Umgang mit Respekt und Vertrauen Leben mit Inkontinenz – aber ohne Scham

Inkontinenz wird meist verschwiegen, dabei ist sie weit verbreitet. Foto: KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle

Millionen Menschen in Deutschland leiden an Inkontinenz, doch kaum jemand spricht darüber. Wie können Angehörige helfen, ohne die Würde der Betroffenen zu verletzen?

Volontäre: Lena Fux (fux)

„Ich bin traurig, dass ich keinen Partner mehr habe. Er ist mein Mann, aber kein Gesprächspartner.“ Renate, die ihren richtigen Namen lieber nicht verraten möchte, spricht mit ruhiger Stimme, wenn sie über das Verhältnis zu ihrem Mann spricht. Ihre Augen aber sind gefüllt mit Tränen.

 

Ihr Partner leidet an Demenz, vor ungefähr zwei Jahren kam Inkontinenz dazu. Renate pflegt ihn alleine ohne professionelle Unterstützung bei ihnen zuhause. Am Anfang habe sie dafür ein wenig Mut gebraucht, erzählt sie. Erst im Rückblick habe sie gemerkt, wann es begann, erzählt sie. Ausreden und Entschuldigungen hätten das eigentliche Problem lange verdeckt.

Frauen sind häufiger von Inkontinenz betroffen

Er ist einer von schätzungsweise rund zehn Millionen Menschen in Deutschland, die von Inkontinenz betroffen sind. Expertinnen und Experten schätzen diese Zahl, die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich weitaus höher. Aus Scham trauen sich viele Betroffene niemandem an, suchen keine ärztliche Hilfe. Dadurch bleiben viele Fälle unentdeckt. Und das, obwohl Inkontinenz nicht nur ein körperliches Symptom ist, sondern über das physische Leiden hinaus geht.

Sechs bis acht der zehn Millionen inkontinenten Menschen leiden an einer Harninkontinenz, vier Millionen an einer Stuhlinkontinenz. Frauen sind häufiger betroffen, mit zunehmendem Alter gleichen sich die Zahlen immer mehr an.

Beziehung hat sich wegen der Inkontinenz verschoben

Inkontinenz ist allerdings nicht nur eine Frage des Alters. Es kann jeden treffen: Frauen nach einer Geburt, Patienten nach Operationen oder mit einer Erkrankung, ältere und junge Menschen. Und: Neben den Betroffenen selbst leiden Angehörige oft mit.

Renate beschreibt ihren Mann in der Beziehung früher als dominant, sich selbst eher als Hausfrau – obwohl sie 15 Jahre in einer Diakoniestation gearbeitet hat. „Ich habe immer Ja sagen müssen“, beschreibt sie die Beziehung. Heute hat sich das verschoben. Ihr Mann muss nun Ja sagen: zum Duschen, zur Intimpflege, zur Hilfe im Alltag von seiner Ehefrau.

Die Pflege bei Inkontinenz ist oft eine Herausforderung für Angehörige

Renate ist es wichtig, ihren Mann beim Pflegen nicht bloßzustellen. Sie will seine Würde bewahren. Deshalb stellt die Rentnerin möglichst wenige Fragen, entscheidet für ihn mit – weil er es oft ohnehin nicht mehr selbst kann.

Doch genau darin liegt eine der größten Herausforderungen für pflegende Angehörige und Pflegepersonal: Wie lässt sich helfen, ohne die betroffene Person zu übergehen?

Hilfe anbieten, ohne Betroffene zu beschämen

Diese Frage beschäftigt Renate und weitere Teilnehmende im Ethik-Café im Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. Dort kommen Menschen zusammen, um über ethische Themen zu sprechen, die sie im Alltag und im Leben beschäftigen. Mit dabei sind Pflegende, Patientinnen und Patienten, Angehörige sowie Menschen, die sich mit ethischen Fragen auseinandersetzen wollen. Jede Veranstaltung des Ethik-Cafés hat einen eigenen Themenschwerpunkt.

In der Runde zum Thema Inkontinenz und Würde sitzen viele, die inzwischen in Rente sind, einige engagieren sich ehrenamtlich in Krankenhäusern und Palliativstationen. Auch eine Pflegerin aus dem Robert-Bosch-Krankenhaus ist dabei. Der Raum ist gefüllt mit Gedanken, Erfahrungen werden ausgetauscht und Ansichten geteilt. Immer wieder geht es um dieselbe Frage: Wie kann Hilfe angeboten werden, ohne Betroffene zu beschämen?

Das Recht auf Privatsphäre bei Patienten wichtig

Eine eindeutige Antwort gibt es in der Runde nicht. Manche sagen: Es hilft, sich einer Vertrauensperson anzuvertrauen, die dann vieles organisiert. Andere finden, Pflegepersonal und Angehörige müssten nachfragen und Hilfe anbieten, statt zu entmündigen. Wichtig seien dabei vor allem die Wortwahl, der Ton und die Haltung. Und auch, Raum zu lassen, damit Hilfe angenommen, aber ebenso abgelehnt werden kann.

Frauen sind häufiger von Inkontinenz betroffen. Foto: IMAGO/Panthermedia

Eine Frau erzählt aus ihren Erfahrungen, dass in den Zimmern von Menschen mit Inkontinenz im Krankenhaus oft die Toilettenrolle auf den Esstisch gelegt werden würde – für alle offen präsentiert, dass direkt klar ist: Diese Person ist inkontinent. Dabei sei es sehr wichtig, dass Patienten mit Inkontinenz ein Recht auf Privatsphäre haben.

Neben den vielen Vorschlägen der Teilnehmenden scheint einer erstaunlich simpel: über Inkontinenz zu sprechen und das Tabu zu brechen. Wer Inkontinenz nicht verschweigt, sondern offen benennen darf, entlastet damit Betroffene und Angehörige gleichermaßen. Was leicht klingt, ist in der Praxis ist das für viele ein schwerer Schritt.

Betroffene haben Angst vor einer peinlichen Situation

Dabei sind Scham und Unsicherheit bei Betroffenen oft ohnehin sehr groß. Zu den körperlichen Beschwerden kommen psychische hinzu. Viele leben mit der ständigen Angst vor Gerüchen und eingenässten Hosen. Bei jedem Ausflug begleitet eine Frage den Kopf: Gibt es im Notfall eine Toilette?

Die Sorge, die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren, begleitet viele durch den Alltag – und sorgt im schlechtesten Fall dazu, sich zu isolieren.

Hinzu kommt die Angst, anderen zur Last zu fallen. Manche fühlen sich als Zumutung, empfinden sich selbst als eklig oder schämen sich. Und auch Beziehungen leiden darunter: Die Folgen reichen über ein ausbleibendes Sexualleben bis hin zur gemeinsamen Isolation.

Denn neben den Betroffenen leiden Angehörige mit. Um Hilfe zu leisten, werden beispielsweise Nächte unterbrochen, dadurch fehlt Schlaf und wichtige Erholung für die Pflege des Betroffenen. Es entstehen finanzielle Sorgen, etwa wegen Hilfsmitteln. Viele vermeiden Besuch, aus Angst vor peinlichen Situationen. Manche hören oder riechen phantomartig Urin, auch wenn keiner da ist.

Hilfe bei Inkontinenz mit großer Wirkung

Wie die Hilfe richtig angeboten wird, hängt vom Menschen und von der Situation ab, finden die meisten Teilnehmenden im Ethik-Café. Wichtig seien Respekt, Vertrauen und ein Umgang, der sich an den Bedürfnissen der Betroffenen orientiert.

Für Renate zeigt sich das im Alltag. Immer, wenn ihrem Mann ein Fauxpas passiert und Renate ruhig reagiert, fühlt er sich angenommen, erzählt sie - wie nie in seiner fitten Zeit. Seine Dominanz habe er dadurch mit der Zeit abgegeben. Das tut Renate gut. „Im Alter bekomme ich noch so einen lieben Mann.“ sagt sie. „Wir bekommen das hin.“

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