Journalist und Autor Ulrich Wickert „Die Russen müssen die Ukraine verlassen“

Hat einen klaren Blick aufs Weltgeschehen: Ulrich Wickert Foto: Stuttgarter Zeitung Magazin/Matthias Ziegler

Journalist und Autor Ulrich Wickert spricht im Interview zu seinem 80. Geburtstag über den Krieg in der Ukraine, seine alte Heimat Heidelberg und sein neues Buch.

Er gilt als Bonvivant, kluger Kopf und moralische Instanz, die weit über allem deutschen Mief schwebt: Ulrich Wickert ist in seine Jugend zurückgekehrt: In Heidelberg stellt er seinen neuen Roman „Die Schatten von Paris“ vor. Im Interview verrät er, wieso er mit 14 aus dem Konfirmandenunterricht geflogen ist.

 

Herr Wickert, wie oft sind Sie heute im Zug von Hamburg nach Heidelberg angesprochen worden?

Ein paar Mal. Ein Mann kam auf mich zu und sagte: „Sie sehen aber noch gut erhalten aus!“ Der vietnamesische Taxifahrer am Bahnhof in Heidelberg meinte: „Ich kenn’ Sie aus dem Fernsehen.“ Er wollte gleich ein Selfie mit mir machen. Der Hotelbesitzer hier genauso.

Sie gelten bei vielen Menschen immer noch als der Alleswisser von den „Tagesthemen“. Wollen die Leute auch, dass Sie ihnen die Welt erklären?

Nee, das nicht. Es kommt eher vor, dass mir jemand seine eigene Weltsicht darlegt. Aber das passiert nicht allzu oft.

Die Fahrt nach Heidelberg ist ein Ausflug in Ihre eigene Kindheit …

Oh ja. Ich bin hier zur Schule gegangen. Anfang 1948 sind wir nach Heidelberg gezogen, ich erinnere mich genau, wie wir am Bahnhof ankamen. Mit einer riesigen Kohlenlokomotive, die hat mich damals irrsinnig beeindruckt, wie alle Kinder. Ich habe hier in Heidelberg ein absolutes Zuhause-Gefühl.

Wobei man Begriffe wie Heimat nicht unbedingt mit Ihnen verbindet. Sie haben doch eher das Image des Weltbürgers.

Ich habe verschiedene Heimaten. Heidelberg ist eine, Paris eine andere, New York ist auch noch eine. Jetzt lebe ich schon lange in Hamburg, und dieser Ort gehört auch dazu. Heimat ist für mich, wo ich mich wohlfühle, Freunde habe und mich als willkommen empfinde.

Kennen Sie sich in Heidelberg noch aus? Würden Sie Ihre Schule wiederfinden?

Klar. Das Kurfürst-Friedrich-Gymnasium ist ja nicht schwer zu finden. Dort spielt übrigens der Roman „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink. Und meine Frau hat in Heidelberg studiert.

Welche Erinnerungen verbinden Sie sonst noch mit dieser Stadt?

Vor allem natürlich Jugenderinnerungen. Wir haben zuerst in der Kuno-Fischer-Straße gewohnt. Dort haben immer viele Kinder auf der Straße gespielt. In der dritten oder vierten Etage eines Wohnhauses lebte ein älterer Herr, den der Lärm sehr gestört hat, er hieß Bagusche. Wenn es ihm zu laut wurde, kippte er einen Eimer Wasser auf die Straße und auf uns Kinder. Und jedes Mal riefen wir: „Bagusche, Bagusche, wann kommt die nächste Dusche?“ Jahrzehnte später sitze ich mit meiner Frau in einem Café am Kornmarkt. Da kommt ein etwa gleichaltriger Herr auf mich zu und sagt: „Hallo Uli!“ Ich frage: „Wer bist du?“ Da sagt der: „Wir haben früher immer in der Kuno-Fischer- Straße zusammen gespielt.“ Und ich: „Okay, das werden wir gleich sehen und sage: ,Bagusche, Bagusche…‘“ Und er: „Wann kommt die nächste Dusche?“

Ich habe gelesen, dass Sie als 14-Jähriger aus dem Konfirmationsunterricht geworfen worden sind. Was war denn da los?

Damals haben wir schon in Paris gewohnt. Wissen Sie, ich bin ja ein sehr freundlicher Mensch, der dem Pfarrer gern in den Mantel hilft. Allerdings bin ich auch ein Scherzbold und habe ihm den linken Ärmel zugehalten. Nun versuchte der Pfarrer verzweifelt, da reinzukommen. Die ganze Meute hat sich kaputtgelacht. Darauf schrieb er meinem Vater einen Brief. Da stand: Ihr Sohn ist wegen Unreife aus dem Unterricht ausgeschlossen.

Wie hat Ihr Vater reagiert?

Toll. Er hat den Brief weggeworfen und gesagt: „Was soll’s?“ Mein Selbstbewusstsein hat das gestärkt.

War er ein Vorbild für Sie?

Nicht unbedingt, aber er hat mich in vielen Dingen angeregt. Er hatte in Heidelberg studiert und hier meine Mutter kennengelernt. Deshalb sind wir nach dem Krieg zurückgekommen. Er arbeitete damals als Hörspielautor. Wenn ich aus der Schule kam, saß er im Sessel und schrieb auf seiner Olivetti-Schreibmaschine. Da dachte ich mir: „Rumsitzen und ein bisschen schreiben, das ist doch ein toller Beruf.“ Das hat mich dazu gebracht, Schreiben als Hobby zu betreiben.

Damals schon?

Ja. Als wir in Paris lebten, kam die „Rhein-Neckar-Zeitung“ mit der Post. Für deren Jugendseite habe ich meinen ersten Artikel geschrieben. Über den Eiffelturm.

Bevor Sie nach Heidelberg kamen, haben Sie mit Ihren Eltern in Japan gelebt. Haben Sie daran noch Erinnerungen?

Ich bin in Tokio geboren, und nach der Zerstörung der Stadt haben wir in dem kleinen Dorf Kawaguchi am Fuß des Fuji gewohnt, in einem Holzbauernhaus. In der Nähe war ein Wald mit einem alten zerfallenen Tempel. Es gab auch einen See, auf dem wir mit dem Ruderboot gefahren sind, alles sehr idyllisch.

Sie haben später als Journalist in Städten wie New York und Paris gelebt und gearbeitet. Macht es einen wirklich klüger, wenn man viel herumkommt?

Ja sicher, wenn man die Augen aufmacht. Es begann für mich damit, dass ich in Paris eine französische Schule besuchte. So haben die französische Literatur und Geschichte mein ganzes Leben beeinflusst. In Amerika studierte ich mit einem Stipendium. Auch dieses Land hat mich stark beeinflusst.

In welcher Hinsicht?

Ich habe gespürt, was Freiheit für Amerikaner bedeutet. Der Ritt in den Westen steckt ihnen immer noch in den Knochen. Als ich Korrespondent in New York war, in der Präsidentenzeit von Ronald Reagan, habe ich versucht, den Deutschen dessen Mentalität zu erklären. Für einen Fernsehbeitrag sind wir nach Cody in Wyoming gefahren, am Fuß der Rocky Mountains. Dort habe ich zwei Enkel von Buffalo Bill kennengelernt, die waren ausstaffiert wie der Großvater. Dort läuft jeder mit dem Colt rum. Bei einem Fest bekam ich einen Cowboyhut angeboten, verbunden mit der Bedingung, dass jemand mir diesen Hut vom Kopf schießt. Ich lehnte ab, davor hatte ich doch zu viel Angst. Ein Mädchen hat das dann ohne mit der Wimper zu zucken gemacht. Eine andere Welt.

Steckt in den Franzosen auch eine Mentalität, die wir nicht recht verstehen?

Ich habe zehn Jahre als Korrespondent in Frankreich versucht zu erklären, warum die Franzosen anders sind. Um das zu verstehen, muss man stark in die Kulturgeschichte einsteigen. Viel hängt mit der Klassengesellschaft zusammen. Selbst heute sind Könige dort noch wichtig, vor allem Henri IV., der das Land im 16. Jahrhundert geeint hat. Von ihm stammt der berühmte Spruch „Jeder Bauer soll am Sonntag ein Huhn im Topf haben“. Deshalb heißen in Frankreich so viele Restaurants „La Poule au Pot“.

Von Ihrem Vorgänger bei den „Tagesthemen“, Hanns Joachim Friedrichs, stammt der berühmte Satz, ein guter Journalist mache „sich nicht gemein mit einer Sache, auch nicht mit einer guten“. Wie ist Ihre Herangehensweise als Journalist?

Zunächst: Hajo Friedrichs hat diesen Satz nicht so gemeint, dass man sich nicht engagieren soll. Er wird leider oft missbraucht von Leuten, die sich nicht engagieren wollen. Ich selbst wollte als Journalist immer aufklären. Nicht anderen Leuten vorgeben, was sie denken sollen, sondern Fakten liefern, damit sie sich selbst ein Bild machen können. Wenn sie denn bereit sind, Fakten aufzunehmen oder wie Kant sagt: aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit herauszutreten.

Sie haben unglaublich viele Persönlichkeiten getroffen und interviewt. Erinnern Sie sich an eine Begegnung, die anders verlaufen ist als gedacht?

Etwas merkwürdig war der Dreh mit dem Physiker Samuel Cohen, dem Erfinder der Neutronenbombe. Wir haben ihn in Los Angeles getroffen, es war Sonntag, wunderbares Wetter. Cohen sitzt in seinem Garten, trinkt Gin Tonic und liest Comics. Als wir über die Neutronenbombe reden, sagt er gut gelaunt: „Das war doch eine super Idee, oder? Im Koreakrieg wurde alles plattgebombt, deshalb wollte ich eine Bombe erfinden, die Soldaten tötet, aber die Häuser und Panzer bleiben stehen.“ Die Formel, sagt er, habe er mit dem Taschenrechner ausgerechnet.

Schon Anfang des Jahres haben Sie in einer Talkshow vorausgesagt, Russland werde einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führen. Deshalb fragen wir Sie jetzt auch als Experten: Wie, glauben Sie, kann dieser Krieg zu Ende gehen?

Es gibt wohl nur eine militärische Lösung. Die Russen müssen die Ukraine verlassen. Etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen. Deshalb sollten wir die Ukrainer besser mit Waffen unterstützen, als wir es bisher tun.

Eine Verhandlungslösung halten Sie für ausgeschlossen?

Ich halte sie in nächster Zeit für sehr unwahrscheinlich. Putin wird erst verhandeln, wenn es gar nicht mehr anders geht, wenn er merkt, er kommt nicht an sein Ziel. Das kann sich hinziehen, weit ins nächste Jahr.

Was hat Sie außer dem Krieg in der Ukraine im Jahr 2022 noch bewegt?

Die Wahl der Rechtspopulistin Giorgia Meloni in Italien zum Beispiel, und schon im April das starke Abschneiden von Marine Le Pen in Frankreich. Beim nächsten Mal wird Emanuel Macron nicht mehr antreten, seine Partei wird dadurch bedeutungslos. Die Rechten haben die Chance. Eine große Gefahr.

Welches Thema hat Sie noch beschäftigt?

Schauen Sie mal! (Wickert sucht in seinem Smartphone ein Foto heraus.) Die Queen und ich! Das war 1965. Der erste Staatsbesuch in Deutschland, dabei war sie auch an der Uni in Bonn. Als Studentenvertreter konnte ich dabei sein. Die Trauerfeierlichkeiten habe ich verfolgt, auch wenn ich das ganze royale Spektakel eher distanziert betrachte. 1993 hat mich der damalige Bundesaußenminister Klaus Kinkel zu einem Abendessen mit dem damaligen Prince Charles eingeladen, im ganz kleinen Kreis, ich saß neben Peter Ustinov. Das war sehr vergnüglich, deshalb mag ich Charles. Ich bin zwar gegen die Monarchie, aber das ist das Problem der Briten, nicht meins.

Wenn Sie ans kommende Jahr denken – gibt es etwas, das Ihnen Hoffnung macht?

Ich denke, dass wir unsere Energiekrise in den Griff bekommen werden. Dieses Jahr war ja auch deshalb elend, weil wir auf all die Krisen nicht vorbereitet waren. Das Militärische und die Energie – beides wurde jetzt angegangen.

Heute sind Sie nach Heidelberg gekommen, um Ihr neues Buch vorzustellen, „Die Schatten von Paris“. Was fasziniert deutsche Leser so an Frankreich?

Die Gründe dafür sind wohl das Savoir-vivre, die Natur, das Essen. Das alles ist viel exotischer als in Deutschland.

Wenn man dagegen die Romane von Michel Houellebecq liest, hat man den Eindruck, Frankreich sei ein verrottetes, dekadentes Land ...

Meine Bücher zeichnen auch kein ideales Bild. Die Krimis zeigen eher, wie korrupt Frankreich ist. Der ehemalige Präsident Nicolas Sarkozy läuft übrigens gerade mit einer Fußfessel herum, sein Innenminister sitzt im Gefängnis. Das kann man sich in Deutschland gar nicht vorstellen. Wir sind offenbar auch im Verbrechen nur Mittelmaß.

Herr Wickert, Sie werden im Dezember 80. Wenn man sich ansieht, was Sie alles machen: Bücher, Filme, Vorträge – kriegen Sie nie genug?

Nein. Was soll ich sonst tun? Ich kann nicht Golf spielen.

Der Weltenflaneur

Biografie
Geboren am 2. Dezember 1942 in Tokio, lebte Ulrich Wickert als Kind zehn Jahre in Heidelberg. Später machte er als Korrespondent Karriere und moderierte schließlich 15 Jahre lang die „Tagesthemen“. Den Rekord brach jüngst Caren Miosga – Wickert gratulierte ihr vor der Kamera.

Buch
„Ich wollte immer schon Krimis schreiben, traute mich aber lange nicht“, sagt Wickert über sein neues Buch „Die Schatten von Paris“ . Bis er auf die Idee gekommen sei, „ Episoden aus der Wirklichkeit als Grundlage zu nehmen.“ Die 320 Seiten von „Die Schatten von Paris“ sind bei Piper erschienen und kosten 22 Euro.

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