Stadtentwicklung darf nicht allein von Planern oder Architekten betrieben werden, sagt Ulrike Gerhard. Die Stadtgeografin aus Heidelberg forscht, wie Städte sich verändern müssen, um in Zukunft lebenswert zu sein.

Heidelberg - Wie sollten sich Städte entwickeln, damit sie auch in Zukunft lebenswert sind? Dieser Frage nachzugehen, hat sich die Stadtgeografin Ulrike Gerhard zur Aufgabe gemacht.

An ihrem Arbeitsplatz, dem Geographischen Institut der Universität Heidelberg erstellt sie nicht nur theoretische Konzepte über nachhaltige Stadtentwicklung. Drei Jahre hat sie sich zusammen mit Kollegen und Kolleginnen der Universität, der Stadtverwaltung Heidelberg sowie Partnern aus Wirtschaft und Politik um konkrete Bauprojekte der Universitätsstadt gekümmert – in einem sogenannten Reallabor mit Namen „Urban Office“. Darin wurde erforscht, wie aus Militärkasernen Parks und Wohnsiedlungen entstehen. Oder was es braucht, um Wohnquartiere so zu gestalten, dass sie dem demografischen Wandel gerecht werden. Nicht zuletzt wurden Pläne geschmiedet, wie der Campus der Universität sich vergrößert, zugleich aber auch offener für alle anderen Bewohner Heidelbergs werden kann.

Bauprojekte müssen von Bürgern akzeptiert werden

Eigentlich, sagt Gerhard rückblickend, sei es ganz einfach: „Stadtentwicklung darf nicht allein von Planern oder Architekten betrieben werden.“ Es brauche neue, innovative Konzepte, für die man auch die Bürger mit ins Boot holen müsse – schon damit die Bauprojekte später auch besser von der Bevölkerung akzeptiert und genutzt werden. Längst ist aus dem Reallabor eine langfristige Zusammenarbeit des Geografischen Instituts mit der Stadt geworden. „Das Reallabor geht immer weiter“, sagt Gerhard.

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Die Wissenschaftswelt hat das Projekt zunächst nicht ernst genommen

Und es schwingt durchaus Stolz in der Stimme mit. Denn Ulrike Gerhard gibt unumwunden zu: Einfach war es nicht, eine derartige Forschungsinfrastruktur auf die Beine zu stellen. Kritik gab es anfangs häufig: „Ich musste mir oft anhören, dass das, was wir machen, keine Wissenschaft sei, weil der Erfolg des Projekts nicht unmittelbar in der Zahl von Publikationen zu messen sei“, sagt Gerhard. Es habe daher viel Überzeugungsarbeit gekostet, sich in der Wissenschaftswelt Gehör zu verschaffen.

Auch die Zusammenarbeit mit der Stadtgesellschaft erforderte ein Umdenken seitens des Teams: „Häufig läuft Forschung häufig im Elfenbeinturm ab“, sagt Gerhard. „Wir wiederum sind auf viele Akteure und eine breite Bürgerbeteiligung angewiesen gewesen – was auch bedeutet hat, dass wir mit unserer Arbeit sehr transparent umgehen mussten.“

Forscherinnen brauchen viel Selbstbewusstsein

Enthusiasmus und Mut – das sind wohl die beiden wichtigsten Eigenschaften, die Ulrike Gerhard in ihrer beruflichen Laufbahn immer wieder gebraucht hat. „Es gibt im Forschungsbetrieb sehr oft feste Seilschaften“, sagt sie. Diese seien gerade für angehende Wissenschaftlerinnen eine große Hürde. „Um diese aufzubrechen, braucht es viel Selbstbewusstsein, Durchhaltevermögen – und die Überzeugung, dass das, was wir machen, gut und zukunftsfähig ist.“

Wichtig sei es daher, sich Gleichgesinnte zu suchen, sagt Gerhard. Sie will auch in Zukunft angewandte Forschungsprojekte entwickeln – gerne zusammen mit ihren Studierenden. „Ein nullachtfünfzehn Alltag liegt mir nicht“, sagt Gerhard. Stattdessen versucht sie sich neben ihrer Lehrtätigkeit Freiräume zu schaffen, um weiter an Veränderungen mitzuwirken – in Heidelberg und am liebsten weit darüber hinaus.