Arbeitgeber-Umfrage Liefernöte lähmen die Metallindustrie

Das Material lagert mitunter an irgendeiner Verladestelle (wie hier dem Containerhafen von Algeciras in Andalusien) und kommt in den deutschen Unternehmen nicht an. Foto: imago images

Nach einer Umfrage des Verbandes Gesamtmetall wird der Aufholprozess der Metallindustrie durch die Lieferengpässe und den Materialmangel massiv verlangsamt. Es kann lange dauern, bis das ausgestanden ist.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Stuttgart - Die Probleme mit den Lieferketten und den Materialengpässen bremsen die Belebung der deutschen Wirtschaft – infolge deutlicher Umsatzeinbußen verlangsamt sich der Aufholprozess erheblich. Gerade die Metall- und Elektroindustrie leidet darunter, wie eine Mitgliederumfrage des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall zeigt, die unserer Zeitung exklusiv vorliegt.

 

Demnach sind mit 96 Prozent fast alle Unternehmen der Branche von Produktionsbehinderungen betroffen – ihnen fehlen Rohstoffe, Materialien oder Vorleistungen von Zulieferern. Genannt werden vor allem Elektronik, Stahl, Metallteile, Aluminium, Kunststoffe, Kupfer und Holz. 42 Prozent der Unternehmen sind sogar stark vom Mangel beeinträchtigt, 40 Prozent noch mittel.

Lieferungen kommen zu spät oder gar nicht

In der Folge kämpfen 89 Prozent der Unternehmen mit erheblichen Preissteigerungen im Einkauf von durchschnittlich 36 Prozent, zudem mit verspäteten Lieferungen (86), Lieferungen in zu geringer Menge (65) oder gar mit dem Ausbleiben von Waren (51) – vor allem weil Lieferanten nicht selbst produzieren können oder weil Transportprobleme auf dem Weg nach Europa beziehungsweise innerhalb Europas aufgetreten sind.

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Die wesentlichen Probleme werden bei chinesischen Lieferanten verortet (in 61 Prozent der Antworten). Ähnlich stark angespannt sind die inländischen Lieferketten, wo 60 Prozent der Unternehmen Reibungsverluste sehen. Lieferanten in den USA, Großbritannien oder Indien werden nur von einem kleineren Teil der Verbandsmitglieder dafür verantwortlich gemacht.

Ein „Berganstieg mit Bleistiefeln“

„Die Unternehmen unserer Industrie sind noch lange nicht wieder da, wo sie vor Rezession und Pandemie waren“, bilanziert Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander die Umfrageergebnisse. „Durch die aktuellen Lieferengpässe sind sie nun sogar weiter zurückgefallen.“ Aktuell liege die Produktion rund 22 Prozent unter dem Vorkrisenniveau von Ende 2018. „Der mühsame Aufholprozess wird dadurch deutlich länger dauern als zunächst erwartet“, sagt Zander. „Das wird ein Berganstieg mit Bleistiefeln.“

Im Schnitt sehen sich die Unternehmen seit sechs Monaten mit Materialknappheit konfrontiert. Wie lange sie anhalten wird, erscheint für die Mehrheit von 63 Prozent der Firmen nicht abschätzbar – ein gutes Viertel geht von mehr als sechs Monaten aus. Ein noch düstereres Bild ergibt sich aus einer eigenen Auswertung der Umfrage durch Südwestmetall. Demnach rechnen die Betriebe perspektivisch damit, dass die Engpässe noch rund neun Monate anhalten werden. Einzelne Firmen sehen diese sogar für bis zu weitere 24 Monate. Mit einer Entspannung könne man frühestens im zweiten Halbjahr 2022 rechnen, prophezeit Hauptgeschäftsführer Peer-Michael Dick.

Weniger Bürokratie beim Zoll und weniger Fahrverbote angemahnt

Die Suche nach Auswegen beschäftigt die Unternehmen hochgradig: Der Gesamtmetall-Umfrage zufolge versuchen 82 Prozent, alternative Lieferanten oder Produkte zu finden, 69 Prozent geben die Preissteigerungen weiter, und 47 Prozent schränken die Produktion ein. Zudem setzen 27 Prozent der Unternehmen Kurzarbeit ein. Und elf Prozent bauen deswegen bereits Arbeitsplätze ab, wobei dabei auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen könnten.

Zur Linderung der Schwierigkeiten erwarten die Firmen von der Politik nun Erleichterungen bei Bürokratie und Genehmigungen: Ganz oben auf der Wunschliste steht eine Optimierung der Zollabfertigung. Fast jedes dritte Unternehmen wünscht sich Verbesserungen bei der Kurzarbeit – an der das Bundesarbeitsministerium freilich gerade arbeitet. Etwa jede fünfte Firma fordert die vorübergehende Aufhebung von Lkw-Fahrverboten an Sonn- und Feiertagen und des Verbots nächtlicher Transportflüge.

Mehr Produktion in Europa für weniger Abhängigkeit

Dick zufolge wird oft auch der Wunsch geäußert, dass die Produktion bestimmter Waren und Komponenten in Europa gestärkt werden soll, um für die Zukunft die Abhängigkeiten bei solchen global auftretenden Problemen zu verringern. Dazu könnten Politik und Tarifpolitik einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, mahnt er.

Vom 12. bis 29. Oktober nahmen 1485 Mitgliedsunternehmen der Verbände von Gesamtmetall an der Umfrage teil.

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