Umstrittene Ansiedlung Rüstungskonzern Thales auf dem Acker
Die Ansiedlung von Thales in Ditzingen war in mehrfacher Hinsicht von Superlativen geprägt. Selbst zehn Jahre später ist davon manches noch außergewöhnlich.
Die Ansiedlung von Thales in Ditzingen war in mehrfacher Hinsicht von Superlativen geprägt. Selbst zehn Jahre später ist davon manches noch außergewöhnlich.
Würden schon bald Panzer in Ditzingen zu sehen sein, gar durch die Stadt rollen? Derlei Befürchtungen waren bald zu hören, als die Ansiedlung von Thales im Jahr 2011 bekanntgegeben wurde. Der französische Konzern wollte dort seine Deutschlandzentrale bauen und dafür mehrere Standorte in der Region zusammenlegen. Thales, ein Rüstungskonzern, in Ditzingen?
Das gefiel nicht allen Stadträten – die Mehrheit im Gemeinderat sah das aber anders: Es überwog die Zufriedenheit, hunderte Arbeitsplätze in der Region gehalten zu haben. Zumal der Ackerboden, der mit der Ansiedlung zunächst verloren schien, an anderer Stelle aufgebracht werden sollte, um schlechtere Böden qualitativ besser aufzuwerten.
Die damalige Leiterin der Wirtschaftsförderung Stuttgart hatte versucht, Thales in der Landeshauptstadt zu halten. Sie musste das Unternehmen ziehen lassen, weil Stuttgart keine großen Gewerbeflächen mehr zur Verfügung stellen konnte. Thales zog die drei Standorte Stuttgart, Pforzheim und Korntal-Münchingen also in Ditzingen zusammen. Die Stadt hatte dafür sechs Hektar erschlossene Gewerbefläche in Aussicht gestellt – Stuttgart hatte nur zwei anbieten können.
Thales Deutschland stellte sich den Sorgen der Bevölkerung, der damalige Chef erklärte im Gespräch mit dieser Zeitung, es würden keine Panzer auf dem Gelände rollen. Daran habe sich bis heute nichts geändert, sagt Unternehmenssprecher Pitt Marx. Allenfalls die Mercedes G-Klasse, der Geländewagen der Bundeswehr, befinde sich dort, quasi als Muster zum Geräteeinbau.
Thales ist ein französischer Elektronikkonzern, der in Militärtechnik, Luft- und Raumfahrt und Sicherheit aktiv ist. Das Image eines Rüstungskonzerns hat er auch in Deutschland, auch wenn hierzulande die zentralen Bereiche Kommunikations- und Satellitensysteme sowie digitale Sicherheitslösungen für zivile und militärische Anwendungen im Fokus stehen. Hauptkunden seien etwa Regierungen, Streitkräfte, Raumfahrtagenturen und Industrieunternehmen im In- und Ausland, heißt es bei Thales.
Unternehmenssprecher Marx erinnert sich gut an die Diskussion vor zehn Jahren. Dass es bald ruhiger wurde um die Ansiedlung begründet er einerseits mit der Offenheit, mit der kommuniziert worden sei. Er erinnert sich an Vorträge, die er selbst im Ort gehalten habe, etwa auf Einladung der Kirche. Andererseits habe sich die Situation durch die Zeitenwende deutlich verändert: „Die Rüstungsindustrie hat ihr Schmuddelimage verloren.“
Er macht keinen Hehl daraus, dass dies dem Unternehmen auch am Standort Ditzingen helfe. Denn dort verschoben sich die Geschäftsanteile vor wenigen Monaten deutlich hin zum militärischen Bereich. Die Bahntechniksparte machte in Ditzingen seither 50 Prozent aus. Nach dem Verkauf der Sparte an einen japanischen Konkurrenten stieg der militärische Anteil von Thales Deutschland – also auf alle Standorte in Deutschland bezogen – auf rund 75 Prozent. Neun Standorte sind es in Deutschland insgesamt.
Der Käufer, Hitachi Rail GTS Deutschland, hat nach eigenen Angaben knapp 1200 Beschäftigte in Ditzingen, 2800 deutschlandweit. Sitz ist im selben Gebäude wie Thales. Laut Thales handle es sich bei dem Verkauf um eine strategische Ausrichtung auf die langfristigen Hochtechnologiemärkte Luft- und Raumfahrt, Verteidigung, Sicherheit, Cybersecurity und digitale Identität.
Insgesamt habe sich Thales „im Rückblick gut in das Gefüge des Wirtschaftsstandortes Ditzingen eingefügt und ich bin sicher, dass dies auch bei der Firma Hitachi der Fall sein wird“, sagt Oberbürgermeister Michael Makurath (parteilos). In seiner Erinnerung habe die Entscheidung für Thales „nicht zu den besonders umstrittenen“ gehört und habe „in rekordverdächtig kurzer Zeit“ realisiert werden können. Es sei allerdings einer der sehr seltenen Fälle gewesen, in denen es gelungen sei, für ein Unternehmen dieser Größe in der Region einen neuen Standort zu finden. Der zusätzliche Verkehr habe in der ersten Zeit nach der Ansiedlung des Unternehmens mit fast 2000 Mitarbeitenden für Diskussionen geführt; dies habe sich dank S-Bahn, Bus-Pendelverkehr und verbesserter Ampelsteuerung entspannt.
Höher, größer, schneller – In unserer Serie „Rekordverdächtig“ stellen wir Orte in der Region Stuttgart vor, die auf besondere Weise herausragend sind.