Umbau im Stuttgarter Westen Das Künstlerhaus soll ein Treffpunkt werden

Fatima Hellberg, Hannelore Paflik-Huber und Romy Range treiben den Umbau  des Künstlerhauses voran. Foto: Sybille Neth
Fatima Hellberg, Hannelore Paflik-Huber und Romy Range treiben den Umbau des Künstlerhauses voran. Foto: Sybille Neth

Das Künstlerhaus im Stuttgarter Westen will sein Image ändern. Für Kreative und als Veranstaltungsort soll die Reuchlinstraße 4B eine attraktive Adresse werden. Dazu wird im Erdgeschoss umgebaut und der Eingang an die Straße verlegt.

Lokales: Sybille Neth (sne)
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S-West - Das Künstlerhaus will sein Image ändern. Es soll ein Treffpunkt im Bezirk werden und neue Publikumskreise anziehen. Im Westen leben viele junge Menschen, viele Studenten und Kreative – für sie alle soll die Reuchlinstraße 4B zu einer attraktiven Adresse werden. „Wir wollen hier künftig einen Raum für Gespräche und Veranstaltungen schaffen, nicht nur für die künstlerische Produktion, sondern so eine Art soziale Werkstatt wollen wir werden“, erklärt die künstlerische Leiterin Fatima Hellberg. Bevor sie nach Stuttgart kam, arbeitete sie in London. Ursprünglich kommt sie aus Skandinavien und will etwas von der Art der Kulturvermittlung ihrer Heimat hierher bringen: „Wir haben zum Beispiel bei Ausstellungen immer den sozialen Aspekt dabei. Es besteht ja das Bedürfnis nach Gesprächen.“ Genau solche Flächen, die zur Kommunikation, zum Austausch und zur Diskussion einladen, fehlen im Künstlerhaus wie es sich jetzt präsentiert, denn das Café mit Eingang in der Reuchlinstraße ist abgekoppelt vom Kunstbetrieb im restlichen Gebäude.

Eingang durch das Cafe

Dem zufälligen Besucher begegnet das Künstlerhaus äußerst reserviert: „Bisher wirkt es sehr hermetisch“, kritisiert die Geschäftsführerin Romy Range. Zwar weist ein großes Plakat an der Hauswand auf das Angebot –Ateliers, Werkstätten, Ausstellungsräume – hin. Dass man aber als Passant im Hof den richtigen Eingang findet, erfordert geradezu Detektiv-Arbeit. „Wir wollen deshalb den Eingang wieder an der Straße haben. So war es ursprünglich einmal“, erklärt Hannelore Paflik-Huber, die Vorsitzende des Vereins, der das 1978 gegründete Künstlerhaus betreibt.

Der Zugang soll künftig über das Café sein. Auch zufällige Besucher sollen so Appetit auf die Ausstellungen bekommen und die Schwellenangst vor der Einrichtung soll wegfallen. Für den Umbau des Erdgeschosses sind zwei wichtige Weichen schon gestellt: Die drei rührigen Frauen konnten den Stadtkämmerer Michael Föll von der Idee überzeugen, dass das international als Förderer und Vorreiter für innovative künstlerische Ansätze anerkannte Haus dringend eine Verjüngungskur benötigt. Dies nicht zuletzt deshalb, weil 1980 nach einem Brand zum letzten Mal renoviert wurde. Die Stadt finanziert das Künstlerhaus zum wesentlichen Teil. Die Machbarkeitsstudie der Stuttgarter Architekten Simon Jones, Donald Matheson und Jason Whiteley dürfte ebenfalls einen wichtigen Beitrag bei der Überzeugungsarbeit geleistet haben. Sobald die Kalkulation vollends abgeschlossen ist, wird in Kürze das Baugesucht eingereicht, sodass im Herbst die Handwerker anrücken können. Die Werkstätten und Ateliers für die Künstler sowie die Ausstellungsflächen und die Stipendiatenwohnung bleiben während der Umbauphase bestehen.

Neustart zum 40-jährigen Bestehen

Dem Pächter des Cafés wurde gekündigt. Im Juni wird der Betrieb geschlossen und wenn alles nach Plan läuft, wird im kommenden Frühjahr, wenn das Künstlerhaus sein 40-Jähriges Bestehen feiert, das neue Konzept greifen. Der Umbau soll dem Erdgeschoss eine andere Raumaufteilung geben. Ein Restaurant wird es weiterhin geben, aber auch Zonen, in denen sich Gruppen besprechen können sowie Flächen für Veranstaltungen. Dass die nicht ausschließlich vom Künstlerhaus organisiert werden, gehört zur neuen Offenheit des Hauses. Das damals leer stehende Gebäude war in den 1970er Jahren einem Kreis um den Künstler Ulrich Bernhardt überlassen, der die Inspiration von einem Besuch bei Künstlern in New York City mitgebracht hatte.

Gepäckfabrik jüdischer Unternehmer

In der Reuchlinstraße 4B hatte bis zur Verfolgung der Juden und ihrer Enteignung durch die Nationalsozialisten die Aktiengesellschaft für Reiseartikel und Lederwarenfabrikation Nördlinger und Pollock ihren Sitz. Teilhaber Dietmund Nördlinger war bereits 1928 gestorben. Seine Frau Helene Nördlinger wurde 1942 deportiert und im Konzentrationslager Treblinka ermordet. Die Familie hatte nicht in der Reuchlinstraße gewohnt, sondern im Norden der Stadt. In der Hölderlinstraße 7 erinnert ein Stolperstein an Helene Nördlinger. Ihr Schwiegersohn war der Maler Reinhold Nägele. 1923 war er einer der Mitbegründer der Stuttgarter Sezession. 1939 gelang ihm mit der Tochter der Nördlingers und den drei Kindern die Flucht in die USA. Julius Pollock der andere Teilhaber der Firma verstarb 1937, seine Ehefrau war bereits 1930 verstorben. Renommee
Für sein Engagement um junge, unkonventionelle Kunstschaffende und für seine innovative Konzepte wurde das Künstlerhaus mehrfach ausgezeichnet und genießt internationales Ansehen. Es bietet Künstlern Ateliers und diverse Werkstätten sowie Ausstellungsmöglichkeiten.




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