Umerziehung Statt Ukrainisch gibt’s Agrartechnologie

Erstklässler in einer Moskauer Schule am „Tag des Wissens“, ihrem ersten Schultag. Foto: Dmitry Belitsky/dpa

Russland entfernt Ukrainisch aus den Stundenplänen. Es geht dabei vor allem um Schulen in den von Russland besetzten ukrainischen Gebieten. Aber nicht nur.

Korrespondenten: Inna Hartwich

Eigentlich ist das Erlernen der Muttersprache fester Bestandteil russischer Bildungspläne. Nicht nur des Russischen, was ohnehin Pflicht ist an jeder russischen Schule, sondern der Sprachen, die von Minderheiten im Land gesprochen werden. Oder auch nicht gesprochen werden, aber dennoch in bestimmten Regionen als Muttersprache gelten. So wird Adygeisch in der Republik Adygeja im Nordkaukasus, Karelisch in der Republik Karelien an der finnischen Grenze, Burjatisch in Burjatien an der Grenze zur Mongolei unterrichtet. Ab der fünften Klasse zwei bis drei Stunden in der Woche.

 

Zum Muttersprachunterricht gehörte bisher auch Ukrainisch, selbst in Regionen wie Baschkortostan westlich des Uralgebirges. Vor allem aber lernten Schüler in den von Russland besetzten ukrainischen Gebieten Donezk, Luhansk, Cherson, Saporischschja und auf der Krim Ukrainisch als Muttersprache. Das hat das russische Bildungsministerium nun untersagt. Ab 1. September, dem Tag des Schulbeginns in Russland, verschwindet Ukrainisch aus den Stundenplänen. Der Grund: „veränderte geopolitische Lage in der Welt“, heißt es im Bildungsprogramm des Ministeriums. Statt Ukrainisch gibt’s nun Agrartechnologie.

Das 200-Seiten-Dokument listet marginale Begriffsänderungen auf und weist auf die „Wichtigkeit des Patriotismusunterrichts und des Arbeitsunterrichts“ hin (ein wieder eingeführtes Sowjetüberbleibsel, in dem Jungen lernen, wie man sägt, und Mädchen, wie man kocht). Die Streichung des Ukrainischen kommt ähnlich belanglos daher wie die Forderung, aus Wörtern wie „ausgehendes 19. Jahrhundert“ zu „Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts“ zu machen.

Mit der Eliminierung des Ukrainischen als Muttersprache in den Schulen verfolgt Russland sein Ziel, alles Ukrainische auszulöschen. Russische Duma-Abgeordnete ätzen über Ukrainisch als „entstelltes Russisch“ oder „russischen Dialekt, den niemand braucht“. In den besetzten Gebieten werden längst russische Bücher eingesetzt. Lehrkräfte aus Russland werden mit besseren Gehältern gelockt, um in den „neuen Territorien“, wie Russland das okkupierte Gebiet der Ukraine nennt, zu unterrichten. In den Geschichtsbüchern steht, die Ukraine sei ein „Nazi-Staat“, Russland aber „befreie“ diesen mit seiner „militärischen Spezialoperation“ von der „blutigen Militärjunta“. Russische Medien schreiben regelmäßig über Zehntausende von Lehrern aus den besetzten Gebieten, die in Russland „Umorientierungskurse“ belegten, um wieder unterrichten zu dürfen. Weigert sich jemand, riskiert er Strafen und Gewalt.

Neue pädagogische Fakultäten in den besetzten Regionen sollen Lehrer hervorbringen, die nach russischen Bildungsplänen unterrichten. Es ist eine kulturelle Unterwanderung und die Auslöschung einer Identität, die Russland für „feindlich“ hält. Ähnlich machten es sowjetische Gewaltherrscher, die Minderheiten ihre Sprachen und ihr kulturelles Erbe nahmen, indem sie das Sprechen mancher Sprachen unter Strafe stellten, Kinder zuweilen auch aus den Familien holten, sie in Internate bringen ließen und ihnen verbaten, in ihrer Sprache zu reden. Noch heute erinnern sich manche Alten im Land an diese grausame Praxis und sprechen vom „verlorenen Ich“.

Die Politik der Russifizierung und der Militarisierung der Bildung verstößt gegen internationales Recht und auch gegen die UN-Kinderrechtskonvention. Doch solche Dinge interessieren den Kreml kaum. Es geht ihm um die Auslöschung der Ukraine. Denn, so erklärte es der russische Präsident Wladimir Putin vor wenigen Tagen beim Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg: „Russen und Ukrainer sind ein Volk. In diesem Sinne gehört die ganze Ukraine uns.“ Der Saal applaudierte laut. In diesem Sinne aber ließe sich die Logik auch so lesen: Wenn Russen und Ukrainer ein Volk sein sollen, so könnte ganz Russland auch die Ukraine sein.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Russland Ukraine Schule