Berlin - Wenn die Gewerkschaft Verdi an diesem Dienstag erstmals ihren Vorsitzenden auswechselt, steuert sie in eine unsichere Zukunft: Wird der bisher so technokratisch auftretende Frank Werneke die Strahlkraft des leidenschaftlichen Klassenkämpfers Frank Bsirske aufbringen, um die „Gewerkschaft der 1000 Berufe“ an seiner Führung auszurichten? Die letzte Rede Bsirskes beim Bundeskongress in Leipzig hat noch einmal bewiesen, was Verdi an ihm hatte: Emotion und Empathie, Weitblick und Durchsetzungskraft vor allem. Er war aus gutem Grund 18 Jahre die unumschränkte Nummer eins – Verdi hatte einfach keinen Besseren für diesen Job.
Die Gewerkschaft muss jederzeit kampfbereit sein
Seine Leistung bemisst sich an schwierigen Zeiten, in denen die Partikularinteressen auf der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite nur noch mühsam in Schach zu halten sind. So ist die allgemeine Tarifbindung im Westen auf 59 Prozent und im Osten auf 46 Prozent zurückgegangen. Die 129 Streiks, die Verdi im vorigen Jahr geführt hat, galten insbesondere der Verhinderung von Tarifflucht. Die Ausgründung von Betriebsteilen, die Prekarisierung von Beschäftigungsverhältnissen, die Unterdrückung von Arbeitnehmerrechten – all dies erfordert ständige Konfliktbereitschaft. Den Druck auf Arbeitsbedingungen und Löhne kann die Gewerkschaft oft nur stoppen, indem sie viele Jahre lang dicke Bretter bohrt. Erfolge zeigen sich mitunter nur in Minischritten – Amazon ist da das bekannteste Beispiel.
Auch in der Verdi-Mitgliedschaft tun sich Lücken auf: Nach 2,8 Millionen Mitgliedern zur Fusion 2001 sind es heute keine zwei Millionen. Die großen Gewerkschaften partizipierten zuletzt zwar am Wachstum der Beschäftigung – mehr Mitglieder gewannen sie aber nicht hinzu. Die Überalterung vieler Belegschaften dürfte die Erosion bald wieder beschleunigen.
Ein politischer Einfluss wie seit Jahrzehnten nicht
Das ist die eine Seite der Medaille – die andere Seite zeigt wichtige Errungenschaften: die gute bis sehr gute Lohnentwicklung in den tarifgebundenen Bereichen etwa. Auch wurden zum Beispiel im Sozial- und Erziehungsdienst, in den Krankenhäusern oder der Pflege klare Verbesserungen durchgesetzt. Zudem hat die große Koalition mit einer Vielzahl von Gesetzen die Arbeitnehmerrechte gestärkt. Die SPD strebt in den nächsten Monaten weitere Fortschritte an, solange sie noch in der Regierung mitmischt.
Der politische Einfluss der Gewerkschaften ist in zehn Jahren Hochkonjunktur so stark gewachsen wie seit Jahrzehnten nicht. Diesen Status quo werden sie nun absichern müssen, sonst droht in der sich anbahnenden Abschwungphase ein böses Erwachen. Infolge der Digitalisierung und des Mobilitätswandels erscheint ein Verlust von Arbeitsplätzen in etlichen Teilen der Wirtschaft unausweichlich.
Einst vermeintliche „Ewiggestrige“ – heute Motor der Veränderung
Der erst jüngst eingeschlagene Kurs der Gewerkschaften weckt aber Hoffnung, dass sie die Herausforderung annehmen. Anders als früher ziehen sie sich nicht in ihre Wagenburg zurück, um Erreichtes auf Biegen und Brechen zu verteidigen, sondern setzen sich ihrerseits für die notwendigen Veränderungen ein: für mehr Klimaschutz, für neue Mobilitätsformen, für zukunftweisende Arbeitsverhältnisse.
Ein mutiges Vorangehen ist auch notwendig, um einerseits die Regierenden von einer weiteren Unterstützung zu überzeugen und andererseits die verunsicherten Arbeitnehmer durch die Zeit der Umbrüche zu führen. Die Rechtspopulisten stehen bereit, um aus dem Wandel Kapital zu schlagen. Die jüngsten Wahlen im Osten haben gezeigt, dass ihre schlichten Botschaften auch an der DGB-Basis immer mehr verfangen. Es bräuchte im Grunde mehrere Bsirskes, um Schlimmeres zu verhindern. Nun muss der Nachfolger beweisen, dass sein Weg die Gewerkschaftsbewegung auch voranbringen kann.