Mit seiner Aussage über Migration und „Probleme im Stadtbild“ sorgt Kanzler Friedrich Merz für Diskussionen. Wir haben in Stuttgart nachgefragt: Wie sehen die Bürger das Thema?
Eine umstrittene Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sorgt seit vergangener Woche für viele Diskussionen in Deutschland. Auch auf Nachfrage hält er diese Woche an seinen umstrittenen Äußerungen rund um Migration und „Probleme im Stadtbild“ fest. „Fragen Sie mal Ihre Töchter, was ich damit gemeint haben könnte“, sagt Merz bei der Pressekonferenz zu den Ergebnissen der Präsidiumsklausur auf die kritische Frage eines Journalisten.
Viele Politiker haben sich schon öffentlich zu Merz’ Aussagen geäußert, darunter auch Stuttgarts OB Frank Nopper. Doch wie stehen die Bürger und Bürgerinnen dazu? Wir haben in der Stuttgarter Innenstadt nachgefragt, was sie von Merz’ Aussagen halten. Sind Menschen mit Migrationshintergrund wirklich ein „Problem im Stadtbild“?
„Keiner will darüber reden“
„Also ich weiß nicht, was der Kanzler für ein Problem hat. Mich stören keine anderen Menschen im Stadtbild“, sagt Karl F. (57). Der Elektriker fühle sich weder unsicherer als früher noch habe er je ein negatives Erlebnis mit Migranten gemacht.
Ganz anders sieht das ein 47-Jähriger, der nicht namentlich genannt werden möchte: „Keiner will darüber reden, aber man kann nicht mehr durch die Stadt laufen, ohne Menschen anderer Herkunft zu sehen.“ Auf die Frage, ob das denn schlimm sei, antwortet er: „Naja, man fragt sich dann schon, wo man gerade eigentlich ist.“ Er selbst habe zwar persönlich keine negativen Erfahrungen gemacht, aber vor allem in Bezug auf Messerstechereien bekomme man es ja immer wieder mit.
Problem liegt nicht bei der Migration
Marie M. versteht nicht, wie Friedrich Merz als Kanzler überhaupt so eine Aussage treffen kann. Als Politiker müsse man doch geschult sein, wie man öffentlich auftritt. „Mich stört vor allem dieses Indirekte. Er sagt nicht frei heraus, was er meint“, sagt die 32-Jährige. Sie fühle sich unsicherer als noch vor ein paar Jahren, sieht das Problem aber nicht bei der Migration. Das einzige, was die Personen gemeinsam hatten, von denen sie schon bedrängt wurde, war ihr Geschlecht: Es waren alles Männer.
Ein sinkendes Sicherheitsgefühl in den letzten Jahren – besonders nachts – spricht auch Rosa-Maria K. an. Die 73-Jährige kann besonders Merz’ Töchter-Aussage nachvollziehen. „Wenn ich heute ein junges Mädchen wäre, würde ich abends nicht draußen unterwegs sein wollen“, sagt sie. Die Rentnerin habe zwar nicht direkt ein Problem mit dem „Stadtbild“, verstehe aber, was der CDU-Kanzler meint.
Unsicherheit am Arnulf-Klett-Platz
Als Halbjapaner ist sich Akito H. nicht sicher, ob er sich von Merz angesprochen fühlen soll oder nicht. „Ich finde es schlimm, dass solche Aussagen getroffen werden“, sagt der 38-Jährige. „Merz sollte sich lieber mal andere Dinge überlegen, die das ‚Stadtbild’ verbessern.“ In Stuttgart spricht er konkret den Arnulf-Klett-Platz an. „Da fühle ich mich nie ganz sicher – egal, wer dort unterwegs ist.“
„Die Aussagen sind Quatsch“, sagt Paul T. zur „Stadtbild“-Thematik. „In Stuttgart stören mich die ganzen Baustellen viel mehr am Stadtbild als irgendwelche Menschen.“ Die Unsicherheit durch Migration spürt der 27-jährige IT-Berater persönlich nicht, auch nicht nachts. Er war schon einmal „mit Migranten in einer kleinen körperlichen Auseinandersetzung“ vor einer Bar. Er sehe da aber nicht die Herkunft als Ursache, sondern den involvierten Alkohol.