Umfrage vor der Wahl in Stuttgart Alle OB-Bewerber haben ein Bekanntheitsdefizit

Wen wählen? Viele Wahlberechtigte scheinen die OB-Bewerber und -Bewerberinnen noch nicht zu kennen. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Einen Wunschkandidaten für die Nachfolge von OB Fritz Kuhn haben die Stuttgarter offenbar (noch) nicht. Ein Favorit ist nicht erkennbar. Bezüglich der Kompetenz, die den Bewerbern zugeschrieben wird, setzen sich Veronika Kienzle (Grüne), Frank Nopper (CDU) und Martin Körner (SPD) etwas ab.

Stuttgart - Vor der Oberbürgermeister-Wahl in Stuttgart am 8. November liegen zumindest fünf der sechs vermutlich aussichtsreichsten Bewerber offenbar noch nah beieinander in der Gunst der möglichen Wähler. Das ist eine der Erkenntnisse, die sich aus dem neuen BWTrend ergeben. Hierbei handelt es sich um eine Umfrage von Infratest dimap im Auftrag der Stuttgarter Zeitung und des Südwestrundfunks, bei der es auch um die OB-Wahl ging.

 

Drei Kandidierende fanden im Kreis der insgesamt 509 Stuttgarterinnen und Stuttgarter, die in diesem Zusammenhang befragt wurden, mehr Zuspruch als Ablehnung: Veronika Kienzle (Grüne) schien 25 Prozent der Befragten das Zeug zu einem guten Stadtoberhaupt zu haben, 24 Prozent aber nicht. In Frank Nopper (CDU) erkannten 24 Prozent einen guten OB für Stuttgart, 20 Prozent nicht. Bei Martin Körner (SPD) gab es 23 Prozent Zuspruch und nur 18 Prozent Ablehnung – die geringste Negativquote unter den sechs betrachteten Personen. In allen anderen Fällen überwog der Zweifel an der Eignung mehr oder weniger.

Die Befragten beurteilten die Eignung der Kandidierenden

Hannes Rockenbauch – Stadtrat für das Bürgerbündnis SÖS, Fraktionschef des Linksbündnisses im Gemeinderat und seit Jahren eine der Galionsfiguren des Protestes gegen das Projekt Stuttgart 21 – scheint am stärksten zu polarisieren. Ihn konnten sich 31 Prozent nicht als guten OB für Stuttgart vorstellen. Mit 19 Prozent, die ihm eine gute Eignung bestätigten, hält er aber noch Anschluss an die Vertreter der zwei Traditionsparteien und der Ökopartei. Was auch für Marian Schreier, den parteiunabhängig antretenden Sozialdemokraten und Bürgermeister von Tengen im Kreis Konstanz, gelten mag. Den 30 Jahre jungen Verwaltungs- und Politikwissenschaftler, der in Stuttgart geboren wurde, schätzten 18 Prozent als gut geeignet ein, 25 Prozent nicht. Nur Malte Kaufmann (AfD) liegt mit vier Prozent Positivstimmen und 21 Prozent Negativwertungen klar zurück.

Bei den einzelnen Altersgruppen der Befragten fällt auf, dass Kienzle bei den 16- bis 39-Jährigen mit 31 Prozent sowie den über 65-Jährigen mit 27 Prozent knapp vorne liegt, Nopper mit 30 Prozent bei den 40- bis 64-Jährigen. Dahinter schneidet Körner bei der jüngsten Wählergruppe mit 25 Prozent besonders gut ab, allerdings fast ähnlich auch in den anderen Gruppen. Rockenbauch punktet besonders bei der mittleren Gruppe mit 24 Prozent. Schreier und Kaufmann erreichen ihre besten Teilergebnisse bei den älteren Befragten mit 20 bzw. 12 Prozent. Bei den jungen Befragte, wo man eigentlich einen Vorteil für Schreier erwartet hätte, verzeichnete der Jungbürgermeister 17 Prozent.

Bei allen Zahlen muss man berücksichtigen, dass die Befragten keine Wahlaussage im Sinne der sogenannten Sonntagsfrage machten. Das hätte angesichts der vergleichsweise niedrigen Bekanntheitsgrade der Bewerber zum jetzigen Zeitpunkt möglicherweise auch nur eingeschränkte Aussagekraft gehabt, was das Wahlergebnis in drei Wochen angeht. Gefragt wurde, wie man die Eignung einschätzt. Die Teilnehmer konnten jeden Bewerber einzeln bewerten und somit auch mehrere Personen als gut geeignet einstufen. Letzteres wird am Wahltag nicht möglich sein. Außerdem waren andere Kandidaten, die als weniger aussichtsreich gelten, bei der Umfrage außen vor geblieben, auch der Stuttgarter Sebastian Reutter, der großen Aufwand beim Plakatieren betreibt.

Auch der Bekannteste hat nur eine Quote von 50 Prozent

Es gibt aber auch noch ein anderes Anzeichen dafür, dass es zu Verschiebungen bei den Ergebnissen kommen könnte, wenn dem einen oder anderen eine Mobilisierung gelingt: Selbst Rockenbauch als bekanntester Bewerber kam bei den Befragten nur auf eine Bekanntheitsquote von 50 Prozent. Das sei bei der OB-Wahl 2012 deutlich anders gewesen, sagt Roberto Heinrich von Infratest dimap. Er erinnert sich, dass der spätere Sieger Fritz Kuhn in dem Stadium einen Bekanntheitsgrad von 78 Prozent gehabt habe, der parteilose Kandidat der CDU, Sebastian Turner, sogar etwa 80 Prozent. Und die damalige SPD-Bewerberin Bettina Wilhelm sei mit Kuhn in diesem Punkt etwa auf Augenhöhe gewesen.

Im Vergleich dazu sind Veronika Kienzle (49 Prozent), Frank Nopper (44 Prozent), Marian Schreier (43 Prozent), Martin Körner (41 Prozent) und Malte Kaufmann (25 Prozent) deutlich weniger bekannt. Der AfD-Bewerber, ein Unternehmer, kommt ja auch aus dem Raum Heidelberg. Nopper allerdings ist Spross einer Stuttgarter Familie und seit vielen Jahren OB in der nahen Stadt Backnang. Kienzle hat sich vor allem, aber nicht nur als Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte einen Namen gemacht. Und der Volkswirt Körner, der aus Schwäbisch Hall stammt, ist immerhin Fraktionschef der SPD im Stuttgarter Rathaus und ehemaliger Bezirksvorsteher im Stuttgarter Osten, früher auch schon in diversen Wahlkämpfen aktiv gewesen.

Corona behinderte den Wahlkampf stark

Das Bekanntheitsdefizit der aktuellen Kandidaten dürfte allerdings auch damit zu tun haben, dass die Corona-Pandemie den Wahlkämpfern in vielerlei Hinsicht einen Strich durch die Rechnung machte. Die Situation sei vielleicht kein gutes Vorzeichen für die Wahlbeteiligung, meint man bei Infratest dimap in Berlin.

Schon 2012 beteiligten sich nur rund 47 Prozent der Wahlberechtigten. Sollte diese Quote weiter sinken, könnte das bedeuten, dass bei denen, die mitentscheiden, besser gestellte und höher gebildete Personenkreise besonders stark vertreten sind. Davon könnten die Kandidaten unterschiedlich profitieren – oder darunter leiden.

Eine ganz andere Frage ist, wie die Bewerber mit ihren jeweiligen Themenschwerpunkten in den verbleibenden drei Wochen noch Wähler mobilisieren könnten. Die Umfrage ergab auch, dass die zu lösenden Probleme in der Stadt überwiegend in den Bereichen Verkehr, Verkehrsanbindung, öffentlicher Nahverkehr und Mobilität (28 Prozent) sowie auf dem Sektor Bezahlbarer Wohnraum und Mieten (23 Prozent) gesehen werden. Dann folgen Umweltschutz und Klimawandel (13 Prozent) sowie Stuttgart 21 (9 Prozent). Schließlich wurden mit Abstand die Corona-Pandemie und ihre Folgen (5 Prozent), Schule und Kitaplätze sowie Energiepolitik (je 4 Prozent), Ausländerintegration (3 Prozent) sowie Arbeitsmarkt und Sicherheit (je 2 Prozent) genannt. Auf diesen Feldern bemühen sich die Bewerber in ganz unterschiedlicher Weise. Alles auf ein Themengebiet zu setzen, dürfte auch schwierig sein. Derzeit gebe es für die Bürgerschaft „kein Thema, auf das sich die Mehrheit der Wahlberechtigten als wichtigstes Problem der Stadt einigen kann“, resümierte Infratest dimap.

Wer wird nach dem ersten Wahlgang aufgeben?

Vieles ist also noch offen, vor allem auch, ob ein Wahlgang ausreichen oder mangels absoluter Mehrheit für einen Bewerber eine Neuwahl am 29. November notwendig wird. Noch lassen die Zahlen kaum erkennen, wer sich dafür in eine aussichtsreiche Position bringen könnte – oder wer vielleicht nach der Wahl am 8. November das Handtuch werfen wird.

Glasklar ist aber schon eines: Die Amtszeit von Fritz Kuhn wird äußerst kritisch betrachtet. Nur für 38 Prozent der jetzt Befragten war er ein guter Amtsinhaber, dagegen für 49 Prozent „kein guter OB“. Lediglich Anhänger seiner Grünen-Partei beurteilten ihn milder. Hier stuften ihn 63 Prozent als guten OB ein, allerdings widersprach auch da fast ein Viertel.

Für die Umfrage waren die Befragten durch eine repräsentative Zufallsauswahl aus dem Kreis der rund 450 000 Wahlberechtigten bestimmt worden. Im Zeitraum vom 8. bis 13. Oktober fanden dann Telefoninterviews statt. Die Fehlertoleranz beträgt 1,9 Prozentpunkte bei einem Anteilswert von fünf Prozent, bis 4,4 Prozentpunkte bei einem Anteilswert von 50 Prozent. Bei einer Befragung mit 509 Wahlberechtigten nach der Methode der Zufallsstichprobe besteht eine statistische Unsicherheit von bis zu 4 Prozentpunkten. Bei einem Befragungswert von 50 Prozent liegt der wahre Wert für alle Wahlberechtigte mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent zwischen 46 und 54 Prozent.

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