Umfrage der IG Metall Fast 200.000 wollen mehr Freizeit statt Geld

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Die IG Metall hat bei den Betriebsräten erstmals eine Resonanz auf den Stuttgarter Tarifabschluss abgefragt. Demnach bevorzugen 140.000 Schichtarbeiter in der Metall- und Elektroindustrie mehr Urlaub statt mehr Geld. Das hat selbst Gewerkschaftschef Jörg Hofmann überrascht.

Viele Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie können sich freuen: Sie haben die Wahl zwischen mehr Lohn oder mehr Zeit für sich. Foto: dpa
Viele Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie können sich freuen: Sie haben die Wahl zwischen mehr Lohn oder mehr Zeit für sich. Foto: dpa

Frankfurt - Der Stuttgarter Metalltarifabschluss vom 6. Februar lässt erste Auswirkungen in den Betrieben erkennen: Nach einer Umfrage der IG Metall unter den Betriebsräten wollen 190 000 Beschäftigte im nächsten Jahr lieber acht zusätzliche freie Tage statt mehr Geld in Anspruch nehmen. An der Umfrage beteiligt haben sich bisher Vertreter aus 1400 Betrieben – vor allem die Schwergewichte in Baden-Württemberg und Bayern sowie VW. Da weitere 1400 tarifgebundene Betriebe fehlen, erwartet die Gewerkschaft noch höhere Zahlen bis Anfang nächsten Jahres.

40 000 Beschäftigte wollen mehr Zeit für ihre Kinder

140.000 Anträge auf Umwandlung von Geld in Zeit wurden von Schichtarbeitern gestellt. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann zeigte sich davon überrascht, denn insgesamt würden 157.000 Schichtarbeiter die Voraussetzungen erfüllen. „Das zeigt den hohen Belastungsdruck in dieser Gruppe“, sagte er in Frankfurt. Das Gros verzichtet nun für die neuen Freizeitmöglichkeiten auf das „tarifliche Zusatzgeld“ – T-Zug genannt –, das für alle Beschäftigen einmal jährlich 27,5 Prozent eines Monatsentgelts ausmacht. Die Anträge für die zusätzlichen freien Tage im neuen Jahr mussten bis 31. Oktober beim Arbeitgeber gestellt werden. Weitere 40.000 Beschäftigte wollen statt des Geldes mehr Zeit für ihre Kinder haben. Zudem erhoffen sich 10.000 Beschäftigte durch die acht freien Tage eine Entlastung bei der Pflege von Angehörigen. Diese drei Gruppen standen bei dem massiven Tarifkonflikt besonders im Fokus.

Der Arbeitgeberverband warnt

Der Arbeitgeberdachverband hatte wegen der guten Auftragslage und des großen Fachkräftemangels jüngst bereits vor Produktionsengpässen gewarnt. Nun bewertete ein Gesamtmetall-Sprecher die Zahlen zurückhaltend: „Uns liegen bislang noch keine Zahlen zur Umwandlung des T-Zugs in freie Tage vor.“ Die bisherigen Rückmeldungen deuteten allerdings daraufhin, dass daran durchaus Interesse bestehe. „Ganz offensichtlich spielt der Wunsch nach einem höheren Einkommen nicht mehr die zentrale Rolle – was wir für kommende Tarifrunden interessiert zur Kenntnis nehmen“, ergänzte er süffisant.

Manche Gewerkschaftsvertreter vergäßen jedoch zu erwähnen, so der Verbandssprecher, dass nach dem Tarifvertrag jeder Freistellungstag im Betrieb von einem gleich qualifizierten Mitarbeiter durch längere Arbeitszeiten ausgeglichen werden müsse. Der Arbeitgeber habe dann „das Recht, Anträge schlicht abzulehnen, wenn kein Kollege länger arbeiten will“.

„Die Machtverhältnisse sind verschoben“

IG-Metall-Chef Hofmann warnte die Unternehmer jedoch vor einer Blockadehaltung: „Mit dem Tarifvertrag haben sich ein bisschen die Machtverhältnisse verschoben“, sagte er. Wenn die Arbeitgeber jetzt die Bedürfnisse der Beschäftigten zurückwiesen, sollten sie nachher nicht mehr mit der Aufforderung kommen, Sonderschichten einzulegen. Flexibilität dürfe keine Einbahnstraße mehr sein. „Wenn Aufträge reinkommen, dann sind die Betriebe beliebig flexibel – dies muss auch gelten, wenn die Beschäftigten nach mehr freier Zeit fragen“, so Hofmann.

Zugleich sprach er von einer „Grundhektik“ des Arbeitgeberverbands „mit einer mehr oder weniger gelungenen Öffentlichkeitsarbeit“, die eher der IG Metall bei der Werbung für den Tarifvertrag geholfen hätte – sowie von „lebhaften Debatten“ vor Ort. Die Erfahrung zeige aber, dass sich die Betriebsparteien um pragmatische Lösungen bemühten. Er gehe daher davon aus, dass alle Ansprüche der Beschäftigten auch erfüllt würden. Die Unternehmen hätten ausreichend Wege, um die ausfallende Arbeitszeit auszugleichen.

Wirkung neuer Arbeitszeitquoten offen

Neben der Wahloption Zeit oder Geld gewährt der Tarifvertrag allen Beschäftigten die Möglichkeit auf Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 35 auf 28 Stunden für bis zu 24 Monate. Danach haben sie das Recht, zu ihrer ursprünglichen Arbeitszeit zurückzukehren. Die verkürzte Vollzeit können Beschäftigte zu Quartalsbeginn beantragen. Davon wollen nach dem bisherigen Umfragestand etwa 8000 Beschäftigte zumeist „oberhalb der Facharbeiter-Gruppe“ Gebrauch machen; dies sei für die ersten drei Monate eine „beachtliche Zahl“ und deutlich mehr, als üblicherweise in so einem Zeitraum in die gesetzliche, unbefristete Teilzeit gehen.

Die Arbeitgeber hatten im Tarifabschluss darüber hinaus diverse Wege ausgehandelt, die Arbeitszeit über die bestehenden Quoten hinaus auszuweiten. In der Addition der diversen neuen Optionen versprachen sie sich pro Beschäftigten und Woche zwei zusätzliche Stunden an Arbeitsvolumen. „Ich glaube nicht, dass das eine große Rolle spielt“, sagte der IG-Metall-Chef. Er beobachte bei den Unternehmen zwar eine „elaborierte Debatte über Volumensmodelle“ – „sobald genauer nachgerechnet wird, lässt der Wunsch aber auch nach.“ Auch hier würden eher pragmatische Lösungen vor Ort gesucht, anstatt die Arbeitszeitquoten zu „stressen“.