Umstritten: Der CDU-Abgeordnete Reinhard Löffler Der Polit-Querkopf auf dem Motorrad

Abgeordneter und Motorradfahrer Löffler – für seinen Fraktionschef ein „Charakterkopf der Großstadt“ Foto:  

Er pfeift auf die Parteilinie, nutzt kuriose Visitenkarten und vertritt Rechte als Anwalt. Reinhard Löffler ist der letzte Großstadt-Abgeordnete der CDU im Landtag – und gilt als schwer steuerbar.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Stuttgart - Wenn Reinhard Löffler (67) seine Visitenkarte übergibt, erntet er fragende Mienen oder gleich ein Grinsen. Auf den ersten Blick sieht das Kärtchen aus wie bei allen Mitgliedern des Landtags: oben das Wappen mit Greif und Hirsch, unten die Kontaktdaten in Abgeordnetenhaus und Bürgerbüro. Doch bei näherem Hinsehen macht ein kleingedruckter Zusatz unter dem Namen stutzig. „Hefezopfpolitischer Sprecher CDU-Fraktion“ steht da. Wie bitte?

 

Natürlich hat die bei der vorigen Wahl kräftig dezimierte Landtagsriege keinen Sonderbeauftragten für das Backwerk. Inspirieren ließ sich Löffler von seinem kleinen Enkel, der ein großer Liebhaber von Hefezopf ist, aber das Wort noch nicht richtig aussprechen kann. Damit macht er sich über jene Kollegen lustig, die ganz erpicht sind auf wichtig klingende Zusatzfunktionen. Für alles und jedes gab es in der Fraktion früher Sprecherämter, bis der neue, junge Vorsitzende Manuel Hagel den Wildwuchs lichtete – was manchen schwer getroffen haben soll.

Von Löffler lernen heißt siegen lernen?

Reinhard Löffler, Jurist und Doktor der Rechte, braucht keine Titel oder Pöstchen mehr. Ein wenig wirkte er selbst überrascht, nach fünf Jahren Pause überhaupt wieder in den Landtag zurückzukehren. Dort ist er das letzte Exemplar einer scheinbar aussterbenden Spezies: CDU-Abgeordneter aus einer baden-württembergischen Großstadt. Nicht die Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann ergatterte in Stuttgart ein Mandat, auch nicht die Architektin Ruth Schagemann, eine moderne, weltoffene Bewerberin wie aus dem Musterbuch der Wahlkampfstrategen, sondern der konservative Ex-Parlamentarier aus Botnang, der nach der Abwahl 2016 schon mit der Politik abgeschlossen zu haben schien. Nun holte er so viele Stimmen von einstigen AfD-Wählern zurück, dass sein Ergebnis von 24,3 Prozent für ein Zweitmandat reichte. In allen anderen Großstädten ging die CDU bei der Wahl im Frühjahr dagegen leer aus. Von Löffler lernen heißt also siegen lernen?

Freude über den Erfolg war in der Partei nur verhalten zu spüren, teils wirkte sie sogar etwas gequält. Denn wenn sich aus dem Sieg des gebürtigen Offenburgers etwas ableiten lässt, dann dies: die Leute mögen Politiker mit eigenem Kopf, mit Ecken und Kanten, mit innerer wie äußerer Unabhängigkeit. Nach einer Karriere bei IBM Deutschland und als gut beschäftigter Rechtsanwalt muss sich Löffler nichts mehr beweisen. Muss sich nicht den Parteioberen unterordnen in der Hoffnung, dafür eines Tages bei der Postenvergabe belohnt zu werden. Muss kein Blatt vor den Mund nehmen, wenn er etwas anders sieht als die meisten Kollegen. Abgeordnete sind „nicht an Aufträge und Weisungen gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen“ – diese von der Verfassung garantierte Freiheit interpretierte Löffler für sich stets umfassend. Vielen gilt er deshalb als „eigenwillig“, manchen sogar als „loose cannon“, jedenfalls als schwer steuerbar.

Wahlhilfe vom befreundeten Ex-AfD-Kollegen

Schon im Wahlkampf tanzte Löffler aus der Reihe. Er pfiff auf die offizielle, mit Profis ausgetüftelte Werbelinie, auf die der vormalige Generalsekretär Hagel so stolz war, und verwendete seine eigenen Plakate. „Damit die Zukunft eine Perspektive hat“, stand darauf – fast so schräg wie bei der Satirepartei „Die Partei“. Zudem produzierte der leidenschaftliche Motorradfahrer Videos, in denen er mit seiner schweren Maschine durch den Stuttgarter Norden tourt und mit den Menschen plaudert – etwa beim Harley-Davidson-Club. Mit düsterer Sakral-Musik unterlegt und eher semiprofessionell gestaltet, gewannen die Filmchen in manchen Kreisen fast Kultcharakter. Von der Partei erhielt der Außenseiter wenig Unterstützung, seine Helfer engagierte er selbst. Nach der Wahl aber prangte er groß auf dem Titel des Stuttgarter CDU-Mitgliederblättchens. Sein Einzug in den Landtag, lobte der Vorsitzende Stefan Kaufmann im Editorial eher pflichtschuldig, sei in dunkler Stunde „der einzige Lichtblick“.

Unterstützung hatte Löffler auch von unerwünschter Seite erhalten: Der einstige AfD-Abgeordnete Heinrich Fiechtner rief zur Wahl seines „Freundes“ auf; der sei ein guter Mann, auch wenn er „in dieser abgefuckten Partei ist“. Löffler verbat sich die Hilfe, er ziele auf die bürgerliche Mitte und nicht auf den rechten Rand. Doch aus seiner Sympathie für den Arzt, über dessen Ausfälle im Landtag viele Kollegen nur noch den Kopf schüttelten, machte er keinen Hehl. Als die grüne Landtagspräsidentin Fiechtner einst von der Polizei aus dem Plenarsaal tragen ließ, vertrat ihn Löffler vor dem Verfassungsgerichtshof des Landes – und gewann teilweise. Der Rauswurf, so die Richter, hätte begründet werden müssen.

Parteifreunde unglücklich über Anwaltsmandate

Über das Mandat für Fiechtner waren viele Christdemokraten ebenso unglücklich wie über Löfflers Rolle im unlängst zu Ende gegangenen „Wasenprozess“. Dort vertrat er zwei der drei Nebenkläger vom rechtslastigen „Zentrum Automobil“, die am Rande einer Demonstration von Antifa-Aktivisten attackiert worden waren. Dominiert wurde die Nebenklage vom einem Freiburger Anwalt und Ex-AfD-Mann, der das Verfahren mit bizarren Thesen zum politischen Schauprozess zu machen versuchte. Wohl war Löffler an dessen Seite erkennbar nicht immer, es traf ihn sichtlich, als „Nazi-Anwalt“ geschmäht zu werden. Doch er verweist auf seine professionelle Rolle: Anwälte verträten „fremde Interessen, nicht eigene“. Gleichwohl wurde sein Büro deswegen Ende voriger Woche zum Ziel eines Buttersäure-Anschlags, den Hagel sogleich als „Angriff auf die Demokratie“ verurteilte.

In die rechte Ecke möchte sich Löffler nicht schieben lassen. Er vertrete die „klassisch konservative CDU“ – diese Zuschreibung der Landeszentrale für politische Bildung treffe es. Seine neulich erstmals erschienene Wahlkreiszeitung betitelte der Christdemokrat, angeblich satirisch, „Octopus“. Begründung: der Tintenfisch könne seine Farbe blitzartig „von schwarz in grün ändern“ – ähnlich wie seine Partei. Die habe im Koalitionsvertrag „viele grüne Kröten“ geschluckt und „grüne Themen salonfähig gemacht“. Damit, gesteht Löffler, hadere er: „Ich bleibe der schwarze Arm des Okctopusses.“

Für den Fraktionschef „nicht immer ganz einfach“

Zwei Seiten weiter lässt sich der Abgeordnete von seinem halb so alten Fraktionschef loben. In einem ganzseitigen Beitrag verteidigt Manuel Hagel die Freiheit der Motorradfahrer; derzeit werde eine Stimmung gegen sie „künstlich befeuert“. Seinen Freund Löffler preist er als „Charakterkopf der Großstadt, mit klarem ordnungspolitischen Kompass und hohem wirtschaftspolitischem Sachverstand“. Stuttgart sei mit ihm im Parlament „optimal vertreten“. Er schätze den „reichhaltigen politischen Erfahrungsschatz“ des alles andere als „stromlinienförmigen“ Kollegen, sagt Hagel, auch wenn das für den Fraktionsvorsitzenden „nicht immer ganz einfach“ sei.

Tatsächlich wäre eine Fraktion aus lauter Löfflers nahezu unführbar. Mehr unabhängige Geister wie er täten ihr aber sicher gut – zumal der Jurist vielen Kollegen rhetorisch überlegen ist. Wo andere sich an Sprechzettel klammern, kann er aus dem Stand wortgewaltig loslegen; bei Attacken schießt er auch mal übers Ziel hinaus. Doch als Redner kam er seit seinem Comeback kaum zum Einsatz, wie ihm in der Landtagsriege überhaupt eher eine Randrolle zugedacht ist – so als Beauftragter für die Angelegenheiten der Rechtsanwälte oder Mitglied im Beirat des Lindenmuseums. Er wolle „keine Bäume mehr ausreißen in meinem Alter“, aber das eine oder andere neue Bäumchen pflanzen, sagt der 67-Jährige. Das gilt auch für ein Thema, das er anders sieht als das Gros der Kollegen: die Sanierung der Stuttgarter Oper. Die dafür geplante Milliarde, fürchtet er, werde kaum reichen. Da wäre es doch „klüger, eine neue Oper zu bauen“ – als architektonisch, ökologisch und energetisch ambitioniertes „Leuchtturmprojekt“ im Rosensteinviertel. So sehr er sich sonst der Fraktionsdisziplin fügt, dafür will er offensiv werben.

Einem kleinen Wunsch der Kollegen dürfte sich Löffler hingegen kaum verschließen. Er möge, baten die, sich neben der Hefezopf-Variante doch auch noch normale Visitenkarten zulegen.

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