ulrich Tukur

Leben
 1957 geboren als Ulrich Gerhard Scheurlen, wächst er als Sohn schwäbischer Eltern auf. Er studiert Geisteswissenschaften in Tübingen und Schauspiel in Stuttgart.

Schauspiel
 1982 spielt er in Michael Verhoevens Kinofilm „Die weiße Rose“ den Widerstandskämpfer Willy Graf. Mit dem Regisseur Peter Zadek nimmt Tukurs Bühnenkarriere Fahrt auf in Berlin und Hamburg. 1986 wird er zum Theater-Schauspieler des Jahres gekürt. 2002 spielt er im Film „Der Stellvertreter“ einen SS-Offizier, 2006 in „Das Leben der anderen“ einen Stasi-Offizier, 2009 in „Das weiße Band“ einen Baron im Kaiserreich. Seit 2010 ist er im Wiesbaden-„Tatort“ als Kommissar Felix Murot zu sehen.

Konzert
 Am 13.12. um 20 Uhr spielen Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys im Hegelsaal der Liederhalle.

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