Umfrage zu Stuttgart 21 "Sehnsucht nach einer Lösung des Dauerkonflikts"

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Während Experten von allen Seiten die von Geißler vorgeschlagene Kombilösung prüfen, verliert ein namhafter Gegner eine Abstimmung.  

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Stuttgart - Die Nachricht aus Berlin dürfte sowohl bei den Befürwortern als auch bei den Gegnern von Stuttgart21 auf ein hörbares Echo stoßen. Laut einer am Sonntag veröffentlichten Umfrage von TNS Infratest Politikforschung im Auftrag der Freien Universität Berlin ist rund die Hälfte aller Befragten für das umstrittene Bahnprojekt, nur 35 Prozent sind dagegen und 15 Prozent enthalten sich einer Meinung. Im Großraum Stuttgart liege die Zustimmung für den Tiefbahnhof sogar bei 58 Prozent. Damit bestätigt auch diese Erhebung den positiven Trend für Stuttgart21, der sich bereits mit den Ergebnissen der jüngsten Bürgerumfrage der Stadt Stuttgart vor zwei Wochen abzeichnete.

Bemerkenswert sind die aktuellen Werte aber vor allem beim näheren Blick auf den Auftraggeber der Umfrage. Hinter der Freien Universität Berlin verbirgt sich in diesem Fall nämlich Peter Grottian. Der Politikwissenschaftler ist in Stuttgart kein Unbekannter. Bei einer Kundgebung der S-21-Gegner im Mai hatte Grottian in seiner Rede ein "plausibles Szenario" dafür entworfen, wie das Projekt noch verhindert werden könne, und zwar allein durch den Druck der Straße. "Nicht Wahlen entscheiden", formulierte er damals, "sondern wenn der Souverän den Aufstand probt." Die Menschen sollten, so seine Forderung, den geplanten Durchgangsbahnhof "selbstermächtigend, bürgermächtig und mobilisierungsträchtig" verhindern.

Experten wägen das Für und Wider ab

Drei Monate später scheint der Mann seine Meinung geändert zu haben. Zwar zeige die aktuelle Umfrage "eine gewisse Resignation der Baden-Württemberger angesichts des lange andauernden Streits über das Bahnprojekt", sagt Grottian nun. Andererseits verdeutliche das Ergebnis zum Kompromissvorschlag von S-21-Schlichter Heiner Geißler und SMA-Chef Werner Stohler auch "die Sehnsucht der Bürger nach einer Lösung des Dauerkonflikts". 69 Prozent der rund 1000 Befragten hatten in der Berliner Umfrage für eine ernsthafte Prüfung des Vorschlags nach einem kombinierten Kopf- und Durchgangsbahnhofs plädiert.

Tatsächlich gibt es inzwischen mehrere Expertenkommissionen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Während Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) den Spezialisten in seinem Haus ganz offiziell einen Prüfauftrag erteilt hat, dessen Ergebnis Ende dieser Woche im Koalitionsausschuss beraten werden soll, will auch der rote Teil der Landesregierung nicht gänzlich unvorbereitet in die Beratungen gehen. Auf Anraten des Staatssekretärs Ingo Rust sitzen demnach im Finanz- und Wirtschaftsministerium einige Experten beieinander, die Für und Wider der Kombilösung abwägen. Zu guter Letzt will offenbar auch der Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster im Laufe dieser Woche eine Stellungnahme auf den Markt bringen, in welcher die Projektpartner Stadt und Region ihre Bedenken äußern.

Der Kombibahnhof wird teurer

In diesem Papier, dessen Konzept der Stuttgarter Zeitung vorliegt, heißt es, dass die von Geißler und Stohler auf den Namen SK 2.2 getaufte Variante mindestens 5,2 Milliarden Euro kosten würde - 1,1 Milliarden Euro mehr als für Stuttgart21 im Moment berechnet werden. Grundlage für diese Kostenschätzung seien jene 2,5 bis drei Milliarden Euro, die Stohler und Geißler selbst angesetzt hätten. Dazu käme die Sanierung der Bestandsanlagen (1,3 Milliarden Euro), der Entfall von Grundstückserlösen, weil das Gleisvorfeld weiterhin benötigt würde (800 Millionen Euro) sowie verlorene Planungs- und Baukosten von 350 Millionen Euro.

Noch schwerer aber wiegt laut dem Entwurf die wegfallende Anbindung der Gäubahn an den Flughafen und die Streichung der S-Bahn-Haltestelle Mittnachtstraße. Damit wäre "die Grundlage für die Mitfinanzierung des Bahnprojekts durch den Verband Region Stuttgart nicht mehr gegeben". Gleiches gelte durch die neuen städtebaulichen Rahmenbedingungen auch für die Stadt: "Mit dem Entfall der städtebaulichen Jahrhundertchance entfällt die Grundlage zur Mitfinanzierung durch die Landeshauptstadt Stuttgart."