Umfrage zur Mobilität in Stuttgart Die bohrende Frage: Wohin des Weges?

Mehr grünes Licht für Fußgänger? Auch darauf soll die Umfrage Antworten geben. Foto: Caroline Holowiecki

Vielen Stuttgartern flattert auch in diesem Jahr wieder hartnäckig Post ins Haus, in der sie nach ihrem Mobilitätsverhalten gefragt werden. Was dahinter steckt.

Stadtentwicklung & Infrastruktur: Andreas Geldner (age)

So einfach lassen die Frager nicht locker: Das dritte Mal, so berichtet ein Leser unserer Zeitung, hat ihn nun die freundliche, aber dringende Aufforderung erreicht, exakt zu notieren, wie er an an einem bestimmten Tag mobil war. Ausgerechnet am 2. Januar, mitten im ruhigen Jahreswechsel, hätte das passieren sollen. Nach dem verpassten Termin gab es prompt einen neuen Terminvorschlag. Und bald kam Brief Nummer drei.

 

Jeder Tag des Jahres ist interessant

Die Hartnäckigkeit hat einen Grund: Wie 1600 andere Einwohner von Stuttgart ist der Betroffene einer der Bürger, die bei einer der am längsten betriebenen und aufwendigsten städtischen Umfrage mitmachen sollen.

Beauftragt ist die so genannte kontinuierlich durchgeführte Mobilitätserhebung, Kurzname Kontiv, von den Stuttgarter Straßenbahnen und von der Stadt Stuttgart. Die Auswahl der Teilnehmer erfolgt zufällig aus dem Melderegister, nur anhand von Nachnamen und Adresse. Erst wenn man bereit ist, mitzumachen, wird nach mehr Details gefragt.

Seit 2017 gibt es die Umfrage in Stuttgart – für jeden Tag des Jahres. Das den Leser verwundernde Datum 2. Januar hat den Grund, dass nicht nur nach Spitzentagen gefragt wird. „Es vergeht kein Tag, an dem wir nichts herausschicken“, sagt Knud Kehnscherper vom Nürnberger Befragungs-Institut PB Consult, das die Daten sammelt und auswertet. „Es geht um das gesamte Mobilitätsbild, unabhängig vom Verkehrsmittel und auch davon, ob man an dem Tag überhaupt unterwegs ist.“

Langstrecken-Befragung will auch kurze Wege wissen

Auf vier Seiten müssen 15 Fragen beantwortet werden. Für jedes Haushaltsmitglied wird nach jedem einzelnen zurückgelegten Weg gefragt. Platz ist auf dem Formular bei jeder Person für acht Wege in zwölf unterschiedlichen Kategorien – also fast hundert Auswahlmöglichkeiten. Bei fünf Bewohnern kämen da 500 Möglichkeiten zusammen.

Der kurze Fußweg zum Bäcker werde da gerne vergessen, sagt Kehnscherper. Deshalb geben die Frager auch nach dem Erhalt des Fragebogens nicht gleich Ruhe, sondern haken gegebenenfalls nach.

Trendwende weg vom Auto?

Doch Mitmachen lohne sich, sagt Martin Körner, der Leiter des Grundsatzreferats Klimaschutz, Mobilität und Wohnen: „Gerade nach den Corona-Jahren sind da sehr spannende Ergebnisse herausgekommen“, sagt er. So werde zum Beispiel das Auto weniger genutzt, dafür mehr zu Fuß gegangen und mehr geradelt.

Die ökologische Verkehrswende hat nach den jüngsten Ergebnissen weiter Konjunktur, sagen die SSB: Konkret erwarteten die Bürgerinnen und Bürger Verbesserungen im Linien- und Streckennetz des öffentlichen Nahverkehrs, bessere Fahrrad- und Fußgängerinfrastruktur und Verkehrsberuhigungsmaßnahmen.

Welche Folgen hat das Deutschlandticket?

Noch ist 2023 nicht ausgewertet. Das dürfte noch einige Monate dauern. Die jüngsten Zahlen zeigen zwischen 2019 und 2022 einen Anstieg von neun auf vierzehn Prozent bei den Wegen mit dem Fahrrad und von 28 auf 36 Prozent bei den Fußwegen. Gleichzeitig ging der Anteil der Autofahrten von 29 auf 23 Prozent zurück. Und der öffentliche Nahverkehr liegt mit 19 Prozent klar unter seiner Rekordquote von 26 Prozent.

Eine Ursache für diese Trendwende ist auch, dass viele Menschen von zu Hause aus arbeiten, das Pendeln über längere Distanzen weniger wichtig wird, dafür die Wege in der Nachbarschaft und im Freizeitverkehr. Und hier wird es spannend, inwieweit das im Mai 2023 eingeführte Deutschlandticket das Verhalten verändert.

Stuttgarter sind fleißig dabei

„Die kontinuierliche Mobilitätsbefragung hat gegenüber nur punktuell durchgeführten Studien unter anderem den Vorteil der Aktualität“, sagt die SSB-Sprecherin Birte Schaper. So ließen sich Trends frühzeitig erkennen und man habe saisonale Schwankungen im Blick. Umfrage-Chef Kehnscherper hofft, dass sich die Hartnäckigkeit auszahlt. Mit 40 Prozent ist die Rücklaufquote in Stuttgart für Umfragen dieser Art sehr hoch.

Immerhin hat es keine Konsequenzen, wenn man die Teilnahme verbummelt oder verweigert. Beim so genannten Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes zum Beispiel, der jährlichen Haushaltsbefragung zu den Arbeits- und Lebensbedingungen in Deutschland, ist die Teilnahme hingegen gesetzlich verpflichtend – mit angedrohten Geldbußen von bis zu 5000 Euro.

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