Umbruch in den Kitas in Baden-Württemberg Immer weniger Ganztagsplätze – Was sind die Alternativen?

In manchen Gemeinden müssen Eltern ihre Kinder nun schon um 14 Uhr abholen. Foto: dpa/Armin Weigel

Tübingen hat die Zahl der Ganztagsplätze schon zurückgefahren, Stuttgart ist gerade dabei. Wie sieht es in anderen größeren Kommunen im Land aus? Und welche alternativen Modelle werden erdacht?

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Kita wie bisher nur mit Ganztagsplätzen – das ist ein Auslaufmodell“, so formulierte es kürzlich ein Verantwortlicher aus der Stuttgarter Kita-Landschaft. Tatsächlich hat sich dieses Jahr die Landeshauptstadt in einem Prozess mit Trägern, Fachkräften und Eltern auf den Weg gemacht weg vom flächendeckenden Ganztagsangebot. Sie will die Zahl der Plätze mit sieben Stunden täglicher Betreuungszeit und mehr erheblich reduzieren: Von 90 Prozent im Krippen- (Unter-Dreijährige) und 70 Prozent im Kindergartenbereich (bis sechs Jahre) auf 60 Prozent. Der Rest sollen so genannte VÖ-Plätze werden, die 30 bis 35 Stunden Betreuung pro Woche anbieten.

 

Das Jugendamt will damit auf den Fachkräftemangel und hohe Krankenstände beim Personal reagieren. Aus dem bestehenden Angebot mehr Plätze zu schaffen, das hat die zuständige Bürgermeisterin als Ziel ausgegeben. Sie will damit einerseits die rund 700 Kinder mit vier Jahren und älter in der Stadt versorgen, die keinen Platz haben, außerdem den Eltern verlässlichere Öffnungszeiten anbieten. Derzeit schließen viele Kitas bei Personalausfällen kurzfristig früher oder einzelne Gruppen ganz.

Bertelsmannstiftung empfiehlt verkürzte Öffnungszeiten

Tatsächlich befindet sich Stuttgart damit auf Linie mit den Empfehlungen der Forscherinnen der Bertelsmannstiftung. Diese hatten als Fazit aus ihrem Ländermonitoring Frühkindliche Bildung Ende 2023 unter anderem empfohlen, in den westlichen Bundesländern die Betreuungszeit auf sechs Stunden täglich zu reduzieren. Das ist die Stundenzahl, die der Rechtsanspruch auf Betreuung umfasst.

Die Stiftung hat errechnet, dass es derzeit in Baden-Württemberg knapp 60 000 Kita-Plätze zu wenig gibt. Gleichzeitig fehlten 18 000 Erzieherinnen und Erzieher, um alle Kinder betreuen zu können, deren Eltern dies wünschen. Würden die Zeiten reduziert, könnten im Jahr 2025 der Bedarf abgedeckt und der Personalschlüssel gehalten werden, so die Stiftung.

48 statt 63 Prozent Ganztagsplätze in Tübingen

Den Ganztag zurückzufahren, das ist auch in anderen Gemeinden im Land ein Weg, der nun beschritten wird. Das zeigt eine Abfrage unserer Zeitung bei größeren Kommunen. Die Stadt Tübingen hat bereits vergangenen Herbst ihre Kitalandschaft umgestaltet. Waren zuvor im U3-Bereich 63 Prozent der Plätze ganztags, sind es nun noch 48 Prozent. Auch im Ü3-Bereich sank der Anteil von 50 auf 40 Prozent, so eine Stadtsprecherin.

Die Stadt Esslingen teilt auf Anfrage mit, dass man beim Ausbau zukünftig Plätzen mit verlängerten Öffnungszeiten Vorrang gegenüber Ganztagesplätzen geben wolle. Andere Kommunen halten sich diese Option noch offen wie etwa Pforzheim, wo man die „Reduzierung des Ganztags als einen möglichen Baustein sieht, um auf Platzbedarf zu reagieren.“ Etliche Kommunen – so etwa Reutlingen, Heidelberg oder Ulm – melden zurück, dass Öffnungszeiten in Einrichtungen derzeit immer wieder vorübergehend reduziert werden. Allerdings betonen einige Kommunen auch, dass sie am bestehenden Angebot festhalten oder den Ganztag weiter ausbauen wollen, so etwa Freiburg.

Tatsächlich ist die Ganztagsquote im Land sehr unterschiedlich. Während zum Beispiel in Konstanz derzeit knapp 15 Prozent der Kinder bis drei Jahre ganztags betreut wird, bietet Freiburg 50 Prozent, Heidelberg 80 und Mannheim 95 Prozent der Plätze für dieses Alter mit langen Öffnungszeiten an.

In Offenburg betreuen die Malteser

Einige Kommunen bemühen sich derzeit, Eltern auch über verkürzte Öffnungszeiten hinaus mehr Betreuung anzubieten. Indem beispielsweise Externe wie Vereine, Volkshochschulen oder Eltern in die Betreuung einbezogen werden. Der so genannte Erprobungsparagraf im Kita-Gesetz des Landes, der neu eingeführt wurde, macht solche Konzepte möglich. Ein Vorreiter ist das so genannte „Offenburger Modell“. Die Schwarzwald-Kommune hat die Betreuung mit Fachkräfte auf sieben Stunden täglich reduziert, kooperiert in ihren Kitas aber mit der Hilfsorganisation Malteser, die danach eine zweistündige Spielzeit mit Nichtfachkräften für die Kinder organisiert.

Das ist ein Modell, dem auch die Landeselternvertretung baden-württembergischer Kindertageseinrichtungen (LEBK-BW) offen gegenüber steht. Tatsächlich können deren Vertreterinnen bestätigen, dass in vielen Gemeinden derzeit „am Ganztag geschraubt wird“. So hat es LEBK-Mitglied Julia Fischer auch in ihrer Gemeinde Horb erlebt. Dort wurde die Betreuung in den städtischen Einrichtungen auf VÖ reduziert. „Allerdings gibt es danach Spielgruppen, in denen Nicht-Fachkräfte die Kinder, deren Eltern einen Ganztags-Bedarf haben, betreuen“, sagt Fischer.

Eltern halten Abkehr vom Ganztag für falsch

Tatsächlich wolle die LEBK die Umgestaltung der Kitalandschaft, „pragmatisch“ begleiten, sagen Julia Fischer und ihre LEBK-Kollegin Heike Kempe aus Konstanz im Gespräch. Die momentane Personalsituation mache es notwendig, neue Modelle zu entwickeln, um einerseits die Bildungs- und Betreuungsqualität zu erhalten und andererseits möglichst viele Kinder mit einem Platz zu versorgen. Eine schleichende Abkehr vom Ganztag halten sie für falsch. Vielmehr gelte es, Familien, die tatsächlich eine lange Betreuung brauchen, diese weiter anzubieten. „Deshalb ist es wichtig, den tatsächlichen Bedarf bei den Eltern zu erheben, bevor es zu Reduzierungen kommt“, sagt Julia Fischer.

Die Frage, wie viele Eltern lange Öffnungszeiten brauchen, ist nicht pauschal zu beantworten. Während beispielsweise Karlsruhe oder Esslingen von gut 30 Prozent Ganztagsbedarf ausgehen, rechnet Reutlingen mit 40 Prozent und Ulm mit 50 Prozent. In Ludwigsburg läuft derzeit eine Elternbefragung, um den Bedarf zu ermitteln.

In Stuttgart ist man überzeugt, dass viele Familien in den Krippen nur aus Mangel an Alternativen einen Ganztagsplatz gebucht haben. Das bekäme das Jugendamt aus den Kitas gespiegelt. Außerdem bezieht man sich auf Zahlen aus dem Kinderbetreuungsreport des Deutschen Jugendinstituts 2022. Dort heißt es, dass nur rund 30 Prozent der Eltern lange Betreuungszeiten präferieren. In Stuttgart will man im Zuge des Kitaprozesses nun herausfinden, ob diese Annahme stimmt.

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