Umbau bei Eon Konzern zieht die Reißleine

Von Wolfgang Koch und  

Der Düsseldorfer Energiekonzern zieht aus der miserablen Geschäftslage die Konsequenz: das einstige Kerngeschäft mit Kraftwerken will man loswerden. Künftig sollen erneuerbare Energien und der Handel mit Strom Gewinne bringen.

Wind statt Kohle:  Eon-Chef  Johannes Teyssen will den Konzern fit machen. Foto: dpa
Wind statt Kohle: Eon-Chef Johannes Teyssen will den Konzern fit machen. Foto: dpa

Düsseldorf – Deutschlands größter Energieversorger Eon baut seine Geschäftsfelder radikal um und konzentriert sich auf den Ausbau erneuerbarer Energien. Das bisherige Kerngeschäft mit Kohle-, Gas- und Atomkraftwerken wird abgetrennt und abgegeben. Grund dafür seien die drastischen Veränderungen der globalen Energiemärkte, sagte der Vorstandsvorsitzende Johannes Teyssen. Eon sei der erste Energieversorger, der entschlossen Folgerungen aus den Veränderungen zieht. Das bisherige Geschäftsmodell werde den neuen Herausforderungen nicht mehr gerecht, sagte Teyssen.

Die Strategie von Eon sei nicht in der letzten Woche gefunden, sondern seit einem Jahr entwickelt worden. Sie sei nicht fremdbestimmt, und Eon sei auch nicht getrieben worden, versicherte Teyssen. Arbeitsplätze sollen nicht gestrichen werden. Der Vorschlag sei vom Aufsichtsrat einvernehmlich gebilligt, die Politik vorher informiert worden.

Zwei neue Unternehmen entstehen

Der Vorstand von Eon ist überzeugt, dass es inzwischen zwei Welten im Energiegeschäft gibt – die Entwicklung der erneuerbaren Energien und die herkömmliche Energieversorgung mit großen Kraftwerken. Beide Bereiche seien grundlegend verschieden, aber beide zukunftsfähig, sagte Teyssen. Die Aufteilung sei vielleicht der schwierigste, aber für Kunden und Geschäftspartner der wertvollste Weg. Damit könne auch die Beschäftigung der rund 60 000 Mitarbeiter bestmöglich gesichert werden.

Mit der Spaltung sind erhebliche Einschnitte verbunden. Es werden zwei unabhängige Unternehmen entstehen. Bis jetzt ist Eon ein vertikal gegliederter Versorgungskonzern mit den Geschäftsbereichen Erzeugung (Kraftwerke), erneuerbare Energien (Wind und Fotovoltaik), Energiehandel sowie Exploration und Produktion (Öl und Gasförderung in der Nordsee und in Russland). Künftig will Eon sich auf die erneuerbaren Energien, Energienetze und „Kundenlösungen“ beschränken. Der letzte Bereich beginnt beim Verkauf von Energie und endet bei kompletten Angeboten für ganze Städte. 40 000 Mitarbeiter sollen sich künftig um diese drei Geschäftsfelder kümmern.

Auf fossile Kraftwerke will man verzichten

Der Rest wird in eine „Neue Gesellschaft“ ausgegliedert. Dazu gehören die mit fossilen Brennstoffen betriebenen Kraftwerke und die Wasserkraftwerke und Atomkraftwerke. Abgetrennt wird auch das Russlandgeschäft mit Kohlekraftwerken, Gasförderung und der Beteiligung an der Ostsee-Pipeline sowie die eben erst begonnen Aktivitäten in Brasilien, die sich bisher als Verlustgeschäft entpuppt haben. Die Geschäfte in Spanien und Portugal, vor wenigen Jahren gekauft, werden für 2,5 Milliarden Euro an den australischen Finanzinvestor Macquarie abgestoßen.

Die Bilanz von Eon wird schon in diesem Jahr tiefrot ausfallen, aber noch nicht wegen des abrupten Schwenks, sondern wegen der neuen Bewertung von Kraftwerken. 4,5 Milliarden Euro an zusätzlichen Abschreibungen fallen deshalb an. Den Aktionären wird trotz Schulden von 31 Milliarden Euro eine Dividende versprochen, und zwar 50 Cent pro Aktie für die Jahre 2014 und 2015. 2013 waren es 60 Cent.

Die Kraftwerksparte soll an die Börse

Im Verlauf des kommenden Jahres sollen die Investitionen erhöht werden. Zusätzlich 500 Millionen Euro sollen vor allem in die erneuerbaren Energien fließen. Die Neue Gesellschaft soll 2016 ohne Schulden auf den Markt kommen. Eon will zunächst die Mehrheit an seine Aktionäre abgeben und später den Rest über die Börse verkaufen, nicht an einen einzelnen Investor. Das Unternehmen muss für den Abriss der Atomkraftwerke und die Endlagerung des Atommülls aufkommen, wenn sie bis 2022 endgültig stillgelegt werden. Die Rückstellungen von rund 14,5 Milliarden Euro reichten dafür aus, versicherte Teyssen. Wenn es nach Teyssen geht, werden beide Gesellschaften dauerhaft als unabhängige Unternehmen bestehen.

Die EnBW sieht die Lage ähnlich

Die Energie Baden-Württemberg (EnBW) mag die Entscheidung des Konkurrenten Eon nicht kommentieren, sieht jedoch Parallelen zu ihrer eigenen Einschätzung. So geht der Konzern nach früheren Angaben des Vorstandschefs Frank Mastiaux davon aus, dass der Ergebnisbeitrag der konventionellen Erzeugung bis zum Jahr 2020 um 80 Prozent sinken wird.

Dies soll durch starkes Wachstum in den Bereichen Erneuerbare Energien (250 Prozent), Netze (25 Prozent) und Dezentrales Vertriebsgeschäft (100 Prozent) vollständig kompensiert werden. Die EnBW steigt aus der konventionellen Stromerzeugung zwar nicht aus, hat aber einige Kraftwerksblöcke bei der Bundesnetzagentur zur Abschaltung angemeldet. Dass in diesem Jahr in Karlsruhe ein großer neuer Kraftwerksblock in Betrieb gegangenen ist und im nächsten Jahr in Mannheim ein weiterer folgen wird, sieht das Unternehmen nicht als Widerspruch. Beide Neubauten wurden lange vor der Energiewende 2011 in Angriff genommen und würden heute wohl nicht mehr gebaut werden. Die Abspaltung einer Kraftwerkstochter hält die EnBW nicht für sinnvoll, da die Kapazitäten für eine sichere Stromversorgung gebraucht werden. Die EnBW hat als einziger der vier großen deutschen Stromkonzerne einen auch nur teilweisen Verkauf ihres Stromnetzes stets abgelehnt.

Konkurrent RWE teilte bereits mit, das Unternehmen werde weiterhin „entlang der gesamten Wertschöpfungskette aufgestellt“. Es soll also nicht aufgeteilt werden. Der schwedische Energiekonzern Vattenfall ist von der Eon-Aufspaltung nicht überrascht. Man befinde sich selbst seit Jahren in einer Phase der Veränderung, sagte ein Sprecher. Schwerpunkt sei die Windkraft vor den Küsten.