Stuttgart - Mit der Ankündigung, die Lastwagensparte zum Jahresende an die Börse zu bringen und den Konzern in zwei Teile zu spalten, hat Daimler-Chef Ola Källenius von Börsianern viel Beifall bekommen. Viele Fragen sind aber noch offen – unter anderem die, ob dies ein Abschied auf Raten vom Lastwagen ist. Wir geben einen Überblick.
Was ist eine Sperrminorität?
Der Konzern- und Gesamtbetriebsratschef von Daimler, Michael Brecht, wünscht sich, dass das Unternehmen nach der Abspaltung mindestens eine Sperrminorität an Daimler Truck behält und zeigt sich zuversichtlich, dass dieses Ziel auch erreicht wird. Eine Sperrminorität würde bedeuten, dass der Anteil der künftigen Mercedes-Benz AG an dem Nutzfahrzeughersteller mindestens bei 25 plus eine Aktie liegen würde. Damit könnten zum Beispiel Satzungsänderungen verhindert werden, da bei börsennotierten Unternehmen dafür eine Mehrheit von 75 Prozent erforderlich wären. Faktisch sind solche Blockaden aber auch mit weniger als 25 Prozent möglich, wenn sich der überwiegende Teil des Kapitals in Streubesitz befindet, da bei den Hauptversammlungen fast nie 100 Prozent des Kapitals vertreten sind.
Was will der Betriebsrat erreichen?
Betriebsratschef Michael Brecht will möglichst verhindern, dass die Belegschaft der Lastwagen- und Bustochter massive Abstriche bei den überdurchschnittlich hohen Gehältern und Sozialleistungen sowie beim Schutz vor einem Jobverlust in Kauf nehmen muss, wenn die Daimler Truck AG abgespalten wird. Die Beschäftigungssicherung bis zum Ende des Jahrzehnts soll den Angaben zufolge auch nach dem Börsengang weiter gelten. Die Beschäftigten im Truck-Bereich dürften aber zum Beispiel künftig bei der Erfolgsbeteiligung nicht mehr von den Gewinnen der Autosparte profitieren und auch Jahreswagen zu Vorzugsbedingungen dürften fraglich sein. Offen ist auch, wie das Management den geplanten massiven Jobabbau in den Fabriken für Nutzfahrzeugmotoren und -getriebe bewältigen will, wenn immer mehr Lastwagen und Busse im nächsten Jahrzehnt einen Brennstoffzellenantrieb bekommen.
Was sagt das Unternehmen ?
Das Daimler-Management äußert sich widersprüchlich zum künftigen Verhältnis zwischen dem Autohersteller Mercedes-Benz und Daimler Truck. Als der Stuttgarter Konzern seine Pläne in der vergangenen Woche vorstellte, sagte Finanzvorstand Harald Wilhelm: „Die Minderheitsbeteiligung ist eine finanzielle, keine strategische Investition.“ Dies würde bedeuten, dass Mercedes vor allem an einer hohen Rendite gelegen ist. Falls diese nicht kommt, wäre folglich auch ein Abschied auf Raten denkbar. Daimler-Chef Ola Källenius versicherte am Wochenende dagegen, dass die künftige Mercedes-Benz AG eine „schützende Hand über Daimler Truck halten“ werde. „Wir werden auf die Trucks aufpassen. Falls draußen im Markt etwas passiert, was nicht im Sinne von Daimler Truck wäre, dann sind wir da“, versicherte Källenius in einem Interview. Wie viel die Zusage von Källenius wert ist, muss sich allerdings noch zeigen. Als erst vor wenigen Jahren die Holding-Struktur des Konzerns geschaffen wurde, versicherte das Management: „Es ist nicht geplant, dass Daimler sich von einzelnen Geschäftsbereichen trennt“. Folgt man den Aussagen des Finanzvorstands, ist das nicht mehr ausgeschlossen.
Was wollen die Investoren?
Für Investoren wird ein Unternehmen immer interessant, wenn das Geschäftsmodell übersichtlich ist. Das ist auch der Grund, warum die geplante Abspaltung von den Aktionären begrüßt wird. Dabei müsse man aber konsequent sein, meint Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (DSW). „Halbschwanger gibt es an der Börse nicht“, sagt Tüngler. Er hält es aus Sicht der Aktionäre für gut, dass Daimler eine Mehrheit der Truck-Gesellschaft abgibt. Ob die Höhe der Minderheitsbeteiligung zwischen 25 oder 49,9 Prozent liege, sei am Ende nicht ausschlaggebend. Diesen Spielraum aber sollte Daimler nutzen, um die Chancen für die Truck-Tochter auf die Aufnahme in den deutschen Aktienindex Dax zu verbessern, betont Frank Biller, Analyst der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Für die Aufnahme in den Dax, der im Herbst die 40 statt wie bisher 30 größten Börsenunternehmen abbilden soll, zählt der Börsenwert der frei handelbaren Anteile. Dieser Anteil könnte bei Daimler-Truck nach aktuellen Berechnungen bei knapp neun Milliarden Euro liegen, wenn Daimler eine Sperrminorität an dem Lastwagen- und Bushersteller behalten würde.
Welche Rolle könnten jetzige Großaktionäre einnehmen?
Den größten Anteil an den Daimler-Aktien hält derzeit mit 9,7 Prozent der Gründer des chinesischen Autokonzerns Geely, Li Shufu, gefolgt vom Staatsfonds des Öllandes Kuwait mit 6,8 Prozent sowie dem staatlichen chinesischen Autokonzern BAIC mit fünf Prozent. Kuwait ist seit 1974 an Daimler beteiligt und ist den Stuttgartern auch in schwierigen Zeiten treu geblieben. Es ist auch nie bekannt geworden, dass die Kuwaitis Kritik geübt oder Mitsprache verlangt hätten. Interessant dürfte vor allem sein, wie sich die beiden chinesischen Konzerne verhalten, die nach dem Spin-off – also der Abspaltung der Konzernteile - sowohl Aktien von Mercedes-Benz als auch von Daimler Truck halten werden. Daimler will sich nicht dazu äußern, ob mit diesen beiden Investoren gesprochen wurde. Der Aktienanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler rechnet damit, dass sich die Chinesen von den Trucks verabschieden werden, indem sie ihre Papiere über die Börse wieder verkaufen. Mit dem Erlös könnten sie ihre Beteiligung am Autobauer Mercedes-Benz aufstocken. Auf der anderen Seite ist Geely auch größter Aktionär des Truck-Herstellers Volvo und könnte hier Pläne für eine Zusammenarbeit schmieden. BAIC hat ebenfalls neben den Autos auch eine Partnerschaft bei Lastwagen mit Daimler.
Kann Daimler die Trucks wieder eingliedern?
Eine Kurskorrektur ist grundsätzlich möglich. Sollte sich in der Zukunft zeigen, dass sich das Pkw- und Lkw-Geschäft doch besser ergänzen können, wenn sie unter einem Dach geführt werden, könnte Daimler die Abspaltung auch rückgängig machen. Als Minderheitsaktionär wäre das allerdings ein schwieriger und vermutlich auch recht teurer Schritt, weil dadurch nicht nur Konkurrenten, sondern auch Spekulanten auf den Plan gerufen werden. Letztere würde unabhängig von der wirtschaftlichen Lage des Truck-Geschäfts alles daransetzen, den Kurs so hoch wie möglich zu treiben.