„Umbrales“- Schau im Ifa Stuttgart Das Publikum sollte leidensfähig sein

Man muss konzentriert bleiben: eine der Projektionen der Schau Foto: I/a

Neue Kunstformen setzen eher auf Kollaboration und Netzwerke. Aber welche Rolle spielt das Publikum dabei? In der neuen Ifa-Ausstellung offenbar keine.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Stuttgart - Hier ist Konzentration gefordert – denn durch die Kopfhörer dröhnen spanische Texte, die man auf der Leinwand in Englisch mitlesen kann. 110 Minuten Laufzeit müsste man durchhalten – stehend. Denn Stühle gibt es nicht, so, wie man auch mitten hineingeworfen wird in dieses künstlerische Video, ohne zu wissen, wer hier gerade worüber spricht. Für die neue Ausstellung im Institut für Auslandsbeziehungen (Ifa) sollte man deshalb viel Leidenschaft für die Kunst und auch etwas Leidensfähigkeit mitbringen.

 

Die neue Galeriechefin will Umweltprobleme in Chile aufzeigen

Dabei macht Bettina Korintenberg in der Ausstellung „Umbrales – auf der Schwelle“ wahr, was sie angekündigt hat, als sie zur neuen Leiterin der Ifa-Galerie ernannt wurde. Sie will das internationale Netzwerk des Ifa nutzen, um „weltweite Bezüge und Abhängigkeiten“ herauszuarbeiten. Ein Thema, das ihr dabei besonders am Herzen liegt, ist die Umwelt. Deshalb geht es in ihrer Eröffnungsausstellung um Chile, wo die Bevölkerung vor zwei Jahren auch wegen der vielen ökologischen Probleme auf die Straßen ging. Barbara Marcel, eine brasilianische Künstlerin aus Berlin, hat Frauen dazu befragt und verhandelt in ihrem Video Politik und Protest, Feminismus und Feuchtgebiete, Klima und Wasser.

Kuratoren wollen stärker mitgestalten

Schon länger fördert die Ifa-Galerie einen Kunstbegriff, bei dem es weniger um künstlerische Artefakte geht, sondern eher um Kollaboration, um aktivistisches Eingreifen in gesellschaftspolitische Prozesse – und das aus einer internationalen Perspektive. Diese neuen Produktionsformen stellen die Ausstellungshäuser allerdings vor Herausforderungen. Sie wollen selbst künstlerische Prozesse anstoßen, müssen aber auch Antworten finden, wie sie das Publikum teilhaben lassen an diesen neuen Formen, bei denen es eher um das Tun geht als um einen Dialog.

Das klassische Ausstellungsformat müsste erneuert werden

„Umbrales“ macht deutlich, dass das klassische Format Ausstellung hier klar an Grenzen stößt. Oder ist es nur Ignoranz, dass die Arbeiten nicht beschriftet wurden oder man die Videos nur von der Seite anschauen kann, weil man sonst in der Projektion steht und die Untertitel verdeckt? Elisa Balmaceda will Energieflüsse sichtbar machen und hat ein System aus Natur und Elektrizität gebaut, eine wundersame Installation mit Pflanzen, Monitoren, Drähten, bei der ein Kohlestift zeichnend übers Papier tanzt. Aber auch hier hat man vorab nicht überlegt, wie man dem Publikum vermittelt, dass es in den Stromkreislauf eingreifen und Sounds aktivieren kann – Knistern, Rauschen, Brummen, Knacken.

Wer wird die vielen Texte lesen?

Auf seitenlangen Begleittexten wird erläutert, was all das bedeutet. Hunderte Kopien wurden gedruckt – in drei Sprachen. Dabei geht es Korintenberg weniger um ein Angebot an die mehrsprachige Bevölkerung, für die man neben Deutsch und Englisch wohl eher Türkisch hätte bereitstellen müssen. Ihr ist die „Vielsprachigkeit im Raum“ wichtig, um zu signalisieren, dass es „verschiedene Zugänge zur Welt“ gibt und Sprachen „das Tor zur Wahrnehmung“ seien. Ob sie tatsächlich mit so viel Publikum rechnet oder die dicken Papierstapel später doch im Altpapier landen? Die Ausstellung, sagt Korintenberg optimistisch, laufe ja sehr lang .

„Umbrales – auf der Schwelle“ bis 20. Februar, geöffnet Di – So 12 bis 18 Uhr

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