Mehr Zeit für den Unterricht, weniger Stress für die Schüler und eine bessere Balance zwischen Schule und Freizeit – das sind Veränderungen, die mit der Rückkehr zum G 9 verfolgt werden. Nach jahrelanger Kritik am G 8-System, das viele Eltern als zu belastend empfanden, hat der Landtag Anfang dieses Jahres im Rahmen von Schulreformen die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium beschlossen. Auch im Kreis Böblingen müssen die Gymnasien nun ihre Stundenpläne anpassen und neue Konzepte entwickeln, um den Anforderungen des G 9 gerecht zu werden.
„Natürlich haben wir jetzt einen Berg an Arbeit vor uns“, sagt Stefanie Bermanseder, geschäftsführende Schulleiterin für die Böblinger Gymnasien und Leiterin des Otto-Hahn-Gymnasiums (OHG). „Aber Schule ist eigentlich sowieso immer im Flow. Ich bin jetzt seit 30 Jahren Lehrerin und kann sagen, dass wir ständig irgendwelchen Wandlungsprozessen unterliegen.“
Das Thema G 9 ist nicht unumstritten – während viele Menschen dafür waren, gibt es nach wie vor auch kritische Stimmen, die befürchten, dass die längere Schulzeit keinen Bildungsgewinn bringt. „Mir ist bekannt, dass es in einigen Schulen Bedenken seitens der Eltern gibt, aber am OHG haben wir keine wahrgenommen“, berichtet Bermanseder. Vielmehr habe sie ein „großes Aufatmen“ bei der Elternschaft erlebt.
Stundentafel sieht bei den Klassen 5 und 6 keine Mittagsschule vor
Das Bildungsministerium hat den Schulen offen gelassen, ob sie zusätzlich zum G 9- auch weiterhin einen G 8-Zug anbieten wollen. Doch zumindest für das kommende Schuljahr hat man sich im Kreis Böblingen dagegen entschieden: „Stand jetzt wird in Sindelfingen und Böblingen kein Gymnasium das G 8 anbieten. Wir werden jedoch jedes Jahr neu überprüfen, ob es im Kreis eine Schule braucht, die einen G 8-Zug zur Wahl stellt. Grundsätzlich besteht von Seiten der Schulen Interesse, mit den etwas schnelleren und agileren Schülern zu arbeiten, aber wir müssen abwarten, wie die Nachfrage sich entwickelt. Klar ist auch, dass es für eine Schule organisatorisch eher schwierig ist, ein Jahr lang das G 8 anzubieten und es dann wieder abzuschaffen – zumal es eine gewisse Hürde gibt, da für eine Eingangsklasse mindestens 27 Anmeldungen erforderlich sind.“
Im Moment überwiege jedoch erst einmal die Freude über die zeitliche Entlastung – auch bei der Lehrerschaft. „Man hat im G 8 schon immer einen gewissen zeitlichen Druck gespürt und manchmal den Gedanken gehabt: ‚Ach, hätte ich jetzt doch noch ein paar Stunden mehr Zeit’.“
Doch damit ist jetzt Schluss, mit G 9 soll es wieder mehr Zeit für die Unterrichtsinhalte und zum Üben geben. In Zukunft sollen die Kinder somit auch wieder mehr Freizeit haben – in den Klassen 5 und 6 sei ab dem neuen Schuljahr überhaupt keine Mittagsschule mehr vorgesehen, sagt Bermanseder. „Die Stundentafel beschränkt sich da auf Vormittagsunterricht.“
Ein Punkt, den Manfred Birk, geschäftsführender Schulleiter für die Stuttgarter Gymnasien, jüngst bei einer von unserer Zeitung organisierten Podiumsdiskussion zur Bildungsreform kritisiert hat. Denn wer betreut die Kinder, die nun nachmittags mehr Freizeit haben? Mit diesem Thema habe man sich auch schon in Böblingen beschäftigt, wie Bermanseder erzählt. „Wir haben bei unserem Infotag für die Kleinen schon einmal bei der Elternschaft erfragt, wie es denn mit Ganztagsbetreuung aussieht.
Was sich an Lehrinhalten und Fächern ändert
Denn das ist natürlich schon eine Frage – was machen berufstätige Mütter und Väter, wenn die Kinder schon um eins zu Hause sind?“ Das Ergebnis der Abfrage: sehr durchmischt. „Wir hatten ein Drittel, das der Meinung war, es bräuchte eigentlich schon vier, fünf Tage die Woche Betreuung, aber genauso auch ein Drittel, das froh darüber war, dass die Kinder bereits mittags nach Hause kommen. Das Bild ist noch wenig ausdifferenziert. Das wird sich im Laufe der nächsten Zeit sicherlich zeigen.“
Die Schulreformen bringen nicht nur eine Verlängerung der Schulzeit mit sich, sondern auch einen veränderten Lehrplan. „Es wird auf unterschiedlichen Ebenen Änderungen geben“, so Bermanseder. „Zum einen sollen in Klasse 5 die Grundlagenfächer Deutsch, Mathe und die erste Fremdsprache gestärkt werden mit einer sogenannten Differenzierungsstunde, in der auf die Heterogenität der Kinder eingegangen und leistungsdifferenziert unterrichtet wird. Zum anderen soll mehr Wert auf die naturwissenschaftlichen Fächer gelegt werden.“ Zusätzlich sollen Projekte in den Bereichen nachhaltige Entwicklung und Demokratiebildung, sowie ein erweiterter Unterricht in Informatik und Medienbildung die Kinder optimal auf die Zukunft vorbereiten.
Sogenannte Poolstunden, die die Schulen in der Vergangenheit individuell nutzen konnten, werden künftig weniger – und fachlich festgelegter.
„Zurzeit warten wir darauf, dass das Kultusministerium die Reformen in Form von Mustercurricula genauer ausarbeitet. Danach beginnt in den Schulen die eigentliche Arbeit“, sagt Bermanseder, „es wird Fortbildungen geben, auch zu den neuen Fächern. Uns wurde versprochen, dass wir dabei viele inhaltliche Hilfen erhalten.“