Große Pläne für altes Apothekerhaus Traum eines Herrenberger Ehepaars droht zu scheitern
Ein altes Apothekerhaus in Herrenberg steht seit Jahren leer. Judith und Michael Dreher wollen das ändern. Doch die Hürden sind groß.
Ein altes Apothekerhaus in Herrenberg steht seit Jahren leer. Judith und Michael Dreher wollen das ändern. Doch die Hürden sind groß.
Judith und Michael Dreher haben eine Vision. Sie wollen ein jahrhundertealtes Haus wieder mit Leben füllen – die Müller’sche Apotheke in der Fußgängerzone in Herrenberg. Ihre Pläne sind groß, die Herausforderungen auch. Es gilt, zwei Interessen unter einen Hut zu bringen: den Denkmalschutz und die Wirtschaftlichkeit. Im Moment sieht es so aus, als würde das nicht gelingen. Dabei klingen die Ideen der beiden nicht so, als wollten sie die Geschichte des Hauses ausradieren. Im Gegenteil.
Das Apothekerhaus ist eines der imposanten Gebäude in der Stuttgarter Straße, wenige Gehminuten vom Marktplatz entfernt. Es besteht aus ursprünglich drei Häusern, die zu einem zusammengefasst wurden. Der Bereich zur Fußgängerzone hin wurde nach dem großen Stadtbrand 1635 errichtet. Von 1816 bis 1969 beherbergte das Haus die Müller’sche Apotheke. Noch prangt der Name in großen Lettern am Gebäude, bodentiefe Schaufenstern gewähren einen Blick ins Innere, das fast so aussieht wie zu Apothekenzeiten. Nach 1969 waren eine Boutique und von 1995 bis 2018 ein Teeladen darin. Seither steht der Verkaufsraum leer, der Rest des Hauses wird seit mehr als 20 Jahren nicht genutzt.
Das Ehepaar Dreher möchte das ändern. In den Verkaufsraum, der optisch so bleibt, wie er ist, soll Gewerbe oder eine kleine Gastronomie einziehen, in den hinteren Teil des Gebäudes planen sie drei Wohnungen sowie Zimmer für ein Bed & Breakfast, und den alten Gewölbekeller wollen sie als Veranstaltungsraum nutzen. Eine Mammutaufgabe. Dem Haus sieht man außen wie innen sein Alter an. Seinen Charme hat es sich trotzdem bewahrt. Einen Charme, dem Judith Dreher verfallen ist. „Dieses Haus hat mich schon immer fasziniert, weil es einfach schön ist“, sagt die 41-Jährige, die im nahe gelegenen Deckenpfronn aufgewachsen ist.
Im Jahr 2021 kaufte das Ehepaar das Apothekerhaus – nachdem sie die Eigentümer über mehrere Ecken ausfindig gemacht und sich auf das Haus „beworben“ hatten. „Sie wollten, dass jemand das Haus übernimmt, der darin etwas sieht“, sagt Judith Dreher, die als Projektentwicklerin für Immobilien arbeitet und zusammen mit ihrem Mann die Zuhause in Deutschland GmbH & Co. KG gegründet hat. Als sie das Haus das erste Mal betraten, stellten sie fest: Es war noch voller alter Plakate, die für Apothekenpräparate warben, großen Aufbewahrungsbehältern, denen noch der sanfte Duft von Minze entströmte, Rezeptbüchern für Tinkturen. „Das Haus ist eine Fundgrube für Geschichte und Geschichten“, sagt Judith Dreher. Ihr Mann zeigt voller Begeisterung eine „Drogen- und Chemikaliensammlung“. Im Inneren der Kiste sind Kräuter und Wurzeln, aus denen früher Arzneimittel gemixt wurden.„Das ist wohl das wertvollste Fundstück“, sagt der 42-Jährige. Weggeworfen hätten sie nichts und stünden mit dem Stadtarchiv und Apotheken im Austausch. Mit Apotheken auch deshalb, weil sie überlegen, die Creme „Glyzolan“ – eine hauseigene Mischung der Herrenberger Apotheke – für die Gäste ihres Bed & Breakfast wieder aufleben zu lassen.
Ideen haben die Drehers genug. Doch sie zögern inzwischen, darüber zu reden. Denn sie verlieren den Glauben an die Umsetzung. Vor drei Jahren haben sie das Haus gekauft, Pläne gemacht, Brandschutzgutachten eingereicht, aber eine Baugenehmigung haben sie immer noch nicht. „Es ist bei denkmalgeschützten Gebäuden immer eine Gratwanderung zwischen Bewahrung und Wiedernutzung“, so Michael Dreher. In Herrenberg droht sie zu scheitern. Es hakt an der Genehmigung durch das Landesdenkmalamt, wie auch die Stadt Herrenberg bestätigt.
Problematisch scheint das Vorhaben zu sein, den Gewölbekeller als Veranstaltungsraum zu nutzen. Er müsste mit dem restlichen Keller verbunden werden, damit ein zweiter Fluchtweg entsteht. Eine andere Schwierigkeit: der Wunsch mit Wärmepumpe und Fußbodenheizung zu heizen. Die Fußbodenheizung würde die Räume verändern, der Kellerdurchbruch wäre ebenfalls ein Eingriff in die Substanz des Kulturdenkmals. Davon abrücken wollen die Drehers nicht, denn nur so trage sich ihr Konzept finanziell. Michael Dreher geht davon aus, dass sie „ein paar Millionen“ in den Umbau und die Sanierung stecken müssten. Natürlich sei das Liebhaberei, aber „es muss später schon auch ein finanzieller Rücklauf kommen“. Seine Frau fordert: „Wenn das Haus weiter genutzt werden soll, müssen wir auch etwas verändern dürfen.“
Unterstützung bekommt das Ehepaar von der Stadt Herrenberg, aus deren Sicht der Denkmalschutz ausreichend beachtet wird. Das Vorhaben sei ein „wertvoller Beitrag für die Attraktivierung unserer Altstadt“, teilt Sprecherin Tilla Steinbach mit. Theoretisch könnte sich die Stadt sogar über die fachliche Einschätzung des Landesdenkmalamts hinwegsetzen, sofern nicht das Regierungspräsidium von seiner Fachaufsicht Gebrauch macht. Diesen Schritt will die Stadt aber nicht gehen. Eine enge Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt sei elementar und hätte die Stadt immer als konstruktiv und als Mehrwert für Herrenberg empfunden. Sie setzt auf eine gemeinsame Lösung und plant ein Treffen mit OB Nico Reith, den Drehers und dem Landesamt für Denkmalpflege. Damit „die Bauherrschaft ins Bauen kommt“. Sollten sie die Genehmigung erhalten, gehen die Drehers von einer Bauzeit von etwa zwei Jahren aus. Sie drängen auf eine Entscheidung. Viel länger warten wollen und können sie nicht. „Wir brauchen jetzt eine Perspektive“, betont Judith Dreher.
Pop-up Store An den Wochenenden wird der Verkaufsraum der Apotheke noch bis Ende Juni als Pop-up-Store für Vintageklamotten freitags und samstags genutzt.
Pop-up Store am Wochenende
An den Wochenenden wird der Verkaufsraum der Apotheke noch bis Ende Juni als Pop-up-Store von jemandem genutzt, der dort Freitag- und Samstagabends Kleiderpartys mit Vintageklamotten anbietet.
PV in der Altstadt
Die Drehers haben einige Bedingungen, die aus ihrer Sicht erfüllt sein müssen, damit sich ihr Projekt finanziell trägt. Dazu zählt beispielsweise die Möglichkeit, PV-Anlagen aufs Dach zu setzen. Mit einer Änderung der Altstadtsatzung hat die Stadt Herrenberg dafür die Weichen gestellt.