Kinderfotos im Netz Posten oder nicht? Was Eltern bedenken sollten
Viele Eltern teilen stolz Bilder der Kinder auf den Sozialen Medien oder per Whatsapp. Dabei vergessen sie oft, diese zu fragen, ob die das eigentlich wollen. Welche Risiken es gibt.
Viele Eltern teilen stolz Bilder der Kinder auf den Sozialen Medien oder per Whatsapp. Dabei vergessen sie oft, diese zu fragen, ob die das eigentlich wollen. Welche Risiken es gibt.
Petra Wolf erinnert sich noch gut an diese Fünftklässlerin. Die Medienpädagogin hatte gerade den Schülerinnen und Schülern einer Klasse erklärt, dass andere Menschen nicht einfach ungefragt Bilder von ihnen machen und auf den Sozialen Medien veröffentlichen dürfen. Dass sie ein Recht am eigenen Bild hätten. „Gilt das auch für Eltern?“, fragte da ein Mädchen und erzählte Petra Wolf, dass ihre Mutter ständig Bilder von ihr auf Instagram veröffentliche, obwohl die Tochter ihr sage, dass sie das nicht wolle. „Sie tat mir richtig leid“, sagt Petra Wolf, die für die Aktion Jugendschutz Baden-Württemberg (AJS) arbeitet.
Dass Kinder und Jugendliche es nicht unbedingt gut finden, wenn ihre Eltern sie im Netz herzeigen, ist nicht nur Petra Wolfs punktuelle Erfahrung, sondern auch das Ergebnis einer aktuellen Befragung von knapp 500 Kindern zwischen 7 und 13 Jahren der Kommunikationsagentur We are Family mit Sitz auch in Stuttgart. Auf einer zehnstufigen Skala sollten die Jungen und Mädchen markieren, wie sie es finden, wenn Eltern Bilder von ihnen in den Sozialen Netzwerken veröffentlichen, wobei 0 „total doof“ bedeutete und 10 „voll ok“. Das Ergebnis: Die Kinder kreuzten durchschnittlich die vier an, was man wohl mit „ziemlich doof“ übersetzten kann. Wobei sich laut dem Leiter der Marktforschungsabteilung der Agentur, Jens Wiesehöfer, noch geringere Werte ergeben, je jünger die gezeigten Kinder sind und je unbekleideter.
We are Family, die unter anderem Unternehmen beraten, wie sie am besten um Familien werben können, hat erst kürzlich eine eigene Marktforschungsabteilung gestartet, die Auftragsstudien macht, aber auch eigene Forschung betreiben soll. Denn dazu, wie Unter-14-Jährige denken und sich verhalten, gäbe es relativ wenig bislang, sagt Jens Wiesehöfer. Er will Kunden in Zukunft sagen können, wie Kinder es finden, wenn beispielsweise ein Unternehmen einen Wettbewerb der schönsten Eltern-Kind-Fotos auf Instagram startet. „Ich sehe es da schon als unsere Aufgabe, sensibel zu machen, welche Verantwortung ein Unternehmen trägt“, sagt Wiesehöfer.
Interessant sollten diese Ergebnisse, die Wiesehöfer nun in einer breiter angelegten Studie zum generellen Online-Verhalten von Kindern noch vertiefen will, aber natürlich nicht nur für Firmen mit Image- und Verkaufsinteressen, sondern auch für Eltern sein. Petra Wolf stellt nämlich fest, dass diese häufig die Entwicklung des süßen Nachwuchses im Internet teilen – ohne darüber nachzudenken, ob das denn so eine gute Idee ist. „Sharenting“ ist übrigens das Fachwort dafür, zusammengesetzt aus Share (teilen) und Parenting (Elternschaft). Dabei hat das Thema mehrere Dimensionen. Es geht um Kinderrechte, deren Schutz und die moralische Verantwortung für sie.
Petra Wolf von der AJS macht klar: Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre und am eigenen Bild. Laut Bürgerlichem Gesetzbuch entscheiden bis zum Alter von sieben Jahren die Erziehungsberechtigten über die Veröffentlichung von Fotos ihrer Kinder, danach Kinder und Eltern gemeinsam. Die Kinder müssten eigentlich gehört werden und wer sie ernst nimmt, fragt vielleicht auch fünf oder Sechsjährige schon nach ihrer Meinung dazu.
Auf die Frage, ob man überhaupt Kinderbilder teilen sollte, schreibt Dagmar Schmidt vom Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (LMZ): „Wahrscheinlich lautet eine vernünftige Antwort auf diese Frage in vielen Fällen nein, da man beim Versenden von Kinderbildern selten mit Sicherheit ausschließen kann, dass diese Bilder eines Tages im Internet auffindbar sind.“ Analysen hätten gezeigt, dass solche privaten Kinderfotos von Facebook-, Instagram-Accounts, aus Tiktok und Whatsapp teils in pädophilen Netzwerken weitergenutzt werden. Aber auch wenn dieser schlimmste Fall nicht eintritt: Die Bilder sind dauerhaft im Netz, werden vielleicht später mal von Gleichaltrigen gefunden, die sich darüber lustig machen.
Wichtig sei deshalb, die Privatsphäre- und Sicherheitseinstellungen der eigenen Accounts regelmäßig zu überprüfen und bei jedem Bild zu überlegen, ob es das Kind zum Beispiel zu nackt zeigt oder in einer Situation, die ihm später unangenehm sein könnte, sagt Dagmar Schmidt. Ratsam sei auch, das Gesicht nicht zu zeigen oder zum Beispiel mit einem Sticker zu verbergen. Außerdem sollten die Bilder keine Informationen über Orte wie Kita und Zuhause liefern.
Manchmal muss man vielleicht auch andere Eltern sensibilisieren: Beim LMZ melden mitunter Eltern, „die gerade im Kita- und Grundschulbereich Probleme haben, dass andere Eltern eigenständig WhatsApp-Gruppen einführen und zum Beispiel Gruppenfotos von Kindern teilen ohne zu fragen, ob alle damit einverstanden sind.“ Überhaupt Whatsapp: Auch wer als Profilbild ein Bild seines Kindes benutzt, läuft Gefahr, dass es von anderen gespeichert wird.
Kindern einen vernünftigen Umgang mit Bildern von ihnen vorzuleben hat übrigens auch einen wichtigen erzieherischen Effekt. Denn schon sehr bald, stehen sie ja selbst vor der Frage, ob und welche Bilder sie von sich zeigen wollen. Denn auch das hat die Befragung von We are Family ergeben: 40 Prozent der Siebenjährigen haben schon ein Smartphone, bei den Zehnjährigen sind es fast alle. Und ab diesem Alter benutzen auch sechs von zehn Kindern Whatsapp und fast jeder fünfte hat bereits einen Tiktok-Account.
Unbedenkliche Fotos
Das Deutsche Kinderhilfswerk gibt Tipps, wie man Kinder fotografiert, sodass die Fotos unbedenklich sind: https://www.dkhw.de/schwerpunkte/medienkompetenz/angebote-fuer-eltern/tipps-fuer-den-umgang-mit-kinderfotos-in-der-digitalen-welt/
Zehn Schritte
Tipps für Eltern gibt es auf der Infokarte der Initiative Klicksafe „Zu nackt fürs Internet? - 10 Schritte für mehr Sicherheit im Umgang mit Kinderfotos online“, mit der Eltern ganz leicht überprüfen können, ob sie alle wichtigen Aspekte berücksichtigt haben, bevor sie ein Bild veröffentlichen: https://www.klicksafe.de/fileadmin/cms/download/Material/Flyer/klicksafe_InfoflyerFlyer_Zu_nackt_f%C3%BCrs_Internet__Eltern.pdf